Namibische Indigene in Europa : Unser Feind, die Stadt

Reise durch das Land der weißen Geister: Die Dokumentation „Ghostland“ begleitet namibische Buschleute als Touristen durch Europa.

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Wo die Familie in Frieden lebt. Vater, Mutter, Kind in der Kalahari-Wüste.
Wo die Familie in Frieden lebt. Vater, Mutter, Kind in der Kalahari-Wüste.Foto: Verleih

Vielen Deutschen ging das Getröte der Vuvuzelas bei der Fussball-WM in Südafrika auf die Nerven. Ähnlich ging es einer Gruppe namibischer Besucher, die zur EM 2016 in ein Frankfurter Public-Viewing gerieten. „Die Deutschen sind so laut, das sind wir nicht gewohnt. In unserer Kultur ist es gut, ruhig und gelassen zu sein“, sagt Chau. Diese traditionsreiche Kultur liegt auch im Süden Afrikas: die der San, die bei uns lange als Buschmänner bezeichnet wurden und heute durch Landraub oft in städtische Elendssiedlungen versprengt wurden.

Eine Untergruppe, die Ju/Hoansi, ist noch zu großen Teilen in ihrer ursprünglichen Region, der nördlichen Kalahari, geblieben. Durch Privatisierung des Landes und neue Gesetze hat sich ihr Leben dennoch geändert. So wurden die einstigen Nomaden sesshaft. Und seit die Regierung ihnen 1989 die traditionelle Jagd verbot, bleiben als Haupteinkommensquelle nur die Touristen, die für sie inszenierte traditionelle Tänze und Handwerkstechniken mit dem Handy filmen und zwischen den zartgebauten San auffallend plump wirken.

Die Ju/Hoansi trauern den alten Zeiten nach, doch sie sind auch neugierig. Warum also nicht die Blickrichtung umdrehen? So organisiert der namibische Reiseleiter Werner Pfeifer für eine Gruppe von ihnen eine Bustour durch das eigene Land mit Pool- und Supermarktbesuch. Und Safari, die („Bitte, lasst uns diese Giraffe töten, die kleinen haben sehr zartes Fleisch!“) besonders die Männer an frühere Jagdausflüge erinnert.

Ein halbes Jahr später werden vier junge Ju/Hoansi von einer Stiftung nach Europa eingeladen, um dort etwas von ihrer Kultur weiterzugeben. Gemeinsam mit „Langbart“ Werner tauschen zwei Frauen und zwei Männer ihr naturnahes Dorfleben gegen die Frankfurter Hochhauswelt ein und reisen anschließend weiter bis nach Dänemark und Italien. Die Ahnung, dass die Weißen verrückt sind, schon vorher eine ihrer Standardfloskeln, wird nun Gewissheit.

Keiner entspricht den gängigen Klischees des Migranten

Doch die Begeisterung und der Humor kennen kaum Grenzen. „Ghostland“ heißt der Dokumentarfilm über diese Reise. Die Ju/Hoansi hielten die ersten Weißen für Geister. Geisterland ist aber auch ein Europa, dessen Hektik und Anonymität die Besucher kritisieren. „Eure Städte sind nicht gut für mich“ sagt Chau. Alle vier entsprechen dem Klischee des von Europa träumenden potentiellen Migranten so wenig wie dem des edlen Wilden, das mehrfach ironisch anklingt – besonders schön auf Chaus T-Shirt mit einem Leopardenkopf und der Aufschrift „Go Wild!“.

Trocken kommen ihre oft amüsierten Kommentare, und die Filmemacher, der Frankfurter Ethnologe Simon Stadler und Co-Regisseure Catenia Lermer und Sven Methling, sind klug genug, ihre Helden und Heldinnen für sich selbst sprechen zu lassen. Bei ihrer Rückkehr werden sie von den Daheimgebliebenen mit einem Jubelfest empfangen. Ihre Berichte über die Welt da draußen werden den Blick der Ju-Hoansi auf die Touristen gründlich ändern – und damit den auf das eigene Leben.

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