Kultur : Nah am Kratzbaum Ein detailliertes Buch über die NSU-Zelle

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Von einer „Schande für unseren Rechtsstaat“ spricht Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser- Schnarrenberger, und man muss ihr recht geben. Der Fall der Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund (NSU)“ ist ein dunkles Kapitel in der Geschichte der Bundesrepublik. Nicht nur wegen der Taten der drei Neonazis und ihrer Unterstützer. Auch das Versagen der Sicherheitsbehörden, die aufwendig und dann doch verquer und engstirnig nach den Mördern von neun Kleinunternehmern türkischer und griechischer Herkunft sowie einer Polizistin suchten, ist beschämend. Aber auch die Ignoranz des Rests der Gesellschaft, die trotz einer beispiellosen Serie von Morden an Migranten keinen Rassismus witterte.

Vor diesem Hintergrund ein Buch über den NSU zu schreiben, erfordert viel Akribie, Sensibilität – und den Mut, das Risiko einzugehen, dass die Recherchen durch neue Erkenntnisse aus den unzähligen Dokumenten der Behörden schon bald überholt werden. Mehrere Journalisten und Autoren sind das Wagnis bereits eingegangen, nicht wenige davon gescheitert. Christian Fuchs und John Goetz hingegen ist eine Art Teilerfolg gelungen: Die beiden Journalisten liefern in ihrem Buch eine nahezu minutiöse Biografie des Trios Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe, auch für die Zeit vor deren Gang in den Untergrund Anfang 1998.

Schon die Darstellung von Zschäpes Lebenslauf lässt ahnen, warum die Frau aus Jena die vermeintliche Nestwärme einer rechtsextremen Clique suchte: Zschäpes Mutter genoss in den 1970er Jahren das Privileg, als DDR-Bürgerin im Ausland studieren zu können. Annerose A. ließ sich in Bukarest zur Zahnmedizinerin ausbilden und verliebte sich in einen rumänischen Kommilitonen. Im Januar 1975 brachte Annerose A. ein Mädchen zur Welt. Beate Zschäpe, das ist eine Randnotiz der Geschichte der Deutschlandfanatiker des NSU, ist zur Hälfte nicht-deutscher Herkunft. Die Autoren schildern ihre schwierige Kindheit. Die Mutter kümmert sich um die Tochter nur wenig, die Stiefväter wechseln. Zschäpe, der Nachname stammt vom zweiten Ehemann der Mutter, findet emotionalen Halt offenbar nur bei einer Großmutter. Die geliebte Oma ist es auch, die Zschäpe auf der Flucht nach dem Showdown vom 4. November 2011 in Eisenach und Zwickau, noch einmal besuchen will, was dann nicht klappt.

Als hätten sie Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt mit Handkameras begleitet, schildern Fuchs und Goetz die Taten des Trios und dessen Alltag in der Zeit zwischen den Verbrechen. Die Kontakte zu Nachbarn in Zwickau, die Urlaube auf der Ostseeinsel Fehmarn, Zschäpes Vorliebe für Pornos und die Hingabe für ihre Katzen, mit denen sie angeblich „im Katzenzimmer mit dem Kratzbaum“ kuschelte. Bei einigen dieser atmosphärischen Details scheint die Grenze zwischen Fantasie und Fakten ein wenig porös gewesen zu sein.

Fuchs und Goetz haben reichlich Ermittlungsakten studiert, die Erkenntnisse der parlamentarischen Untersuchungsausschüsse und weiterer Kommissionen finden sich in dem Buch jedoch nur partiell. Das ist dem Abgabetermin für ihr Manuskript geschuldet: So werden beispielsweise die unglaublichen Pannen der Thüringer Behörden nur gestreift. Ein zweites Manko allerdings hätte vermieden werden können. Die Autoren beschränken sich weitgehend auf die Darstellung des NSU, eine reflexive Ebene ist nur in Ansätzen zu erkennen. Das Buch endet abrupt mit Zschäpes Festnahme. Wie es in der Bundesrepublik mit ihrem hochgerüsteten Sicherheitsapparat, mit investigativen Medien und mit vielen Initiativen gegen Rechtsextremismus passieren konnte, dass ein Thüringer Trio fast 14 Jahre lang Terror ausüben konnte, ohne Verdacht zu erregen, wäre zumindest Stoff für ein weiteres Kapitel gewesen.









– Christian Fuchs, John Goetz:
Die Zelle. Rechter Terror in Deutschland. Rowohlt Verlag, Reinbek 2012. 272 Seiten, 14,95 Euro.

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