Nachruf auf Leonard Cohen : Sag zum Abschied leise Hallelujah

Die Welt wird dunkler: Leonard Cohen ist tot. Der große Sänger und Poet starb mit 82 Jahren in Los Angeles. Ein Nachruf.

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Leonard Cohen 2008 bei einem Konzert in Amsterdam
Leonard Cohen 2008 bei einem Konzert in AmsterdamFoto: dpa/bildfunk

Wie er sich auf der Bühne verbeugt hat vor seinen Musikern, wieder und wieder, so müsste man es jetzt machen. Wie er auf die Knie sank, den Hut in der Hand, ein Lächeln auf dem Gesicht und aufsprang wie eine Gazelle. Wie er hineinhörte in seine Lieder, die so verjüngt klangen bei den letzten Auftritten, wie er seine Dankbarkeit und Demut zeigte – so müsste das letzte „So long ...“ klingen. So long, Leonard.

Es sind nachhaltig verstörende Nachrichten, die man in diesen Tagen aushalten muss. Leonard Cohen ist gegangen, warum jetzt? Das einzig Tröstliche daran könnte die Erkenntnis sein: Politik ist nicht alles. Es gibt – auf der langen Distanz – wichtigere Dinge. Leonard Cohen hat von ihnen gesungen. Liebe. Sex. Religion. Schmerz und Einsamkeit, radikale Individualität. Würde. Cohen hat dem Unsagbaren eine Form gegeben.

Darin liegt das Wunder, an dem sich dieser immer elegant gekleidete Mann abgearbeitet hat. Seine Stimme ist wie keine andere. Eine dunkle Sonne, die wärmt, ein goldenes Amulett. Das Unüberbrückbare zwischen den Menschen, und das, was Menschen zusammenbringt und manchmal zusammenhält, fließt bei ihm in eine Melodie. „Suzanne“. Klage, Gebet, Hymne. „Hallelujah“: Dieses Lied, das vom Komponieren und vom Kopulieren erzählt, das Blasphemie in Andacht verwandelt, wurde sein berühmtestes.

Tausend mal gecovert, häufige Begleitung bei Beerdigungen. Ein gutes Dutzend Studioalben von 1967 bis 2016, etliche Live-Alben: Cohens ganz große Popularität kam spät. Berühmt war der Poet mit der Gitarre schon früh. Er schätzte Bob Dylan, und Bob Dylan, der nun den Literaturnobelpreis bekommt, schätzte ihn. Wenn, wie man sagt, die Pop-Musik mit Dylan erwachsen wurde, dann hat Cohen ihr auf seine Art das Ewig-Jugendliche erhalten; die Stürme der Pubertät, das Suchen nach Sinnlichkeit und Sinn noch im Leib eines alten Mannes.

Cohen besaß einen feinen Humor

Cohen gab sich kaum einmal zufrieden mit den Arrangements seiner Songs, er rang um den Sound, die musikalische Heimat seiner Verse, ließ sich sogar einmal mit dem Bombast eines Phil Spector ein, und er schrieb die Worte immer wieder um. Der Dreivierteltakt spielt bei ihm eine dominante Rolle. In dieser musikalischen Form wiegen sich das Leichte und das Schwere, Gesang und Körper drehen sich im Kreis, meditativ bis zum Ekstatischen.

Es ist ein Tanz für zwei, mit wechselnden Partnern. Er kreist um den jüdischen Gott seiner Kindheit, dem er auf seinem gerade erst erschienen Album „You Want It Darker“ die Brocken hinwirft. Der Tanz kreist um Jesus, der bei Cohen ein verlorener Seemann war, und um Buddha, dem Cohen sich als Mönch in einem kalifornischen Zen-Kloster zu nähern versuchte. „Bird on the Wire“. Was ist ein Dichter anderes als ein Mensch, der fliegen lernt und die Abstürze beschreibt: die Fallhöhe des Erhabenen und des Banalen.

Cohen besaß einen feinen Humor. Man höre „Tower of Song“, da macht er sich über sich selbst und seine musikalischen Anstrengungen lustig. Oder „Waiting for the Miracle“, wo es heißt: "The Maestro says it’s Mozart /But it sounds like bubble gum / When you're waiting/ For the miracle, for the miracle to come." Es ist einer seiner schönsten Songs, ein Schaukeln, ein Wiegen, ein Vorwärtsdrängen im Kreis. In der Erotik liegt Lebensernst. Transzendenz kommt von dort.

Auf seiner grandiosen Comeback-Tour von 2008 bis 2013 war es zu erleben, in der Waldbühne: Er hatte es geschafft. Ein bald 80-jähriger Entertainer spielte sich mit tief empfundener Freude durch sein Werk, endlich glücklich mit seinen Musikern, die ihn trugen „to the end of love“ und bis zum Ausgang: „Save the Last Dance for Me“. So endeten die unvergesslichen Konzerte. Mit Freudentränen.

