Nach den Wahlen in Griechenland : Die seltsame Verwandlung des Alexis Tsipras

Betrogene Liebende: In Griechenland herrscht eine Woche nach der Wahl Katerstimmung. Unsere Autorin hat den Eindruck, Wählen und Regieren seien fast dasselbe.

Amanda Michalopoulou
Blick in das griechische Parlament. Nach den Neuwahlen herrscht in Griechenland Katerstimmung.
Blick in das griechische Parlament. Nach den Neuwahlen herrscht in Griechenland Katerstimmung.Foto: Pantelis Saitas/epa

Ende der 1970er Jahre kursierte in Griechenland eine romantische Romanreihe mit dem Titel „Zweite Liebe“. In ihrer Kombination von konservativer Haltung und Sinnlichkeit passten diese Romanzen zum Sittenkodex der Zeit: Eine Frau, eine verblühte Schönheit verliebte sich zum zweiten Mal in ihrem Leben (in einem solchen ideologischen Kontext gibt es nur eine einzige Liebe, die das ganze Leben lang währt). Nach vielen Irrungen und Wirrungen gelang es der unglücklichen Frau schließlich, sich wieder der Liebe hinzugeben.

Die Verwandlung begann jeweils damit, dass sie ihr langes, üblicherweise blondes Haar offen ließ. Das war die Initiation. Als neue Rapunzel gehörte sie wieder zu den romantischen Frauen, die alles für die Liebe tun. Der Mann, dem sie diese erschütternde Wandlung verdankte, war in der Regel hart und vom Leben gezeichnet. Seine moralischen Werte waren nicht verhandelbar, obgleich er zu Beginn des Abenteuers ein skrupelloser Opportunist zu sein schien.

"Erheben wir die Sonne über Griechenland"

Ich weiß nicht, warum bei mir nach den Wahlen vom 20. September in Griechenland die Erinnerung an die „Zweite Liebe“ aufkam, die Pulp Fiction meiner frühen Jahre. Vielleicht erinnerte mich die „Zweite Liebe“ an „Zum zweiten Mal die Linke“. Nach dem so erfolgreichen Wahlspruch vom Januar „Zum ersten Mal die Linke“ wurde das zwar nicht ausdrücklich gesagt, aber es saß um den Wahltermin im Unterbewusstsein der Allgemeinheit.

Und weil wir gerade dabei sind: Auch äußerlich wirkte Alexis Tsipras wie die Männer aus der „Zweiten Liebe“: Ein attraktiver reifer Mann mit vielen Problemen (europäische Institutionen und Regierungschefs, innerparteiliche Feinde, unsichere Mehrheit im Parlament) konnte endlich ein Griechenland für sich gewinnen, das – um beim Vergleich zu bleiben – seit den Tagen von Andreas Papandreou nicht mehr so heftig in Liebe entbrannt war.

Im Lauf der Zeit verwandelt sich unser jetziger Ministerpräsident immer mehr in den ehemaligen Führer der Pasok. Die Stimme hat denselben tiefen Klang von Sicherheit und väterlicher Fürsorge angenommen. Außerdem hat er am Abend des Sieges gerufen: „Erheben wir die Sonne über Griechenland“ – in Anspielung auf den Vers aus dem „Geistigen Marsch“ des Dichters Angelos Sikelianos, und dabei weiß auch der allerletzte Grieche nur zu gut, dass Papandreous Pasok das geistige Eigentum an diesem Vers und allgemein am Wort Sonne besitzt.

Tsipras hat an diesem Abend an den Propyläen auch noch weitere Lieblingswörter von Papandreou gebraucht, wie „Heimat“ und „Nation“, die großen Teilen der Linken gegen den Strich gehen. Und er kam problemlos von der griechischen Lyrik auf Hollywood: „Syriza ist zu hart, um zu sterben.“ Keiner klärte ihn darüber auf, dass der Film „Die Hard“ (Stirb langsam) auf einen Thriller von Roderick Thorp mit dem Titel „Nothing lasts forever“ zurückgeht.

