Kultur : Neue Liebe, altes Bauchgefühl

Familienfeste und andere Katastrophen in der PERSPEKTIVE.

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Die beiden sind seit 25 Jahren verheiratet, nun bricht es plötzlich aus dem Mann heraus: „Die nächsten Jahre kann ich mir genau vorstellen. Ist doch ein Alptraum!“ Feierabend, er steigt aus dem Auto aus, sofort. Silvia, 47, bleibt wie vor den Kopf gestoßen zurück. Eigentlich hat sie sich gerade Gedanken über das Mittagessen gemacht. Jetzt soll sie auf einmal ihr Leben neu ordnen. Silvi hat Regisseur Nico Sommer dieses Porträt einer späten Emanzipation genannt, getragen wird es von der großartigen Hauptdarstellerin Lina Wendel, die aufbricht, einen neuen Mann zu finden und sich dabei selber begegnet.

Die stärksten Filme der Perspektive Deutsches Kino mit acht Spiel- und drei Dokumentarfilmen besinnen sich auf die klassischen Themen: Familie, Beziehung, Zerrüttung. Neue Liebe, neues Unglück. Aber die meisten sind so frisch erzählt, so eigenwillig beleuchtet, dass keine Déjà-vus aufkommen. Was auch für das Dreier-Drama Freier Fall von Stephan Lacant gilt: Der junge Polizist Marc (Hanno Koffler) erwartet das erste Kind mit seiner Freundin Bettina (Katharina Schüttler), sie haben gerade ihr neues Heim bezogen. Aber Marc kommt während einer Fortbildung dem Kollegen Kay (Max Riemelt) näher, als er sich eingestehen will und kann. Eine Verwirrung der Gefühle im homophoben Kleinstadtmilieu, präzise gezeichnet und gespielt, so dass die Geschichte einen fatalen Sog entwickelt.

Mit dem Coming out haben die Protagonistinnen in Anne Zohra Berracheds Zwei Mütter zwar kein Problem. Wohl aber stellt der Kinderwunsch Isabella (Carina Plachetka) und Katja (Sabine Wolf) vor Probleme. Die beiden erleben in diesem fundiert recherchierten, dokumentarisch anmutenden Drama eine demütigende Odyssee in einer rechtlichen Grauzone. Künstliche Befruchtung für lesbische Paare ist in Deutschland nicht vorgesehen. Zwischen kostspieligen, vergeblichen Inseminationen beim Arzt und abschreckenden Treffen mit potenziellen Samenspendern droht die Entfremdung.

In manchen Fällen ist es wohl besser, keine Kinder in die Welt zu setzen. Das legt jedenfalls Sven Halfars grelle Groteske DeAD nahe. Der Rockabilly-Rebell Patrick (Tilmann Strauss) macht nach dem Selbstmord seiner Mutter den leiblichen Vater ausfindig und vermasselt ihm den 60. Geburtstag, nach dem Motto: „Eine Familienfeier ohne Eklat, das ist kein richtiges Fest.“ Was nicht zuletzt Papas Zierfische ausbaden müssen.

Es gibt auch versöhnliche Eltern-KindBegegnungen. In Die mit dem Bauch tanzen porträtiert die Dokumentaristin Carolin Genreith, selber knapp 30 und mitten in der Quarterlife-Crisis, die Bauchtanzgruppe ihrer Mutter in einem beschaulichen Nest in der Eifel. Die selbstbewussten Damen, die so beneidenswert in ihren orientalisch gewandeten Körpern zu ruhen scheinen, begleitet Genreith als selbstironische Erzählerin auf einer Reise nach Paris. Beim Straßen-Auftritt haben die Bauchtanzfrauen das Zeug zu Publikumslieblingen – wer weiß, vielleicht ja auch in Berlin. Patrick Wildermann

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