Nachruf auf John Berger : Was erzählt werden muss

Für eine Kunst mit gesellschaftlicher Aufgabe: Zum Tod des großen englischen Kunstkritikers, Essayisten und Romanciers John Berger.

Poet und Revolutionär. John Berger 2016 in seiner letzten Wohnung in Antony, südlich von Paris.
Poet und Revolutionär. John Berger 2016 in seiner letzten Wohnung in Antony, südlich von Paris.Foto: Jacob Berger/AFP

„Du bist nun überall“, twitterte der Theatermann Simon McBurney, der die Nachricht vom Tod John Bergers als einer der Ersten überbrachte. „Zuhörer, Brillenglasschleifer, Dichter, Maler, Seher. Mein Lotse. Philosoph. Freund.“ Now you are everywhere: Das könnte ein Bekenntnis zum Feinstofflichen oder ganz und gar Geistigen sein. Tatsächlich aber fügt es sich bruchlos in jenen Materialismus ein, den Berger ein Leben lang kultivierte. Einen in der Feier der Gott ersetzenden Natur an Spinoza und im Blick auf die globale Klassengesellschaft an Marx und Engels geschulten Materialismus, der den Dualismus von Leib und Seele rundheraus ablehnte und doch nicht aufs rein Physische reduzieren lassen wollte.

Insofern konnte er sogar seiner eigenen Auslöschung schon vor über 30 Jahren in dem Essay „Und unsere Gesichter, mein Herz, vergänglich wie Fotos“ etwas Tröstliches abgewinnen. „Was mich mehr als irgendetwas sonst mit meinem eigenen Tod aussöhnt“, heißt es darin, „ist das Bild eines Ortes: eines Ortes, wo deine Gebeine und meine bestattet, unbedeckt zueinandergeworfen sind. Sie sind dort wild durcheinandergestreut. Eine deiner Rippen lehnt an meinem Schädel. Ein Mittelhandknochen meiner linken Hand liegt innerhalb deines Beckens. Es ist seltsam, dass dieses Bild unserer Nähe, wo es sich doch auf nichts als Kalziumphosphat bezieht, ein Gefühl des Friedens verleihen soll. Doch das tut es. Mit dir kann ich mir einen Ort vorstellen, wo es genügt, Kalziumphosphat zu sein.“

Klingt das nun, da John Berger zwei Monate nach seinem 90. Geburtstag in Antony, einem Vorort von Paris, gestorben ist, vielleicht doch nur wie die Übersetzung einer haltlosen Transzendenz ins Sentimentale? Berger, 1926 als Sohn eines kleinen Beamten in London geboren, war dazu wie zum korrespondierenden Pathos in der Lage. In seinem Einfühlungsvermögen lag aber auch die Dringlichkeit, mit der er soziale Konflikte sowohl aus der Perspektive des Einzelnen wie aus derjenigen der Gemeinschaft betrachtete. Es lag nahe, dass er, nachdem er mit 16 Jahren die als tyrannisch erlebte Privatschule geschmissen hatte, die bildende Kunst als Zeugin seiner Welterklärung zu Hilfe nahm.

Nirgends fand er konkreter – und gegen die Tendenz seiner Zeit: gegenständlicher – dargestellt, wie aus taktiler Nähe und auratischer Ferne eine Idee des Menschen in seiner Schönheit und in seinem Schmerz entsteht.

Er hielt zum abstrakten Expressionismus Abstand genauso wie zum Agitprop

An der Chelsea School of Art studierte er Malerei, verdiente sein Geld aber zunächst als Kunstkritiker des Wochenblatts „New Statesman“. Als Anwalt eines weit gefassten Realismus war ihm der abstrakte Expressionismus eines Jackson Pollock verhasst. Als die Kunst auch noch das Malen und die letzten Reste des Erzählens hinter sich lassen wollte, entfremdete er sich von vielen Strömungen immer weiter. Doch Berger, der mit einer Monografie über Renato Guttuso debütierte, war kein Traditionalist, er forderte nur die gesellschaftliche Verantwortung von Kunst. Mitte der 60er Jahre untersuchte er „Glanz und Elend des Malers Pablo Picasso“, der als Revolutionär begonnen und als Hofmaler eines vom Geld verdorbenen Kunstbetriebs in die Jahre gekommen war.

