Kultur : Nach Böhmen!

Zum Tod des Dirigenten Charles Mackerras

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Als er 1947 mit 22 Jahren nach Prag kam, um das Dirigentenhandwerk zu erlernen, verliebte er sich sofort in die Musik Leo Janaceks. Mit der böhmischen Musiziertradition machte er sich beim legendären Václav Talich vertraut. So konnte Charles Mackerras, 1925 in New York geboren, in Australien aufgewachsen und zunächst als Oboist ausgebildet, zu einem der bedeutendsten Interpreten des tschechischen Komponisten werden. Dass Janaceks „Jenufa“ und „Katja Kabanova“ heute zum Kernrepertoire der Opernhäuser gehören, ist nicht zuletzt ihm zu verdanken, mit den Wiener Philharmonikern legte er Referenzaufnahmen vor. Prag machte ihn zum Ehrenbürger, 1991 dirigierte er „Don Giovanni“ zur Wiedereröffnung des renovierten Ständetheaters. Zu seiner Wahlheimat aber wurde Großbritannien, wo er 1979 zum Sir geadelt wurde. Er dirigierte ab 1948 am Londoner Sadler’s Wells Theatre, ab 1964 auch am Royal Opera House Covent Garden. 1980 durfte er als erster Nicht-Brite die „Last Night of the Proms“ dirigieren.

Natürlich wurde der Maestro auch in Australien gebraucht. Bei der Eröffnung des Opernhauses Sydney stand er 1973 auf dem Podium; ab 1982 leitete er drei Jahre lang das dortige Symphonieorchester, bevor er die Leitung der Walsh National Opera übernahm. In Deutschland machte Mackerras sich rar, dirigierte in den 60er Jahren an der Berliner Staatsoper sowie in Hamburg und war zuletzt mehrfach Gast der Staatskapelle Dresden.

Schwerpunkte setzte er neben dem tschechischen Repertoire auch bei Händel, Mozart und Brahms sowie den satirischen Operetten von Gilbert und Sullivan. Und er war ein begeisterter Quellenforscher, verbrachte viel Zeit in den Archiven. Die Brahms-Sinfonien, die er nach intensiver Auseinandersetzung mit dem Autograf 1997 mit dem Scottish Chamber Orchestra einspielte, stießen auf Begeisterung: „Frisch, leicht und neu“ erschien der „Sunday Times“ dieser Brahms; „ein wichtiger Schritt auf unserem Weg, die authentische Aufführungspraxis des späten 19. Jahrhunderts zu verstehen“, lobte das „Wall Street Journal“. Im Alter von 84 Jahren ist Charles Mackerras jetzt in London gestorben. Frederik Hanssen

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