Es fällt schwer, an einem grauen und kalten Novembertag von Leonard Cohen Abschied zu nehmen

Es ist mehr als eine Vermutung, eine nicht zu übersehende Parallele zu David Bowies Abschied. Cohen schenkte noch vor ein paar Wochen dem „New Yorker“ ein langes Interview. Es erschien im Oktober, nach seinem 82. Geburtstag und vor dem Erscheinen des „Darker“-Albums. Er sprach vom Sterben, von den Dingen, die er ordnen wollte. In Los Angeles zeigte er sich dann noch einmal in der Öffentlichkeit, um das Album vorzustellen.

Darauf kündigt er das Ende an. Das Ende des Gesprächs mit Gott. We kill the flame. Wir blasen das Licht aus. Ist er den Weg gegangen, so lange er noch selbst darüber entscheiden konnte? Wie Bowie? Der feierte auch noch einen letzten Geburtstag, den 69., brachte ein letztes Album heraus, „Blackstar“, und ein Video als Lazarus – als Toter, der (nach dem Testament des Johannes) ins Leben zurückkehrt, aber nie wieder gesehen wurde. Am 10. Januar 2016 ist David Bowie gestorben. Er hatte bis zuletzt alles in der Hand, es war ihm gegönnt, dem Ende eine Form zu geben. Nun ist auch Leonard Cohen ein „Blackstar“.

Die in diesem Alter uns verlassen, waren keine Helden für einen Tag. Sie haben uns über Jahrzehnte Lichter aufgesetzt und – in all ihren künstlerischen Sprüngen und Wendungen – ein Gefühl der Kontinuität gegeben. Wie irrig es auch gewesen sein mag: Dieses Gefühl kommt einem jetzt auf vielfältige Weise abhanden. Cohen allerdings sang schon 1992 auf dem Album „The Future“: Ich habe die Zukunft gesehen. Es wird mörderisch.

Auf dem Zukunftsalbum findet sich auch der Song „Democracy“, ein ironischer Marsch. Cohen schrieb ihn unter dem Eindruck des Falls der Berliner Mauer und des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking. Was er von den USA sagt, klingt heute prophetisch. Die „Machinery of Change.“ Die Wiege des Besten und des Schlimmsten. Die kaputte Autoindustrie. I love the country but I can’t stand the scene. Ich liebe das Land, aber ich kann nicht hinsehen. Große Dichtung: Sie schlägt den Bogen über Zeitalter und Kontinente. Sie wird nicht alt.

Es fällt schwer, an einem grauen und kalten Novembertag von Leonard Cohen Abschied zu nehmen. Man hätte besser hinhören sollen, zuletzt. „You want it darker/We kill the flame“. „It’s au revoir“. „I’m travelling light.“ Heißt das, dass er nicht schweren Herzens ging, dass er das Spiel auf der dunklen Seite beenden wollte, nach eigenem Drehbuch? Keine Zeit mehr für Koketterie, die es ja auch gibt in seinen Songs? Wer will das wahrhaben, selbst wenn es so klar gesagt ist?

Cohen entstammte einer jüdischen Familie

Leonard Cohen wurde am 21. September 1934 in Montreal geboren, ein Kanadier, der viele Jahrzehnte in den USA lebte. Cohen entstammte einer jüdischen Familie, sein Urgroßvater war vor Mitte des 19. Jahrhunderts aus dem Baltikum in die Neue Welt ausgewandert. Er wuchs mit amerikanischer Pop- und Countrymusik auf und mit dem Gesang in der Synagoge.

Europäische Kultur aber hat ihn – nach eigener Auskunft – zum Dichter gemacht – die Poesie des Spaniers Federico Garcia Lorca, die frühen sechziger Jahre auf der griechischen Insel Hydra, wo er in einer kleinen internationalen Künstlergemeinde lebte. Sein erster Gedichtband („Let Us Compare Mythologies“) erschien 1956, seine Romane „Das Lieblingsspiel“ und „Glückliche Verlierer“ gehörten in den siebziger Jahren auch in der westdeutschen Subkultur zur Grundausstattung.

Das erste Album: „Songs of Leonard Cohen“, mit den „Sisters of Mercy“ und „So long, Marianne“. Die Frau, der das Lied gewidmet ist, starb im letzten Sommer. Cohen schrieb ihr in einem Brief, da lag sie auf dem Sterbebett, er komme bald nach. Die Frauen waren gut zu ihm. Judy Collins sang „Suzanne“, Joni Mitchell half ihm bei seiner Karriere, sie waren eine Zeitlang zusammen. Mit Janis Joplin gab es im „Chelsea Hotel“ eine heiße Begegnung. Sharon Robinson hat ihn bis zuletzt mit ihrer Stimme begleitet und geleitet.
Cohen gehörte lange zu New York und seiner Rock- und Folkszene, und es war Lou Reed – er ist vor drei Jahren gestorben – , der ihn 2008 in die Rock’n’Roll Hall of Fame einführte. Mit seinem Schnodderton zitierte er Cohens „First we take Manhattan, then we take Berlin“, und er erinnerte auch an das Lied, das jetzt darauf wartet, gespielt zu werden:

Let’s not talk of love or chains
And things we can’t untie,
Your eyes are soft with sorrow,
Hey, that's no way to say goodbye.

Nein, so sagt man nicht Lebewohl. Aber wie soll man es sonst sagen?

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