Bergers kämpferische Unversöhnlichkeit steckte schon in seinem ersten Roman „A Painter of Our Time" (Die Spiele, 1958). Er enthält die fiktiven Aufzeichnungen eines kommunistischen ungarischen Malers namens Janos Lavin im Londoner Exil, kommentiert von einem befreundeten Kunstkritiker. In ihnen spiegelt sich Bergers ganzes Ringen um die politische Aufgabe, die er der Kunst zuweisen wollte. Ihre Autonomie, die sich im 19. Jahrhunderts bis zum Schlachtruf des „L’art pour l’art“ steigerte, fand er lächerlich – und hielt zugleich auf Abstand zum Agitprop.

Als leidenschaftliches Ideenlaboratorium ist dieses Buch bis heute anregender als sein großes Erzählpuzzle „G.“, in dem er unter anderem Giuseppe Garibaldi, dem Guerillero des italienischen Risorgimento, und einer Don-Giovanni-Figur vor dem unruhigen Hintergrund der Epoche vor dem Ersten Weltkrieg seine Reverenz erweist. Die doppelte Prämierung mit dem James Tait Black Memorial Prize und dem Booker Prize verschaffte ihm 1972 den Durchbruch – und einen Skandal: Die Hälfte des Preisgeldes stiftete er den Black Panthers: als Zeichen des Widerstands gegen die sponsernde Booker McConnell Group, die ihre Vertragsarbeiter auf karibischen Zuckerrohrplantagen bis ins 20. Jahrhundert ausgebeutet hatte.

Zum public intellectual machte ihn allerdings erst der im gleichen Jahr ausgestrahlte BBC-Vierteiler „Ways of Seeing“. Eine auch in Buchform erschienene Anleitung zum Sehen, die sowohl auf das sinnliche Detail setzt wie auf den historischen Kontext. Es mag heute kurios anmuten, dass jemand öffentlich so vehement auf dem fundamentalen Unterschied von Kunst und Werbung beharrte. Als selten gewordene Form von Ideologiekritik lohnt es sich aber, an diesen Punkt zurückzugehen – auch wenn Berger die Warenförmigkeit der Malerei schon in einer aufs Vorzeigen von Macht und Reichtum gerichteten Ölmalerei sah. Auf YouTube sind alle Episoden noch zu sehen.

Kurz darauf war er London leid und zog sich mehrere Jahrzehnte lang nach Quincy, ein Dorf in Hochsavoyen, zurück, mit regelmäßigen Ausflügen nach Paris, wo der begeisterte Motorradfahrer eine Zweitwohnung unterhielt. Das bäuerliche Landleben, das er in der Trilogie „Von ihrer Hände Arbeit“ im Moment seines Verschwindens festhielt, lieferte ihm den Standpunkt, von dem aus er seine Kritik an einer sinnlos hochtechnisierten Welt unternahm. Berger war nicht versöhnlicher als zuvor, aber in seinen Texten gab es eine neue Poesie. Einen sparsameren Umgang mit dem erzählerischen Atem, der Dinge auch gerne in der Schwebe ließ, ein Stil zwischen archaischer Wucht und zarter Andeutung, den er zum Markenzeichen entwickelte.

Getrieben von einem Gerechtigkeitsgefühl

Er schrieb auch vermehrt Gedichte und begann nach Jahren der Abstinenz wieder zu zeichnen. Daneben ließ sich der auch in deutschen Zeitungen gefragte Essayist aber weiter zu Bildbetrachtungen, philosophischen Reflexionen und schneidenden Interventionen hinreißen. Letztere gründeten, wie ihm der langjährige Kunstkritiker der „New York Times“, der neokonservative Hilton Kramer, vorwarf, eher im Vorhalten einer moralischen Schuld der sozial Privilegierten gegenüber den weniger Privilegierten als auf ernsthafter politischer Analyse. Aber wie anders als durch ein schlechtes Gewissen sollte man ein Bewusstsein von Ungerechtigkeit entwickeln?

Berger vermochte diesem Gerechtigkeitsgefühl auch durch seine Figuren eine Stimme zu geben. „Was mich über all die Jahre zum Schreiben gebracht hat“ erklärt er in seinem jüngsten Prosaband „Confabulations“, sei „die Ahnung, dass etwas erzählt werden muss und dass es womöglich gar nicht erzählt wird, wenn ich es nicht versuche.“ Jetzt werden das wohl oder übel andere übernehmen müssen. Welchen Ton sie auch anschlagen – John Berger wird ihnen dabei noch Jahrzehnte als Beispiel dienen.

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