• Nachfolger von Frank Castorf: Neuer Intendant der Volksbühne: Chris Dercon stellt sich vor

Nachfolger von Frank Castorf : Neuer Intendant der Volksbühne: Chris Dercon stellt sich vor

Nach wochenlangem Theaterstreit stellte sich Chris Dercon jetzt als Nachfolger von Frank Castorf als Intendant der Volksbühne in Berlin vor. Mit im Team sind Alexander Kluge, Romuald Karmakar, Marietta Piepenbrok und Susanne Kennedy.

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Michael Müller, Chris Dercon und Tim Renner in Berlin. Foto: AFP PHOTO / TOBIAS SCHWARZ
Michael Müller, Chris Dercon und Tim Renner in Berlin.Foto: AFP PHOTO / TOBIAS SCHWARZ

Er kommt, spricht und beeindruckt. Er flicht in seine Tour de force durch Stadt und Kunst, Geschichte und Ästhetik gleich zu Beginn die Namen Reinhardt, Piscator, Besson, Müller (Heiner, nicht Michael, der kommt später noch) und Castorf ein. Damit hat Chris Dercon beim Vorstellungstermin im Roten Rathaus schon einmal den Verdacht ausgeräumt, der in den vergangenen Wochen so häufig geäußert worden war: dass der Belgier die Volksbühne nicht leiten könne, denn er sei kein Theatermann.
Aber nun kommt er. Und bringt ein Team mit, das den künftigen Intendanten Dercon absichert und zugleich das Haus nach allen Seiten öffnet. Die junge Theaterregisseurin Susanne Kennedy, der Filmemacher Romuald Karmakar, die Choreografen Mette Ingvartsen gehören dazu und – Überraschung! – der 83-jährige Autor und Regisseur Alexander Kluge. Mit Marietta Piepenbrok holt er eine im deutschen und europäischen Kulturbetrieb erfahrene Programmdirektorin.
Die Volksbühne soll ein Ort der Begegnung von Menschen und Künsten sein, das war sie ja schon immer. Was Dercon vorhat, könnte man als Runderneuerung der Tradition fürs 21. Jahrhundert beschreiben. So sieht es auch der Regierende Bürgermeister und Kultursenator Michael Müller, der hier seine erste und sehr weit reichende Entscheidung für die Kulturentwicklung in Berlin getroffen hat. Müller ist neu auf diesem Gebiet, und so will er auch das Neue. „Von Berlin“, sagt Müller, „müssen Impulse ausgehen, hier muss etwas gewagt werden“. Mit dem Status quo könne man sich nicht zufriedengeben. Und deshalb habe er sich für Chris Dercon entschieden. Der werde sich mit Berlin auseinandersetzen und weit über die Stadt hinaus wirken.

Dercon räumt in seiner 20-minütigen Berliner Antrittsrede alle strittigen Themen ab. Das Ensemble der Volksbühne will er erhalten. Er will kein Festival aufziehen, sondern richte sich nach dem römischen Kalender: Theater jeden Tag. Und er hat vor, so wie es Castorf und Co. vorgemacht haben, „die Stadt als Bühne mit zu inszenieren.“ Dafür wird die Volksbühne auch wieder den Prater in der Kastanienallee bespielen und und das Kino Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz. Von dort, in einer Nord–Süd-Achse, habe man den Hangar 5 in Tempelhof im Blick – als weitere Spielstätte für all die Künstler unterschiedlichster Provenienz, die Dercon engagieren will. Und das ist im Moment eher nicht so schwer, denn Berlin befindet sich auf dem Höhepunkt seiner Anziehungskraft. Es ist der Traum-Raum und Spekulationsort weltweit. Und was Berlin international ist, das ist die Volksbühne für Berlin: das kreative Pump- und Kraftwerk. Mit „Terminal Plus“ soll es ab 2017 dann auch eine digitale Volksbühne geben. Theater im Netz, als Aktion und Archiv.

Chris Dercon bedankt sich bei der Presse für die Diskussion

Apropos: Da muss man jetzt kurz innehalten, rekapitulieren. Chris Dercons Auftritt markiert am Freitagnachmittag das Ende einer turbulenten Zeit. Auch darauf geht Dercon noch ein. Er dankt der „deutschen Presse“, die Diskussion um seine Person sei wichtig gewesen. So viel Charme ist man hier nicht gewohnt.
Am 1. Mai beginnt das Theatertreffen, die Leistungsschau der deutschsprachigen Bühnen in Berlin. Das ist immer ein großes Fest, oft auch ein Kampfplatz für ästhetische und kulturpolitische Themen. Auch Frank Castorf ist dabei, mit seiner Inszenierung des „Baal“ nach Bertolt Brecht, die in Berlin zum letzten Mal gezeigt wird. Die Erben des Dramatikers haben das Verbot durchgesetzt. Es sei zu viel fremdes Material benutzt worden – und nicht mehr viel übrig von Brecht.
In Berlin tobte allerding bereits seit Wochen ein ebenso unterhaltsamer wie aufschlussreicher Theaterstreit. Auch hier geht es um Altes und Neues, um Copyright und Eitelkeit. Ganz Theaterdeutschland mischte sich ein in eine Auseinandersetzung, die viele Fronten und Ecken hat. Darf ein Kurator, ein Museumsmann ein Theater leiten? Und dann auch noch die heilige Volksbühne? Das wäre gerade so, als würde ein evangelischer Theologe zum Papst gewählt.

Claus Peymann übernahm die Clownsrolle

Castorf freilich, seit 1992 im Amt, hat immer alles dafür getan, sein Programm zu weiten mit Musik, Bildender Kunst, Performance. Diskursen. Seine eigenen Inszenierungen mit ihrem hohen Anteil von Video und einem piratenhaften Textverständnis haben längst den Weg des literarischen Theaters verlassen, auf dem ein Claus Peymann am Berliner Ensemble unberirrt weiterschreitet.
Peymann, 77, spielte in dem Streit die Rolle des Clowns. Er beschimpfte den Regierenden Bürgermeister und Kultursenator Michael Müller, bewarf Kulturstaatssekretär Tim Renner mit Dreck. So machen es die Hofnarren, aber da war Peymann schon besser in seinen früheren Wiener Jahren, politischer. Lustig, wie er plötzlich seinem Erzfeind Frank Castorf beigesprungen und das Ensembletheater verteidigt hat – das ja bei Peymann wie bei Castorf gar nicht mehr richtig existiert. Eine Phantomdebatte also. Und das tut ja oft sehr weh. Weil das, worum es geht, gar nicht mehr existiert: das Theater der achtziger, neunziger Jahre.

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