Neuer alter Streit um Gedichte Alfred Kerrs : Sein erster Weltkrieg

Alfred Kerr hat, wie viele andere Intellektuelle und Künstler auch, im Sommer 1914 begeistert in den Kriegsjubel eingestimmt. Wenn die FAZ das jetzt kritisiert, wirbelt die mächtig neuen alten Staub auf.

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Ein Foto von Alfred Kerr hängt 1961 im Münchner Theatermuseum.
Ein Foto von Alfred Kerr hängt 1961 im Münchner Theatermuseum.Foto: dpa

Der Autor Gerhard Henschel hat in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ vor drei Tagen sich heftig über Alfred Kerr erregt. Nicht über den berühmten Berliner Theaterkritiker und Starpublizisten des späten Kaiserreichs und der Weimarer Republik, sondern über den „Gelegenheitsdichter“. Anlass sind einige Reime, mit denen der Jude Alfred Kerr (1867-1948) im Jahr 1914, teilweise satirisch „jiddelnd“ oder Balkanvölker und Italiener sprachlich verballhornend, bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges gegen die Kriegsgegner Deutschlands polemisiert habe. Henschel bezweifelt am Ende seines langen Artikels, ob die nach Alfred Kerr benannten renommierten Preise für Literaturkritik und für junge Schauspieler beim gerade laufenden Berliner Theatertreffen nun weiterhin noch dankend entgegengenommen (sprich auch: verliehen) werden dürften.

Was Gerhard Henschel in der FAS aufgewirbelt hat, ist freilich sehr alter Staub. Und längst bekannt. Henschel beruft sich immerzu auf den großen Wiener Publizisten Karl Kraus – der freilich Kerrs öffentlicher Intimfeind war, bis in Gerichtsprozesse waren die beiden sich unversöhnlich verbunden. Trotzdem: Einige der Kerr’schen Schmähgedichte sind zweifelsfrei garstig, etwa, wenn er in der „Frankfurter Zeitung“ wider die Russen reimte: „Zarendreck, Barbarendreck / Peitscht sie weg! Peitscht sie weg!“

Bereits im September 1914 verdammte Kerr das "große Schlachten"

Allerdings hat der im Sommer 1914 noch so martialisch wirkende Kerr solche Verse später nie geleugnet und sich damit auseinandergesetzt („Es war mein erster Weltkrieg“). Bereits im September 1914, als fast alle noch kriegsberauscht wirkten, hat Kerr in der „Neuen Rundschau“ das große Schlachten verdammt, er habe, so Kerr später, „gegen die bestialische Torheit dieses menschlichen Atavismus gewettert“. Das alles ist nachzulesen in der im S. Fischer Verlag erschienenen Kerr-Gesamtausgabe. Was der FAS-Autor Henschel nicht weiß oder nicht sagt: dass auch der Kriegsgegner Kraus („Die letzten Tage der Menschheit“) 1914 den Kriegserlass von Kaiser Franz Joseph zuerst sehr bejubelt hat.

Nein, jene paar Verse des von den Nazis 1933 verjagten und in seinen Büchern verbrannten Autors Kerr werden auch durch spätere Einsicht nicht besser. Aber man kann sie, statt sie zu verteidigen, immerhin erklären. Es herrschte 1914 auf allen Seiten in Europa, gerade auch unter Künstlern und Literaten, ein heute nur noch schwer fasslicher kriegsbegeisterter, oft gar blutdürstiger Ton. Aus Patrioten wurden nun Nationalisten. Kerr war wie viele andere davon überzeugt, dass das eigene Land in Not sei und es um seine Verteidigung, nicht um Eroberungen gehe. Auch jüdische Künstler und Intellektuelle meldeten sich freiwillig „zu den Waffen“ – nicht nur in Deutschland hofften sie so endlich von der Mehrheitsgesellschaft ganz anerkannt zu werden.

Der Berliner Galerist und Verleger Paul Cassirer, dessen Kunstzeitschrift Pan Alfred Kerr herausgab, startete 1914 gleich nach Kriegsbeginn das Periodikum „Kriegszeit“, das meist großformatige Lithographien mit patriotisch-martialischer Propaganda, seltener mit Zeichen der Trauer um die Gefallenen enthielt. Spätere Kriegsgegner wie Max Beckmann, Ernst Barlach oder auch Käthe Kollwitz machten dort mit. Der eifrigste Beiträger aber war: Max Liebermann. Der große jüdisch-deutsche, berlinisch-preußische Maler und Humanist ließ die Kaiserdeutschen gegen den Feind die Säbel schwingen mit der Parole „Jetzt wollen wir sie dreschen!“ Das ist bei aller Liebermann-Verehrung heute fast vergessen. Doch hat die Ausstellung „1914. Die Avantgarden im Kampf“ unlängst in der Bonner Bundeskunsthalle daran erinnert.

Der von Judith Kerr, der in London lebenden Schriftstellerin („Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“), der in Berlin geborenen Tochter Alfreds und Ehrenbürgerin Berlins, vor 20 Jahren gestiftete Alfred-Kerr-Darstellerpreis wird von der Pressestiftung Tagesspiegel mitgetragen. Günther Rühle, Präsident der Alfred Kerr Stiftung und Herausgeber Kerrs, bleibt dabei: „Der Kerr-Preis hat einen glanzvollen Namen. Andernfalls dürfte es auch keine Auszeichnung im Namen Thomas Manns oder Gerhart Hauptmanns mehr geben.“

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