Neue Revue im Friedrichstadt-Palast : Showtime für "Show Me"

Retroselig und rekordsüchtig: "Show Me", die neue Revue im Berliner Friedrichstadt-Palast, will den Glanz der Zwanziger Jahre mit dem kühlen Glamour des 21. Jahrhunderts verbinden.

Daniel Wixforth
Bunt am Boden. „Show Me“ vereint den Glanz der zwanziger Jahre mit dem kühlen Prunk des 21. Jahrhunderts. Foto: DAVIDS/S. Darmer
Bunt am Boden. „Show Me“ vereint den Glanz der zwanziger Jahre mit dem kühlen Prunk des 21. Jahrhunderts. Foto: DAVIDS/S. DarmerFoto: DAVIDS

Zunächst die Sache mit der Energie: Vor wenigen Tagen hieß es, der Friedrichstadt-Palast sei von der sogenannten EEGUmlage befreit, die jeder für die Förderung erneuerbarer Energien zahlen muss. Diese Befreiung gibt es sonst nur für Konzerne, die besonders viel Strom verbrauchen und sich im globalen Wettbewerb behaupten müssen. Das macht sie nicht eben beliebt. Also vermeldete der Friedrichstadt-Palast flugs, das Haus genieße "keine Vergünstigungen". Tja, warum eigentlich nicht?

"Show Me", die neue Produktion, ist durchdrungen vom Anspruch, ganz oben mitzuspielen in der Weltspitze, global konkurrenzfähig zu sein. Intendant Berndt Schmidt zählt die Fakten noch einmal auf. Neun Millionen Euro Produktionskosten: Rekord! 125 000 vorbestellte Tickets: ebenfalls Rekord!. 162 Mitwirkende: Dagegen kann Las Vegas einpacken! Hinzu kommen 400 Journalisten aus aller Welt bei der Medienpremiere, die in toto 42 Millionen Leser, Zuschauer und Zuhörer erreichen! Und das soll kein energetisches Privileg rechtfertigen?

Zumal der Friedrichstadt-Palast seit Schmidts Amtsantritt vor fünf Jahren auch ästhetisch ganz auf Energie setzt. Der Kulturmanager wollte weg vom altbackenen Image einer Revue, bei der die immergleichen Mädels auf der immergleichen Treppe die Beine schwingen. Das Genre sollte im 21. Jahrhundert ankommen, es sollte provokativer, grooviger, frischer werden. Dieses Konzept, verdichtet in den Vorgängershows "Qi" und "Yma", führte das Haus auch ökonomisch aus der Krise.

Man kann "Show Me" deshalb erst einmal – wohlwollend – so sehen: nach dem Staub der Tradition und dem forschen Neu-Image nun die künstlerische Versöhnung von Geschichte und Gegenwart. Nicht umsonst beruft sich das Programmheft unentwegt auf Showgrößen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wie Bubsy Berkeley oder Florenz Ziegfeld. Die Synthese führt allerdings, ganz undialektisch, keineswegs zu einem höheren Level, sondern – inszeniert von den altbewährten Autoren und Regisseuren Roland Welke und Jürgen Nass – zu einer Art Zickzack-Dramaturgie.

Schwarz-weiß-Ästhetik, an die zwanziger und dreißiger Jahren gemahnend, wechselt mit futuristischen Szenen in spacigen Neon-Kostümen (entworfen teils von Modeschöpfer Christian Lacroix). Dazu gibt es mal ausgedünnte Klavier- und Streicher-Arrangements, mal einen Soundbrei zwischen Gloria Gaynor und Peter Maffay. Dabei sind die Reminiszenzen an die Vergangenheit zumeist wohltuend anmutig ins Bild gesetzt, gekrönt von einem Pas de deux mit dem Titel "Bis das Glas zerbricht". Die Qualität der Gegenwarts-Nummern dagegen schwankt.

Es gibt wahrlich Unterirdisches, etwa mit Hauptdarsteller Oscar Loya, der zwar paradiesisch singen kann, sich in seinem Bauchfrei-Glitzer-Top aber durch weichgespülte Arrangements hangelt, die an jene schlimmen Zeiten erinnern, als pseudosingende Männer-Models unzählige Platten verkauften. Ähnlich überflüssig: die Choreografie des männlichen Balletts in Felix-Baumgartner-Weltraum-Anzügen. Andererseits überzeugen die soulige Stimmkraft der drei Sängerinnen, das grazile Luftakrobaten-Duo "Aragorn", ein mächtiger Bühnen-Wasserfall und, wer hätte das gedacht, die Girlsreihe.

Die Hommagen an die Genre-Geschichte allerdings, wie das Schaulaufen der goldgeschmückten Luxusladies, muss sich schon vom Programmheft erklären lassen, wer nicht schon anno dunnemals am Broadway unterwegs war. Hinzu kommt, dass Schmidt, Welke und Nass ihren Hang zur sexuellen Provokation verloren haben. Was bei "Qi" und "Yma" klischeebrechend und nicht zuletzt offen schwul war, ist bei "Show Me" durchweg hetero und für eine Revue meist auch überraschend brav. Symptomatisch dafür der Schwarzlicht-Strip, bei dem man immer weniger sieht, je mehr die Damen sich ausziehen. Ist das der Tribut an ein prüdes Weltpublikum? Auch die Shows in Las Vegas arbeiten erotisch ja eher im Energiesparmodus.

Dienstag sowie Donnerstag bis Sonntag, 19.30 Uhr, am Wochenende auch 15.30 Uhr.

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