Nachkriegsgeschichte im Spiegel der Kunst : Das einsame Ich

17.10.2012 00:00 Uhrvon
Zu Hause in Europa. Blick in einen der Ausstellungsräume im Pei-Bau Unter den Linden. Foto: Ole Spata, dpa Foto: dpa
Zu Hause in Europa. Blick in einen der Ausstellungsräume im Pei-Bau Unter den Linden. Foto: Ole Spata, dpa - Foto: dpa

Pünktlich zum Friedensnobelpreis zeigt der Europarat die Ausstellung „Verführung Freiheit“ mit Kunst seit 1945 im Deutschen Historischen Museum Berlin.

1949 wurde der Europarat gegründet. Zehn Staaten hoben ihn aus der Taufe, die Bundesrepublik Deutschland kam 1951 als 13. Mitglied hinzu. Heute gehören ihm 47 europäische Staaten an, und die Quizfrage kann allenfalls lauten: Wer fehlt? Antwort: Vatikan, Weißrussland und Kosovo. Wenn es die Zielsetzung des Europarats ist, „einen engeren Zusammenschluss unter seinen Mitgliedern zu verwirklichen“, wie es in Artikel 1 seiner Satzung heißt, dann ist diese Ausgabe augenscheinlich verwirklicht. Nur, Institutionen sterben nicht; sie bleiben bestehen, weil sie nun einmal da sind und sich bestenfalls tatsächlich bewährt haben.

Mehr oder minder bewährt hat sich ein hübsches Accessoire: die Europaratsausstellung, ein Unterfangen, das auf nationale oder auch multinationale Initiative hin in Gang gesetzt wird und in der Regel zu bemerkenswerten Ausstellungen führt.

Berlin war seit der 15. Europaratsausstellung „Tendenzen der zwanziger Jahre“ im Jahr 1977 mehrmals Schauplatz solcher Veranstaltungen, zumal sie mittlerweile zu Wanderausstellungen im heutigen Museumsbetrieb geworden sind. Wandern wird auch die 30. Europaratsausstellung mit dem Titel „Verführung Freiheit“, die am gestrigen Dienstagabend im Deutschen Historischen Museum eröffnet wurde und ab heute im Untergeschoss des Pei-Baus zu besichtigen ist. Es handelt sich um eine reine Kunstausstellung – und da fängt die Problematik an: Wie kommt ein Geschichtsmuseum dazu, eine Ausstellung allein von Kunstwerken zu zeigen, ohne historische Objekte, Dokumente, Archivalien. Also ohne all das, um dessentwillen die Besucher gewöhnlich in dieses Haus kommen?

Es ist eine ganze Menge Vermittlungsarbeit vonnöten, um die Institution und die temporäre Ausstellung für ein breites Publikums zusammenzuführen. Gezeigt werden 113 Kunstwerke von ebenso vielen Künstlern aus 28 europäischen Ländern, gegliedert in zwölf Kapitel auf einer Fläche von 1000 Quadratmetern. Der Arbeitstitel des Unternehmens lautete „Kritik und Krise“. Ob die Initiatoren um Monika Flacke vom DHM und Henry Meyric Hughes, den Kunstbeauftragten des British Council, samt ihren auf 90 Wissenschaftler angewachsenen Beratergremien geglaubt haben, der Titel dieses in Fachkreisen berühmten Buchs des Historikers Reinhart Koselleck sei der Allgemeinheit geläufig?

Monika Flacke, die am DHM mit den zwei gleichlautenden Projekten „Mythen der Nationen“ 1998 und 2004 Ausstellungsgeschichte geschrieben hat, ist beglückt, einmal ganz auf die Kraft der Kunst vertrauen zu dürfen. Es handele sich um eine „ideengeschichtliche Ausstellung“ betont sie, wobei ihr der hauptberatende Horst Bredekamp, renommierter Kunsthistoriker der Humboldt-Universität, insofern in die Parade fährt, als er die über jeden Zweifel der bloßen Illustration erhabene Qualität der gezeigten Arbeiten hervorhebt. Möge also jedermann die Ausstellung auf seine Weise betrachten – als subtile Spurenverfolgung der Ideen der europäischen Aufklärung im Medium der Kunst oder eben als Versammlung von Meisterwerken, denen man mit durchaus unterschiedlichen Interpretationen beikommen kann.

Kunst mit Ideengeschichte in Beziehung zu setzen, ist kein leichtes Unterfangen. Zumal die heimliche Zielsetzung der Schau darin besteht, der gewandelten Aufgabenstellung des Europarats eine Art kulturelles Dekor zu verleihen. Denn seit 1989/90 geht es nicht mehr um die Blockteilung Ost– West und den Kalten Krieg, über dessen Schützengräben hinweg jedes Gesprächsforum eine bitter nötige Rolle spielte. Jetzt geht es um die Bewahrung der Menschenrechte und die stete Verwirklichung der Demokratie, zu denen sich ganz Europa zumindest dem Wortlaut nach bekennt.

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Unser/e Leser/in blinder meint zum Artikel: Besuch im Reichstag bleibt umständlich:
Da von den aktuell 620 Abgeordneten bei den Sitzungen sowieso nur 20% anwesend sind, bleiben fast fünfhundert Sitze unbelegt. Hier könnte man doch die wartenden Besucher nach der obligatorischen Einlasskontrolle "zwischenparken".
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