Nachruf auf Maria Kwiatkowsky : Die Macht der unbedingten Selbstverausgabung

Maria Kwiatkowsky war ein Ausnahmetalent. Sie verströmte auf der Bühne und auch in ihren Filmrollen eine unvergleichlich eigene Energie und Unbedingtheit. Jetzt ist sie mit erst 26 Jahren gestorben. Ein Nachruf auf die Berliner Schauspielerin.

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Die Suchende. Maria Kwiatkowsky in Ayse Polats "En garde" von 2004.
Die Suchende. Maria Kwiatkowsky in Ayse Polats "En garde" von 2004.Foto: X-Verleih

In Frank Castorfs mehrstündiger „Ozean“-Inszenierung vor zwei Jahren an der Berliner Volksbühne gab es diesen Moment, in dem man plötzlich hellwach von seinem Sitz hochfuhr: Eine junge Schauspielerin betrat aus der Tiefe des Raumes die Bühne und schlug dabei einen Blindenstock, den sie in der rechten Hand mitführte, wie einen Taktstock auf den Boden: aggressiv, energisch, fordernd. Mit der gleichen Unerbittlichkeit, mit der das Metall auf die Bretter knallte, schaute sie ins Publikum.

Man hatte zu diesem Zeitpunkt an der Volksbühne schon viele junge Schauspielerinnen beim Versuch erlebt, die Lücke zu füllen, die der Weggang legendärer Castorf-Diven gerissen hatte. Aber hier stand eine, die nichts füllen wollte und in keinerlei vorgestanzte Formate passte, sondern eine unvergleichlich eigene Energie und Unbedingtheit verströmte. Mit solchen Schauspielerinnen, dachte man, könnte die Volksbühne den Sprung in eine neue Ära schaffen. Dass Maria Kwiatkowsky aus der Kritikerumfrage der Zeitschrift „Theater heute“ als „Nachwuchsschauspielerin des Jahres 2010“ hervorging, war nur folgerichtig.

Am Freitagabend teilte die Volksbühne mit, dass Maria Kwiatkowsky bereits am 4. Juli im Alter von 26 Jahren gestorben ist. An Herzversagen, wie das Internetportal nachtkritik.de unter Berufung auf das Umfeld der Schauspielerin schreibt. Die Volksbühne selbst, wo Maria Kwiatkowsky seit 2010 festes Ensemblemitglied war, machte zur Todesursache keine Angaben. Spekulationen ließen nicht lange auf sich warten: Die „Bild“-Zeitung brachte ohne Nennung konkreter Anhaltspunkte eine „Überdosis Drogen“ ins Spiel, die „Berliner Morgenpost“ will von „Problemen im Umgang mit Betäubungsmitteln“ erfahren haben. Mario Adorf dagegen, der mit ihr noch vor zehn Tagen bei Dreharbeiten für den Kinofilm „Die Erfindung der Liebe“ zusammengetroffen war, erklärte in „Bild am Sonntag“: „Nichts hatte in meinen Augen darauf hingedeutet, dass Maria ein Problem haben könnte.“

Natürlich kann man sich – ob berechtigt oder nicht – beim plötzlichen Tod einer so jungen Künstlerin nur schwer dagegen wehren, die außergewöhnliche Durchlässigkeit und unbedingte Selbstverausgabung, die auf der Bühne solch eine suggestive Kraft entwickelt, im Nachhinein noch einmal in einem anderen Licht zu sehen. Dass Maria Kwiatkowsky, die nie eine Schauspielschule besuchte, sich nicht in Handwerkstricks und Routinen rettete, sondern immer wieder mit dieser kompromisslosen Unbedingtheit zur Disposition stellte, war ein wesentlicher Teil der Faszination, die von ihrem Spiel ausging. Und wenngleich jeder Fall ein unvergleichlicher Einzelfall ist, fällt es zudem schwer, nicht an Schauspielerinnen wie Franca Kastein oder Schauspieler wie Frank Giering zu denken, deren Spiel sich in ähnlich tiefe Dimensionen bohrte und die im Jahr 2000 beziehungsweise 2010, ebenfalls jung, unter jeweils eigenen tragischen Umständen starben.

Maria Kwiatkowsky hatte schon während der Schulzeit Theater gespielt, zum Beispiel im Volksbühnen-Jugendklub P 14. Ihre erste Filmrolle fiel in die Abiturzeit. In Ayse Polats „En Garde“ spielte die damals 19-Jährige ein Mädchen, das von seiner Mutter in ein katholisches Erziehungsheim gesteckt wird, sich mit der Schere Blutstriemen in die Haut ritzt und auf Stress mit Hyperakusis reagiert: Das übersensible Hörvermögen, bei dem jedes Blätterrauschen zum akustischen Terror wird, übertrug sich fast physisch. Dafür erhielt Maria Kwiatkowsky 2004 beim Filmfestival Locarno zusammen mit ihrer Spielpartnerin Pinar Erincin den Leoparden als beste weibliche Darstellerin.

Bereits ein Jahr später sollte sie eigentlich an der Volksbühne debütieren, stieg aber kurz vor der Premiere aus: Der ukrainische Regisseur Andrij Zholdak hatte sie für seine Medea-Version „Medea in der Stadt“ besetzt, die als einer der größten Misserfolge in die jüngere Geschichte des Hauses einging. Während der Proben, die dem Vernehmen nach für viele Mitwirkende psychisch anstrengend gewesen sein sollen, zündete Kwiatkowsky „aus beruflichem und privatem Frust“, wie sie später sagte, eine Kindertagesstätte in Prenzlauer Berg an. Für den Schaden von 400 000 Euro musste sie selbst aufkommen. Die zweijährige Jugendstrafe wurde zur Bewährung ausgesetzt, das Gericht ordnete eine Psychotherapie an.

Danach trat die gebürtige Berlinerin, die neben ihrer Schauspieltätigkeit auch noch Literatur und Linguistik studierte, ihr erstes festes Engagement in Freiburg an und kam über Stationen in Düsseldorf und Zürich schließlich zurück an die Volksbühne. „Fröhlich, komisch, manchmal traurig, laut und niemals still“ – so beschreibt die Volksbühne Maria Kwiatkowsky auf ihrer Website posthum. Die Zuschauer, die sie auf der Bühne oder im Film gesehen haben, werden sie als eine Ausnahmekünstlerin in Erinnerung behalten, deren Spiel ins Mark traf.

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