Neubau für die Neue Nationalgalerie : Mehr als ein Museum

Der Neubau für die Neue Nationalgalerie erntet heftige Kritik. Doch er wird das gesamte Kulturforum vorantreiben. Ein Gastkommentar von Michael Eissenhauer, dem Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin.

Michael Eissenhauer
Kulturscheune. Innenansicht des siegreichen Wettbewerbsentwurfs aus dem Büro von Herzog & de Meuron. Foto: Vogt Landschaftsarchitekten
Kulturscheune. Innenansicht des siegreichen Wettbewerbsentwurfs aus dem Büro von Herzog & de Meuron.Foto: Vogt Landschaftsarchitekten

Der Realisierungswettbewerb für das Museum des 20. Jahrhunderts am Berliner Kulturforum ist seit Oktober 2016 entschieden. Das Baseler Architekturbüro Herzog & de Meuron wird den Neubau für die Nationalgalerie errichten. Vieles wurde seitdem über die Sache geschrieben und leidenschaftlich diskutiert. Von einem „Lokschuppen“ war die Rede, einem Discounter-Markt. Die Architekten selbst sprechen von Assoziationen an eine Scheune, an eine Lagerhalle, einen Tempel oder die Bahnhofsarchitektur des 19. Jahrhunderts.

Formal ist der Baukörper abgeleitet aus der Urform des Hauses. Im Innern legen Herzog & de Meuron einen „Nord-Süd-Boulevard“ an, der von der Philharmonie und perspektivisch unter der Sigismundstraße hindurch bis zur Neuen Nationalgalerie führt, sowie eine Ost-West-Achse von der Staatsbibliothek zur Piazzetta vor der Gemäldegalerie. Vor allem Letztere wird den Freiraum zwischen dem Neubau und der Gemäldegalerie deutlich beeinflussen und verändern. Für die Architekten sowie die Staatlichen Museen zu Berlin gilt es nun, die Planungen zu konkretisieren und den Museumsneubau gemeinsam zu entwickeln.

Der Bau soll die Geschichte des 20. Jhrs. architektonisch aufgreifen

Im Hinblick auf das Raumprogramm ragte der Entwurf von Herzog & de Meuron bereits im Wettbewerb deutlich heraus. Das Büro versteht es, nicht nur einen funktionalen Museumsbau zu konzipieren, sondern auch die kuratorischen Wünsche und musealen Notwendigkeiten mitzudenken und umzusetzen. Die Vielfalt und Verschiedenartigkeit der Kunst des 20. Jahrhunderts wird im Raumprogramm aufgenommen, das in Proportionen und Materialität eben dieses Kaleidoskop reflektiert. Denn in diesem Neubau werden neben Gemälden ebenso Skulpturen, Rauminstallationen und Medienkunst ihre Ausstellung erfahren. Die Geschichte dieses von Brüchen und Extremen gekennzeichneten Jahrhunderts wird architektonisch aufgegriffen und in ein durchdachtes Raumprogramm übertragen, welches kuratorische Konzepte ebenso wie das Erlebnis des Museumsbesuchs kongenial zusammenführt.

Dies ist eine große Chance, die sich auch auf das Innen-Außen-Gefüge auswirken wird. Durch zwei sich auf unterschiedlichen Stockwerken kreuzende Boulevards ist das Haus in vier Quadranten unterteilt. Mit dem Quadranten im Nordwesten und der zur Piazzetta hin gelegenen Gastronomie ist bereits eine schöne architektonische Figur entstanden. Gesten wie diese auch noch zur St.-Matthäus-Kirche und zur Potsdamer Straße hin auszuprägen, ist unser Anliegen. Die Neue Nationalgalerie – Museum des 20. Jahrhunderts wird – den Außenraum an einigen Stellen gänzlich neu definieren.

