Nationalgalerie : Eine deutsche Renaissance

Von 1945 bis 1968: Die Neue Nationalgalerie hat ihre Nachkriegssammlungen grandios neu sortiert.

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Ein Betrachter vor dem Gemälde "Erie Shore" von Ronald B. Kitaj in der Neuen Nationalgalerie in Berlin. Die Ausstellung "Der geteilte Himmel" läuft vom 11. November 2011 bis zum Frühjar 2013 und zeigt die Kunst der Nachkriegszeit von 1945 bis 1968.Weitere Bilder anzeigen
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10.11.2011 19:10Ein Betrachter vor dem Gemälde "Erie Shore" von Ronald B. Kitaj in der Neuen Nationalgalerie in Berlin. Die Ausstellung "Der...

Gute Ausstellungen erzählen Geschichten von der Kunst. Wie sie sich durchsetzt, leidet, kämpft, bis sie in den Kanon der Kunstgeschichte aufgenommen wird oder untergeht, durch Krieg, Vernichtung, so dass manchmal nur eine Schwarz- Weiß-Reproduktion übrig bleibt. Es sind die Geschichten der Künstler, der Menschen, die dahinterstehen. Vielleicht feiert gerade deshalb die Ausstellung „Gesichter der Renaissance“ im Bode-Museum solche Triumphe, weil jedes einzelne Bild eine Person, ein Schicksal vor Augen führt.

Auch die Neue Nationalgalerie will erzählen, von ihrer Sammlung der Jahre 1945 bis 1968. Auf die knappe erste Jahrhunderthälfte der Bestandsausstellung unter dem Titel „Moderne Zeiten“ folgt nun Teil zwei der Trilogie im Mies van der Rohe-Bau. Nach dem augenzwinkernden Bezug auf Chaplins Klassiker nennt sich die neue Präsentation „Der geteilte Himmel“ in Anlehnung an Christa Wolfs Roman, der Geschichte eines Liebespaares aus Ost und West, das sich nicht entscheiden kann, in welchem Teil der Stadt es leben will. Schließlich trennen sich die beiden. Ein tragisches Ende.

Die Ausstellung zeigt einen Ausschnitt der Verfilmung von Konrad Wolf – jenen Moment, in dem die weibliche Figur erklärt, dass ihnen nicht einmal der Himmel als verbindendes Element bleiben werde, weil dieser sich als Erstes teilt. Dieselbe Melancholie umwebt die Schau der Neuen Nationalgalerie, denn die Teilung gilt auch für die Kunst. Auch auf ihrem Rücken wurden ideologische Kämpfe ausgetragen – ob nun in den Werken selbst oder in der Sammlungspolitik der beiden Nationalgalerien in Ost und West. Über zwanzig Jahre mussten nach dem Mauerfall vergehen und erst eine jüngere Kuratorengeneration nachrücken, um mit dieser Bürde angstfrei umzugehen und endlich aufzuzeigen, wie viel Verbindendes es trotzdem immer gab, dass sich die Künstler um die politischen Grabenkriege häufig wenig scherten.

Trotzdem stehen die Zeichen erst einmal auf Sturm. In der Mitte des Foyers ringt ein weißer Polizist von Duane Hanson einen Schwarzen brutal nieder – Gegenständlichkeit versus Abstraktion, die sich an der Wand, vertreten durch Josef Albers’ Hommagen an das Quadrat und Dan Flavins Neonröhren, des sozialistischen Realismus eines Willi Sitte zu erwehren sucht. Wie nahe sich die beiden Strömungen einst standen, offenbart der erste Saal. Bei dem figurativen Maler Heinrich Ehmsen zeigen sich im Hintergrund seiner „Wahnsinnigen Harlekine vor den Trümmern des Krieges“ abstrakte Strukturen, während umgekehrt aus den Bildern Wilhelm Nays Augen starren, wo es vordergründig nur um Farbe und Formen zu gehen scheint.

Dieser Einstieg ins triste Nachkriegsdeutschland vor grauer Wand, mit zwischen stählernen Stangen schwebenden Bildern, wie man es von der ersten Documenta kennt, ist furios, denn er feiert eine vergessene Zeit, fast vergessene Maler in einer phänomenalen Qualität. Gerade darin besteht das Dilemma der Neuen Nationalgalerie. Sie besitzt eine der erstaunlichsten Sammlungen in Europa, die sich gleichermaßen aus Ost und West speist, wo sonst Werke nur der einen oder anderen Provenienz erworben wurden – aber es fehlt an Platz.

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