Nachruf : Der Sand, die Mauern, die Zeichen

Der bekannteste Vertreter des europäischen Informell: Zum Tod des spanischen Künstlers Antoni Tàpies.

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Antoni Tàpies (1923–2012). Foto: dpa-bildfunk
Antoni Tàpies (1923–2012). Foto: dpa-bildfunkFoto: dpa

Die cremig helle Schicht bedeckt fast die ganze Leinwand. Am oberen Rand aber verletzen kräftige Messerkerben die zarte Haut der Ölfarbe. Leichte Spuren führen vom Tatort weg. Mit „Blanc avec signe rose“ lernt das deutsche Publikum 1959 bei der documenta II in Kassel erstmals Antoni Tàpies kennen. Seine künstlerische Handschrift hat sich schon deutlich ausgeprägt. In seinen Werken hinterlässt der Mensch archaische Zeichen der Gewalt in der Welt. Seine Bilder erinnern an die prähistorische Höhlenmalerei, die, in den Kalkstein geritzt, vom Überleben erzählt, der Beute und der Bedrohung.

Später trägt Tàpies in seinen Gemälden scharfen, glitzernden Sand auf, Zement oder Marmorstaub, und lässt die Oberfläche schrundig und rau erscheinen. Mit dem Messer zerstört er alles, was heil und glatt ist. Seine Kunst wirkt wie zermalmt von den brutalen Gegensätzen des 20. Jahrhunderts. Sie scheint direkt aus der Verletzung entstanden.

Antoni Tàpies i Puig kommt 1923 einen Tag vor Heiligabend in Barcelona zur Welt. Mit siebzehn beginnt er während einer langwierigen Lungenerkrankung zu zeichnen. Er bricht sein Jurastudium ab, um Künstler zu werden. Die surrealistischen Anfänge unter dem Einfluss von Picasso und Max Ernst lässt er später nicht mehr gelten. Tàpies, einer der bekanntesten Vertreter des europäischen Informell, bezeichnet sich selbst stets als Realisten. Doch eines seiner frühen Gemälde hängt heute in der Fundacio Antoni Tàpies in Barcelona, „Zoom“ von 1947. Es hat seine eigene, strenge Prüfung bestanden. So ungelenk die Malerei hier auch noch erscheint. Beeindruckt von van Gogh malt Tàpies ein Gesicht, das kopfüber aus dem Universum fällt. Seine Empfänglichkeit für haptische Eindrücke wird im Umgang mit der Farbe spürbar, sie ist hier präsente Materie. Aber Tàpies wagt sich noch nicht an die Abstraktion.

1948 gründet er mit Künstlerfreunden die Gruppe Dau al Set – der absurde, katalanische Name bedeutet „Würfel mit sieben Augen“. Weil er gegen die Franco-Diktatur opponiert, muss Tàpies zeitweilig ins Gefängnis. 1950 zieht er mit einem Stipendium der französischen Regierung nach Paris. Hier erfährt sein Werk die entscheidenden Einflüsse und inspiriert umgekehrt die Arbeit anderer Künstler. Jean Fautriers verzweifelte Düsternis, Dubuffets Art Brut, auch Sartres Existenzialismus stellen die Unterströmungen in seinen Mauerbildern dar.

In einem Interview hat der Katalane einmal erzählt, in seiner Kindheit sei Sand verwendet worden, um verbrannte Töpfe zu reinigen. Seine Sand-Gemälde zeugen von einem qualvollen Weg durch das Purgatorium. In Deutschland, wo die Künstler des Informell nach Weltkrieg und Nazidiktatur die Freiheit der Abstraktion suchen, findet Tàpies schnell Anerkennung. Auf diese Anfänge nach dem Krieg bezieht sich jetzt auch Carolyn Christov-Bakargiev, wenn sie als Leitmotiv für die kommende documenta „Zusammenbruch und Aufbau“ formuliert. Günther Uecker verwendet eine ähnlich gewaltsame Geste, er schlägt Nägel ein. Joseph Beuys kann die gesellschaftliche Einbindung der Kunst nachvollziehen.

Mit seinen Kollegen Antonio Saura und Manolo Millares gelang Tàpies zu internationalem Erfolg. Er reist, lebt in New York und gründet 1984 in Barcelona die Fundacio Antoni Tàpies. Die Stiftung fördert moderne und zeitgenössische Kunst. Durch die Beschäftigung mit fernöstlicher Philosophie, mit Taoismus und Zen-Buddhismus, wird Tàpies Werk im Alter milder. Es bleiben die archaischen Zeichen an der Wand, das Kreuz, das A für Antoni, das T für Teresa, seine Frau. Bis ins hohe Alter bleibt er ein Vielarbeiter, der gern und schnell produziert. Am 6. Februar ist Antoni Tàpies im Alter von 88 Jahren in Barcelona gestorben.

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