Neue Messe Positions : Für eine Handvoll Kupfer

Die Messe Positions feiert ihre Premiere im Kaufhaus in der Brunnenstraße - mit 52 internationalen Galerien und ungewöhnlichen Ideen.

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Aufgeräumt. Die Berliner Galeristin Anna Jill Lüpertz zeigt unter anderem Arbeiten von Markus Keibel und Amir Fattal.
Aufgeräumt. Die Berliner Galeristin Anna Jill Lüpertz zeigt unter anderem Arbeiten von Markus Keibel und Amir Fattal.Foto: XAMAX

Das Geld liegt auf der Straße. „Freiheit“ steht da in kupferfarbenen Lettern auf dem Gehweg vor dem einstigen Kaufhaus Jandorf, in dem die neue Messe Positions ihre Premiere feiert. Aus 480 000 Ein-Cent-Stücken hat Ralf Kopp das Wort zusammengelegt. Die installative Aktion des 1973 geborenen Künstlers ist Teil seines Projekts „Gier frisst“. Messebesucher, die weniger flüssig sind, könnten sich frank und frei bedienen und dann eines der kleinen Roboter-Porträts von Christian Rothmann kaufen, die es als Sonderedition für 100 Euro gibt. Was rund 23 Kilogramm Münzen entspräche. Kopp wird von der Sammlung Haupt präsentiert, Rothmann am Stand @CVH16 des Sammlerpaars Muráti-Laebe. Mit diesem „Collectors Program“ bietet die Positions beispielhafte Anregungen für all die Sammler, die nicht nur die neue Messe in Berlin so nötig braucht.

Mit etwas Glück gäbe es für die gesamten Freiheitsmünzen eines der subversiven Ölbilder von Ruppe Koselleck am Stand der Galerie Umtrieb aus Kiel. Kosellecks Malmaterial sind Ölklumpen, die an die Strände gespült werden. Mit der Hälfte der Verkaufssumme kauft der 1971 geborene Konzeptkünstler BP-Aktien. An deren Tageskurs orientiert sich der Preis der Bilder. Bei 5,93 Euro steht er zur Eröffnung, das kleinste Bild wird für den Wert von 100 Aktien offeriert. Fällt der Kurs, wird es günstiger. Seit der Jahrtausendwende tourt der in Münster lebende Künstler mit seiner performativen Installation „Sie kaufen Kunst und ich BP“ durch die Welt. 200 Jahre, schätzt Koselleck, dauert die feindliche Übernahme. Danach peilt er Exxon, Shell und Gazprom an.

Der Versuch, ein gänzlich anderes Format zu entwickeln

„Gier frisst: Freiheit“ – ein denkwürdiges Motto auch für die Positions. Schließlich kommt auch Sammelleidenschaft nicht ohne ein Fünkchen Gier aus. Nur, wie viel Freiheit verträgt eine Kunstmesse? Darüber gingen die Meinungen des Direktorentrios der Vorläuferveranstaltung Preview auseinander. Auch nachdem die „Emerging Art Fair“ das Emerging aus ihrem Label gestrichen hatte, kam sie aus den Kinderschuhen nicht heraus. Und der Versuch, ein gänzlich anderes Format zu entwickeln, blieb in den vergangenen Monaten gleich in den Anfängen stecken. Als es dann plötzlich ruhig wurde um die 2005 gegründete Satelliten-Messe des Art Forums, liefen die hiesigen Galeristen allerdings Sturm. Der Bedarf einer definitiven Messe war und ist also vorhanden, und in knapp drei Monaten organisierte Kristian Jarmuschek mit dem eingespielten Preview-Team die Positions, die denn auch deutliche Züge der Vorläuferin trägt. Vom Katalog-Layout über die Solowände bis zum „Academy Program“. Was aber durchaus keinen Makel darstellt, sondern zu ungewöhnlichen Befruchtungen führt. So, wenn Studenten der Bauhaus-Hochschule vis-à-vis eines Berliner Urgesteins, der Galerie Zellermayer, präsentiert werden und Carsta Zellermayer mit Petra Petitpierre wiederum eine Malerin vorstellt, die am historischen Bauhaus studierte. Das Vorbild Paul Klees ist unübersehbar. Dafür gibt es die geometrischen Abstraktionen der 1959 verstorbenen Schweizerin zu Preisen ab 4950 bis 15 000 Euro für eine großformatige „Symphonie“.