Verbindung von Musik und Malerei, Literatur und Kunst

Nicht nur formal, sondern auch materiell werden Herzog & de Meuron verschiedene Bezüge zum Kulturforum herstellen: Neben dem Satteldach wird auch mit der Idee einer semitransparenten Membran, die aus auf Abstand gemauerten Backsteinen besteht und sich auch über das Dach hinweg erstrecken soll, die Architektur der St.-Matthäus-Kirche aufgenommen. In der Nord-Süd-Achse soll das Satteldach den Flachbau der Neuen Nationalgalerie mit den geschwungenen Formen der Philharmonie verbinden. Ein selbstbewusstes Statement von Herzog & de Meuron, die – im Gegensatz zu Mies van der Rohe – ihr Gebäude nicht tempelartig auf einen Sockel stellen, sondern die Eingänge auf Straßenniveau verlegen. Diese sind niedrigschwellig angelegt und nehmen mit einladenden Gesten zum Scharounplatz und zur Potsdamer Straße hin die Öffentlichkeit in die Boulevards des Neubaus auf. Das Gebäude hat drei Ausstellungsetagen, von denen zwei vom Tageslicht profitieren, und es erlaubt zugleich eine ideale Präsentation empfindlicher Kunstwerke, wie Papierarbeiten und Fotografien, mit Kunstlicht. In der über zwei Ebenen hinweg verlaufenden Durchwegung werden die Besucherinnen und Besucher von einem lichtdurchfluteten Raum empfangen. In der Ost-West-Achse steht der Neubau wie ein Scharnier zwischen Staatsbibliothek und Gemäldegalerie. Der Neubau an diesem Ort verbindet somit die verschiedenen Künste: Die Welt der Musik mit der Malerei und Skulptur des 20. Jahrhunderts, die Welt der Literatur mit der Kunst- und Kulturgeschichte Europas.

Was in der Diskussion bislang viel zu wenig Beachtung fand: Das neue Gebäude von Herzog & de Meuron ist in erster Linie ein Erweiterungsbau für die Sammlung der Neuen Nationalgalerie. Die Sammlung schlummert seit vielen Jahren größtenteils im Depot. Hinzu kommen Ausstellungsflächen für die Kunstbibliothek und das Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin. Mit deren Sammlungen zur Architektur, zur Buch- und Medienkunst, zum Design, zur Mode und zur Fotokunst sowie mit zehntausenden Zeichnungen und Druckgrafiken können die Bestände zur Kunst des 20. Jahrhunderts erstmals im unmittelbaren Zusammenspiel für die Öffentlichkeit ausgestellt werden. Auch wird der Neubau die Sammlungen Pietzsch und Marx optimal zur Geltung bringen.

Das Kulturforum als dynamischer Ort

Das Kulturforum am Potsdamer Platz ist neben der Museumsinsel der wichtigste Standort der Staatlichen Museen zu Berlin. Seit seiner Gründung in den 1960er Jahren befand es sich in einem fortlaufenden Entwicklungsprozess, der mit der Eröffnung der Gemäldegalerie im Jahr 1998 seine zunächst letzte Ausbaustufe erhielt.

Die Museen wurden jedoch vor der Wiedervereinigung Deutschlands geplant, als mit einem Zusammenschluss der Bestände der Sammlungen aus Ost- und West-Berlin nicht zu rechnen war. Daher waren auch die vorhandenen Ausstellungs-, Depot- und Funktionsflächen keineswegs auf die Quantität und Qualität der nach 1989 wieder zusammengeführten Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin angelegt.

Bereits seit vielen Jahren haben die Museen ihre Planungen für den Standort über den Status quo hinaus weiterentwickelt. Das Forum wurde konsequent als Ort für die Kunst- und Kulturgeschichte Europas in der Neuzeit und seiner weltweiten Bezüge mit dem Schwerpunkt vom späten 19. bis zum frühen 21. Jahrhundert ausgebaut und inhaltlich geschärft. Mit dem Erweiterungsbau für die Neue Nationalgalerie entsteht nun eine neue Dynamik für das gesamte Areal und es wird ein weiterer wesentlicher Schritt auf dem Weg begangen, das Kulturforum zu einem Zentrum der verschiedenen Modernen bis in die Gegenwart zu entwickeln. Um dies realisieren zu können, werden zahlreiche Werke aus den Beständen des Hamburger Bahnhofs an das Kulturforum umziehen und den Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – wieder zu dem werden lassen, was sein Name verspricht: Ein Museum für die Kunst des 21. Jahrhunderts.

Es geht aber um vielmehr als um ein reines Museumsgebäude. Es geht auch um das Kulturforum als dynamischen Ort, der die Rezeption der vergangenen Modernen und die medientechnische Verarbeitung der europäischen Kunstgeschichte wie selbstverständlich miteinander verflechten und für künftige Generationen auch immer wieder in neue Sinnzusammenhänge setzen kann.

Der Autor ist Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin und Direktor von Gemäldegalerie und Skulpturensammlung.

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