Nationalsozialismus und Exilliteratur : Soldat im Kampf um eine neue Welt

Vor 80 Jahren, im März 1933, floh der Verleger und Schriftsteller Wieland Herzfelde aus Deutschland. Damit begann die Geschichte der Exilliteratur.

Tobias Winstel
Kunst und Aktion. 1920 wurde in Berlin die „1. Internationale Dada-Messe“ eröffnet. Wieland Herzfelde (stehend, ganz rechts). Zugegen waren u. a. auch Raoul Hausmann, George Grosz, John Heartfield und Hannah Hoech. Foto: picture alliance/akg-images
Kunst und Aktion. 1920 wurde in Berlin die „1. Internationale Dada-Messe“ eröffnet. Wieland Herzfelde (stehend, ganz rechts)....Foto: picture-alliance / akg-images

Es ist schwer, auf einem Karussell geradeaus zu gehen. Jedenfalls wenn es sich in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts dreht. In Berlin, Prag, New York. Wieland Herzfelde, dem legendären kommunistisch-pazifistischen Exilverleger, gelang es dennoch, bei voller Fahrt die Balance zu halten, aufrecht zu bleiben und dabei wertvolle Jetons einzusammeln. Mit seinen Zeitschriften und Buchverlagen ermöglichte er zahlreichen emigrierten Schriftstellern, die nach Hitlers Machtübernahme geflohen waren, ihre Werke zu veröffentlichen.

Infolge des 30. Januar und der Bücherverbrennung am 10. Mai mussten viele der wichtigsten deutschsprachigen Dichter und Denker emigrieren. Damit sie im Exil weiter arbeiten und vor allem publizieren konnten, wurden bereits 1933 Exilverlage gegründet. Zunächst im europäischen Ausland, später auch in Übersee. So konnten in den zwölf Jahren des „Tausendjährigen Reichs“ in über hundert Verlagen und auf der ganzen Welt Bücher deutscher Emigranten erscheinen. Sie waren es, die dem faschistischen Regime unzensiertes geistiges Schaffen entgegenhielten, die ein anderes, manche meinten auch: das eigentliche Deutschland am Leben hielten. Wieland Herzfelde war einer von ihnen, vielleicht sogar der wichtigste. Er riskierte sein eigenes Leben, um das Lebensnotwendige für seine Autoren zu beschaffen – Aufenthaltsgenehmigungen, Geld, und vor allem: einen kulturellen Resonanzraum.

Was tat das NS-Regime dagegen? Alles, lautet die Antwort, was in seiner Macht stand. Nicht nur, dass die Gestapo ihren Arm auch im Ausland nach den Schriftstellern und ihren Verlegern ausstreckte. Propagandaminister Goebbels versuchte, Verlage außerhalb des Reichs aufzukaufen, um sie dann zu neutralisieren. Und er ließ deutsche Bücher an das Ausland zu Dumpingpreisen verschleudern. Damit kam er an dringend benötigte Devisen und erschwerte den Verkauf von Emigrantenliteratur. Bizarrerweise verkauften die Nazis dabei auch Bücher, die im „Reich“ auf dem Index standen.

Umso bemerkenswerter, dass einige Bücher im Exil Auflagenzahlen schafften, die auch unter anderen Umständen beachtlich gewesen wären. Wieland Herzfelde etwa kam mit seinen Verlagen Malik und Aurora immerhin auf eine Durchschnittsauflage von 4000 Exemplaren – eine Größenordnung, die mit der Produktion anspruchsvoller Literatur in unserer Zeit mithalten kann; darunter so bekannte Werke wie Oskar Maria Grafs „Der Abgrund“ oder Anna Seghers’ autobiografischer Roman „Der Ausflug der toten Mädchen“.

Herzfelde war eine der herausragenden Persönlichkeiten der Exilliteratur. Der Sohn des anarchistischen Schriftstellers Franz Held und Bruder des späteren Montagekünstlers John Heartfield hatte sich schon in jungen Jahren gegen die staatliche Obrigkeit gestemmt, zumal gegen die des Kaisers. So war es nur konsequent, dass er mitten im Ersten Weltkrieg, gerade einmal zwanzig Jahre alt, den Malik Verlag gründete. In kürzester Zeit war das Programm berühmt-berüchtigt für linke und zeitkritische Literatur und Kunst. Der Krieg, den Herzfelde als Sanitäter und Soldat erlebte, verstärkte seine pazifistische Haltung. Anschaulich beschreibt er in seiner wunderbaren Autobiografie „Immergrün“, wie er unter abenteuerlichen Umständen im Winter 1917 desertierte, verhaftet und eingesperrt wurde, um danach wieder in den Kriegsdienst geschickt zu werden. Mit jeder Faser seines Körpers wollte er fortan gegen all das menschliche Leid und die Gräuel protestieren, die er erlebt hatte.

Sein innerer politischer Kompass stand fest. Zusammen mit seinem Bruder sowie den Freunden George Grosz und Erwin Piscator trat Herzfelde am Silvesterabend 1918 als eines der ersten Mitglieder in die KPD ein. Das Parteibuch erhielt er aus den Händen von Rosa Luxemburg, so erzählte er später stolz. Gleichwohl wurde er nie ein blinder Parteigänger. Ideen wollte er transportieren; und das mit zeitlosen Büchern, übrigens auch mit zeitlos schönen Büchern.

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