Erstaunliche Statements

Womit sich die markanteste Änderung der Positions zeigt: „Das Alter eines Künstlers oder der Galerie ist kein Kriterium mehr“, sagt Jarmuschek. „Was zählt, ist einzig die Relevanz der jeweiligen Position. Eine Messe braucht weniger Freiheit als vielmehr Mut.“ Die Schwergewichte, gleich ob Galerien oder Künstler, sind zur ersten Ausgabe noch zögerlich und mit Rainer Fetting bei Deschler (bis 36 000 Euro) oder Martin Kippenberger (bis 17 000 Euro) bei Andreas Binder aus München rar vertreten.

In Berlin funktioniere eben doch eher der Diskurs, so Jarmuschek. Und da gibt es zum Positions-Einstand einige erstaunliche Statements, die im weiteren Sinne politisch und zugleich ästhetisch subtil sind. Anna Jill Lüpertz bietet Monochrome von Markus Keibel an, die mit dem Ruß von Marx' „Kapital“ oder Rosa Luxemburgs „Im Feuerschein der Revolution“ gemalt sind (je 3500 Euro) sowie Amir Fattals hintergründige Spiegelobjekte zu Erich Mendelsohn und Albert Speer (je 4500 Euro). Martin Mertens zeigt neben Malerei von Pius Fox und Radu Belcin die eigenwilligen Collagen des 1984 geborenen Kai Mailänder. In den Reliefs (800-5300 Euro) verschmelzen Landschaftsfotos aus Büchern mit geometrischen Formen zu einer spannenden Vermessung der Natur.

„Ich kann hier Freiheit kaufen!“

Zu den herausragenden Neuvorstellungen in Deutschland gehört Brian Duggan bei Isabel Balzer aus Basel. Der international renommierte Ire hat das Riesenrad aus dem ukrainischen Prypjat nachgebaut. Als maßstabsgerechtes Modell, mitsamt der Rost- und Zerfallsspuren. Im Mai 1986 sollte der Rummelplatz für die Arbeiter von Tschernobyl eröffnet werden. Wenige Tage zuvor ereignete sich die Atomkatastrophe. „This short-term evacuation“ zitiert Duggan den Evakuierungsaufruf der Behörden im Titel. Prypjat ist bis heute eine Geisterstadt, und das Jahrmarkt-Relikt steht noch.

Ein Verkauf der Installation (35 000 Euro) würde die Unkosten für Balzer mehr als wettmachen. Denn mit 5000 Euro Standgebühren ist das wirtschaftliche Risiko für die Teilnehmer auf ein Minimum begrenzt. Allerdings heißt es auf einer der akribischen Bleistiftzeichnungen des Bildhauers Ulrich Kochinke, dem fruehsorge contemporary drawings eine Einzelschau widmet (2500–4800 Euro): „Ich werde dir sagen, woran ich gestorben bin. An der Vorsicht.“ Das kalkulierte Risiko hat sich für Ralf Kopp schon am Eröffnungstag gelohnt. „Ich kann hier Freiheit kaufen!“, sagt eine junge Frau lachend, legt ein paar Münzen auf das „R“ und radelt weiter. Andere Passanten und Messebesucher tun es ihr gleich. So hat „Gier frisst: Freiheit“ auf jeden Fall an Materialwert gewonnen. Alles Geld, das am Ende der Positions noch auf der Straße liegt, spenden der Künstler und die Sammlung Haupt an eine Berliner Obdachlosenorganisation.

Positions, Brunnenstr. 19-21; bis 21.9., Sa 13–20 Uhr, So 11-18 Uhr, www.positions.de.

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