Kultur : Mythos Neutralität Eine kurze Geschichte

der Schweiz

Siegfried Weichlein

Seit 1990 ist der Bedarf an Geschichte in der Schweiz enorm angestiegen. Mit den Debatten um das Nazi-Gold, die Rolle im Zweiten Weltkrieg und das Bankgeheimnis gingen eine allgemeine Verunsicherung und ein Unbehagen einher. Gleich mehrere „Geschichten der Schweiz“ versuchten in den vergangenen beiden Jahrzehnten eine Antwort auf die Frage nach der Schweizer Identität zu geben. Teils richteten sie sich an ein wissenschaftliches Fachpublikum, teils, wie Thomas Maissens „Geschichte der Schweiz“, an ein breiteres Publikum. Dabei ist der in Heidelberg lehrende Historiker beileibe kein Identitätsstifter. In seiner nüchternen, pointierten Art arbeitet er Zäsuren und leitende Geschichtsbilder heraus, die Selbst- und Fremdwahrnehmung prägten.

Maissen akzentuiert die Bedeutung der sogenannten Helvetik, also der Zeit von 1798 bis 1803, in der die Schweiz das letzte Mal eine Fremdherrschaft erlebte. Der Korse Napoleon Bonaparte wurde zum vielleicht wichtigsten Schweizer. Auf ihn gehen die heutigen Kantonsgrenzen zurück, er schwächte die ältere eidgenössische Ordnung so nachhaltig, dass sie sich auch nach 1815 nicht mehr dauerhaft etablieren konnte. Ausführlich behandelt Maissen die lange Geschichte der Neutralität. Ursprünglich eine Lebensnotwendigkeit eines konfessionell und sprachlich gespaltenen Landes, wurde sie zum positiven Identitätsmerkmal im Selbstbild der Schweizer – bis heute. In der Ära der Weltkriege und des Nationalsozialismus bestimmte die Neutralität am deutlichsten die Selbstwahrnehmung der Schweizer, die es angeblich ihrem Mut und ihrer Tapferkeit zu verdanken hatten, dass Hitlers Wehrmacht nicht einmarschierte. Mit diesem Mythos räumt Maissen auf und betont die ökonomischen Vorteilsstrukturen, die die Schweiz in die deutsche Kriegsführung einbanden, genauso wie die Sympathien für das „Dritte Reich“ und die Tradition des Schweizer Antisemitismus.

Dennoch erklärt die lange Kontinuität des Selbstbildes, das um Neutralität, Selbstbestimmung und Schweizer Ur- werte kreist, warum so viele Eidgenossen ihr Land im Zeitalter globaler Märkte als immobil und fremdbestimmt wahrnehmen. Das will so gar nicht zu der Vorstellung der seit dem Rütli-Schwur von 1291 durchweg selbstbestimmten Eidgenossenschaft passen. Siegfried Weichlein

Thomas Maissen: Geschichte

der Schweiz.

Hier und Jetzt Verlag, Baden 2011.

333 Seiten, 24,80 Euro.

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