Nerd-Doku "Love & Engineering" : Machismo der Untervögelten

Gibt es eine wissenschaftlich Formel, die große Liebe zu finden - oder wenigstens guten Sex? In der Doku „Love & Engineering“ versuchen sich vier finnische Nerds daran - mit ambivalentem Ergebnis.

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Verkabelt. Laborversuch in Sachen Liebe.
Verkabelt. Laborversuch in Sachen Liebe.Foto: Filmtank

Man kennt die Erzählfigur aus Reality-TV-Formaten: wie schüchterne und unattraktive Männer aus Technikberufen, Nerds genannt, mit Tests und Typveränderungen fit für die Balz gemacht werden. Das ist meist gleich doppelt menschenverachtend: weil suggeriert wird, es brauche nur ein gepflegtes Äußeres und taktisches Konversationsverhalten, um die große Liebe zu finden – und weil es immer darum geht, dass physiognomisch verbaute Männer nur ein gelindes Make-over benötigen, um sehr gut aussehende Frauen für sich zu interessieren. Die Frau, das unbekannte Wesen, wird ausgestellt als Projektionsfläche, nie aber als potenzielle Partnerin mit partnerschaftlichem Potenzial, intellektuell und auch sonst gleichberechtigt.

Tonislav Hristovs „Love & Engineering“ ist die humorvolle und angenehm unvoyeuristische Dokumentarfilmvariation dieses Themas. Er folgt den in Finnland lebenden Programmierern Todor, Tuomas, Markus und Andon beim Versuch, unter Anleitung eines weiteren Computerfreaks, Atanas, den Algorithmus des Frauenkennenlernens zu entschlüsseln. Atanas’ erste Qualifikation ist es, selbst eine Frau gefunden zu haben, obschon er heftig stottert und zu dicke Pullis trägt, denen man das leicht Muffige anzusehen meint. Das (vermeintlich) Nerdige des Nerd-Coachs Atanas zeigt der Film, ohne es zu kommentieren, was gut ist.

Schlaue Männer, die doofe Krankenschwestern wollen

Schwierig dagegen ist die Art, wie Atanas dadurch zu einem vertrauenswürdigen Erzähler wird. Einem Erzähler, der davon spricht, wie man die „Firewall“ des anderen Geschlechts überwinden müsse, um auf den „Server“ zu gelangen. Der wissenschaftliche Experimente in Auftrag gibt und seine Adepten beim Speeddating via Knopf im Ohr coacht. Die Welt, in der er und die anderen offenkundig leben, kann er so als Welt des Films konstruieren, der eher ein Film mit den Nerds ist als einer über sie. Es ist eine Welt, in der es offenbar zwei Sorten Frauen gibt: Die einen gleichen den Männern in Attraktivität (gering) und Intellekt (hoch) und stellen ihr unmittelbares Umfeld am Arbeitsplatz dar (und kommen im Film nur am Rande vor). Die anderen werden von den Männern begehrt.

Dass diese Männer sich auch mal darüber entzweien, ob Krankenschwestern doch zu doof seien, macht das kollektive Unternehmen nicht sympathischer. In der Defensive der Untervögelten zeigt sich reinster Machismo. Den Gedanken, dass sexueller Misserfolg auch mit kruden Geschlechterbildern und folglich der Suche nach dem schlicht Falschen an der falschen Stelle, der Hollywood-Beziehung im Nerdleben, zu tun haben könnte, erspart der Film seinen Protagonisten weitgehend. Und gönnt sich den Luxus, sie als das zu sehen, als was sie am meisten hermachen: als Anti-Helden eines kleinen Entwicklungsromans. Der führt den einen, Todor, zum ersten echten – und auch durchaus rührenden – Herzeleid. Ein anderer, Markus, wandelt sich zum coolen Aufreißer, der im Kapitänskostüm auf die Pirsch geht und seine Verstocktheit plötzlich als Teil einer Rolle vermarkten kann.

Der Liebes-Code

So wird die Atanas’sche Nerdperspektive auf Liebe und Beziehungen schließlich auch nur halbwegs dekonstruiert: Dass es einen Liebes-Code gibt, erweist sich im Verlauf der 89 Minuten – natürlich – als Humbug. Menschen sind keine Maschinen. Mit dem allgemeinen Unterfangen aber, eine homosozial-heterosexuelle Bande zu bilden und als solche jenem Geschlecht nachzusteigen, das hier nur das andere ist, sympathisiert der Filmemacher recht offensichtlich.

Über Tonislav Hristov ist im Pressematerial zu lesen, dass er in seinem ersten Langfilm „Rules of Single Life“ (2011) einen 15-Punkte-Plan aufstellte, um eine Partnerin zu finden. Mit „Love & Engineering“ sei er nun „augenzwinkernd“ einen Schritt weitergegangen. So kann man das sehen. Wenn man ein Auge zudrückt.

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