Die Wahlergebnisse haben alle Vorhersagen auf den Kopf gestellt

Wie lange kann diese Liebe tatsächlich halten? Eine Liebe, die schon unzählige Versprechungen überstanden hat, schöne Worte, Heroismus, Kapitalkontrollen, neue Memoranden? Möglicherweise hält diese romantische Einstellung der Griechen so lange bis die Reformen anfangen und mit ihnen der Verzicht auf den Besitzstand. Oder so lange, wie der Ministerpräsident Versprechungen bietet.

In Griechenland wird die Stimme, die etwas verspricht, immer deutlicher gehört als die Stimme, die Gesetze erlässt. Deshalb haben die Wahlergebnisse die Vorhersagen der Demoskopen auf den Kopf gestellt. Die Hälfte der Wähler ist gar nicht wählen gegangen. Diejenigen, die gewählt haben, sind mit einem erstaunlichen Mangel an politischer Ideologie von einer Partei zur anderen übergewechselt, was insofern ungewöhnlich ist, als die Griechen früher ihrer Partei ebenso treu geblieben sind wie ihrem Fußballverein. Das hat sich geändert, als die beiden großen Parteien endgültig ihre Glaubwürdigkeit verloren. Nun haben die Wähler wie betrogene Liebende nur noch eine kurzfristige, zufällige Affäre im Auge.

Dieser Wandel, dieses Ende der Politik als Teil der Identität und des Bewusstseins zeigt sich erstaunlicherweise nicht nur bei der Wählerschaft, sondern auch bei der Koalition der Syriza mit der Anel, einer rechtsextremen Partei. Der ideologische Abstand zwischen den Koalitionspartnern ist gewaltig; das hat sich erwiesen, als die Syriza im vorherigen Parlament bei der Abstimmung über das Staatsangehörigkeitsgesetz die Anel mit ihrer populistischen Idolatrie der Heimat überstimmte.

Allianz im Namen des Populismus

Wir haben es mit einer Krankheitsgeschichte des politischen Systems zu tun, das sich offen von der politischen Geschichte abwendet und nicht die politischen Allianzen eingeht, die am besten zusammenpassen, sondern diejenigen, die am vorteilhaftesten sind. Der Abstand zwischen den Rechten und Linken wird kleiner, und die Beziehungen der Parteien beruhen nur noch auf übereinstimmenden Meinungen in Bezug auf die Memoranden. Was Syriza und Anel erstmals zusammenbrachte, war die populäre Politik gegen die Memoranden. Doch mittlerweile haben genau diese „Memorandumsgegner“ dem härtesten Memorandum zugestimmt. Was legitimiert also die Liebesgeschichte zum zweiten Mal?

Bekanntermaßen benötigen Liebesgeschichten keine weitere Legitimation als den Sturm der Gefühle. Darum hat der Ministerpräsident am Wahlabend auch den Vorstand der Anel zur Begrüßung des Volks mit aufs Podium geholt. Diese Umarmung kann man als Allianz im Namen des Populismus interpretieren. Aber man kann darin auch etwas Tiefgreifenderes sehen: die Loslösung der Politiker von der Leistung, die sie erbringen, ihren tiefen Glauben, dass niemand und nichts die politische Leistung anerkennt, sondern nur die Worte.

Worte hat es viele und schöne gegeben, denn im Moment wird Syriza nur beständig gewählt, die Partei macht keine Gesetze. Sie wird im Januar gewählt, lässt im Juli eine Volksabstimmung halten und wird im September abermals gewählt. Man bekommt den Eindruck, Regieren und Wählen seien dasselbe.

Niemand kann sich den Fortgang der Liebesgeschichte zwischen Syriza und Anel, zwischen Syriza und dem Volk vorstellen. In der Athener Metro, auf den Straßen, in den Warteschlangen vor den Banken oder der Sozialversicherung ist die Stimmung auf dem Tiefpunkt. Die Menschen haben es satt, immer nur Veränderungen zum Schlimmeren erwarten zu müssen. Ihre abgekämpften Gesichter sind ihre wirkliche Stimme.

Amanda Michalopoulou, geboren 1966, lebt als Schriftstellerin in Athen. Aus dem Griechischen übersetzt von Birgit Hildebrand.

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