Nachruf : Peter-Paul Zahl: Das System ist der Fehler

In Deutschland saß er nach einer Schießerei im Gefängnis, nach seiner Freilassung übersiedelte er nach Jamaika. Eingreifen statt Ergriffensein: Zum Tod des Schriftstellers Peter-Paul Zahl.

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Peter Paul Zahl.
Peter Paul Zahl.Foto: dpa

Wenn es um Literatur ging, war für ihn die Sache klar. Es gab für ihn, wie er in einem Essay „zur Rezeption moderner Klassik“ erklärte, nur „eingreifende oder ergriffene Literatur“. Peter-Paul Zahl, der gelernte Kleinoffsetdrucker, verstand sich stets als Eingreifer, und Schreiben war für ihn die Vorschule der Revolution. Deshalb legte er es auch erst gar nicht darauf an, als Schriftsteller mit Haut und Haaren zu gelten. „Ich bin auch Schriftsteller“, erklärte er 1976 vor Gericht, als man ihn zum zweiten Mal verurteilte, nachdem er vier Jahre zuvor in Düsseldorf einen Polizisten, der ihn kontrollieren wollte, bei einer Schießerei lebensgefährlich verletzt hatte. Diesmal beschränkte sich die Anklage nicht auf gefährliche Körperverletzung und schweren Widerstand, man legte ihm einen doppelten Mordversuch zur Last. Das Urteil lautete statt auf vier Jahre nun auf 15 Jahre Haft, aus der er im Dezember 1982, nicht zuletzt durch die Fürsprache von Kollegen wie Erich Fried und Helga M. Novak und die Appelle des PEN-Zentrums, vorzeitig entlassen wurde.

Zahl, 1944 in Freiburg im Breisgau als Sohn eines Juristen und Verlegers geboren, verbrachte seine Kinderjahre in der mecklenburgischen DDR und seine Jugend im Rheinland, bevor er 1964 als Kriegsdienstverweigerer nach Westberlin floh. Die Ankunft in der Inselstadt kam ihm vor wie eine zweite Geburt. Er wurde politisch im Handumdrehen nachsozialisiert, schloss sich der Dortmunder Gruppe 61 an, aus der später der Werkkreis Literatur der Arbeitswelt hervorging, und machte sich für jede Form außerparlamentarischer Opposition stark. 1966 begann er eigene Texte und Gedichte in Zeitschriften und auf Flugblättern zu veröffentlichen. 1967 begründete er „Spartacus“, die „Zeitschrift für lesbare Literatur“ und fütterte die damals gerade erblühende Gegenöffentlichkeit. Die Theorie dazu verlegte er im Reprint. Ob Michail Bakunin, der Große Vorsitzende Mao oder Günter Wallraff – es war die Zeit, in der Anarchismus und Orthodoxie sich vertrugen. Alles war recht, um das System zum Einsturz zu bringen.

Zugleich wusste Zahl: „Das System macht keine Fehler. Es ist der Fehler.“ So waren die Reden betitelt, die er 1974 vor Gericht hielt. Auch da waren für ihn die Fronten klar, und alles, was er an jugendlicher Empfindsamkeit und beweglicher Wut 1970 in seinem Debütroman „Von einem, der auszog Geld zu verdienen“, einer monologisierenden Odyssee durch die linke Westberliner Szene noch aufbieten konnte, verhärtete zusehends.

Es war dies allerdings kein Wunder. Denn schon seit Ende der sechziger Jahre hatten Polizei und Stadtguerrilla ein Katz-und-Maus-Spiel miteinander gespielt. Zahl erlebte eine Hausdurchsuchung nach der anderen, unter anderem wegen seiner Verbindungen zur „Bewegung 2. Juni“. Man beschlagnahmte eine Nummer der libertären Zeitschrift „Agit 883“ in seiner Druckerei, und so hysterisiert die Szene war, die überall Zensur und Gesinnungsjustiz am Werk sah, so hysterisiert gab sich die Staatsmacht, die sich von Terroristen umgeben sah.

Dann schnurrte die Welt für ihn auf die Größe einer Gefängniszelle – was er zum Anlass nahm, Knast als idealen Ort literarischer Produktion überhaupt zu definieren. War in der Isolationshaft, die ihm anfangs zuteil wurde, die Erfahrung eines existenziellen Mangels nicht am intensivsten, und stachelte dieser Mangel einen nicht zur Utopie einer neuen Gesellschaft an? „Überall ist Attica“, schrieb er in einem Buch über den legendären Gefängnisaufstand im Bundesstaat New York 1971. Es war seine Identifikation mit einer fernen Revolte, in der Hoffnung, dass die ganze Bundesrepublik an ihren Gitterstäben rütteln würde. Im selben Maß, wie er den Knast als Realität erlebte, sah er ihn als riesige Metapher.

Aber „alles geht weiter“, schrieb er 1979 und dekretierte: „Das Recht auf Glück muss Gesetz in allen zukünftigen Büchern werden.“ Sein Glück fand Zahl schließlich auf Jamaika, wo er Schelmenromane, Krimis und immer wieder Texte über seine deutsche Vergangenheit schrieb. Am Montag ist er dort mit 66 Jahren gestorben. Gregor Dotzauer

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