Neuer Chef für Berliner Kulturinstitution : Wellenschlag am Wannsee

Vor fünfzig Jahren rief der Schriftsteller Walter Höllerer das Literarische Colloquium Berlin ins Leben. Jetzt soll das Haus einen neuen Leiter bekommen: Florian Höllerer, den Sohn des Gründers.

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Florian Höllerer, Sohn des Literaturwissenschaftlers Walter Höllerer, übernimmt 2014 die Leitung des Literarischen Colloquiums.
Florian Höllerer, Sohn des Literaturwissenschaftlers Walter Höllerer, übernimmt 2014 die Leitung des Literarischen Colloquiums.Foto: R/D

Die Ankündigung kommt gerade noch rechtzeitig zum 50-jährigen Jubiläum des Literarischen Colloquiums Berlin (LCB): Zum 1. Januar 2014 soll Florian Höllerer die Geschäftsleitung des einst mit Mitteln der Ford Foundation gegründeten Hauses am Wannsee übernehmen. Wenn der Wunschkandidat des Trägervereins unter dem Vorsitz des Berliner Rechtsanwalts Ingo Fessmann, der zugleich als der ihm zumindest auf dem Papier vorgesetzte Geschäftsdirektor amtiert, nun am nichtöffentlichen Festakt am 24. Mai in den Räumen Am Sandwerder teilnimmt, ist damit auch eine Art Familienzusammenführung verbunden.

Denn es war sein brillanter Vater Walter Höllerer (1922–2003), der als Ordinarius für Literaturwissenschaft der TU Berlin 1963 die Villa als Experimentallabor einer „Literatur im technischen Zeitalter“ ausbaute, die er bis dahin vor großem Publikum in der Kongresshalle präsentiert hatte. Und es ist seine Mutter, die Fotografin Renate von Mangoldt, die dort bis heute ein Archiv unterhält, das man als Bildchronik des deutschen Literaturbetriebs verstehen kann.

Florian Höllerer übernimmt die Geschäfte von Walter Höllerers letztem Assistenten Ulrich Janetzki, der das LCB von 1986 an leitete und nun aus Altersgründen ausscheidet. 1968 in Berlin geboren, studierte Florian Höllerer Romanistik und Germanistik in Berlin und Paris. 1999 promovierte er mit einer Arbeit über Heinrich Heine in der Lesart des Romantikers Gérard de Nerval. Im Jahr 2000 übernahm er die Leitung des neu gegründeten Literaturhauses Stuttgart, das im Jahr darauf den Betrieb aufnahm. Seit Ende 2012 ist er überdies Honorarprofessor an der Universität Stuttgart, wo er im Sommersemester ein Seminar zur Literarischen Übersetzung am Beispiel alter und neuer Shakespeare-Übertragungen gibt. Auch mit 45 Jahren eignet ihm noch etwas Jungenhaftes, und die quirlige Unruhe, die er ausstrahlt, hat etwas Ansteckendes.

Als Literaturhausleiter in Stuttgart genießt Höllerer einen ausgezeichneten Ruf. Das LCB, Deutschlands einziges Literaturhaus von nationaler, ja internationaler Bedeutung, stellt ihn allerdings vor eine doppelte Herausforderung. Das institutionelle Monopol des Hauses in der Literaturstadt Berlin ist seit langem dahin, und das technische Zeitalter beschert der Literatur heute andere Formen als in den seligen sechziger Jahren. Auch mit der gesamteuropäischen Vernetzung, die das LCB vorangetrieben hat, steht ihm Neues bevor – von der Sorge um einen Etat, der zu zwei Dritteln eingeworben werden muss, zu schweigen. Die Hauptaktivitäten finden, jenseits von Veranstaltungen, durch Kooperationen mit dem Auswärtigen Amt oder der Robert-Bosch-Stiftung hinter den Kulissen statt.

Die Nachfolgeregelung – der Vertrag muss erst noch unterzeichnet werden – mag auf Anhieb an die Traditionen des Bayreuther Wagner-Clans erinnern oder an Wolfgang und Thomas Langhoff, die einander als Vater und Sohn als Intendanten des Deutschen Theaters beerbten. Vom Verdacht des Nepotismus will Ingo Fessmann, ganz ungefragt, indes nichts wissen. Er sieht in dem Namen eher eine Hypothek für den Sohn.

Der 19-köpfige, von alten Weggefährten Walter Höllerers dominierte Trägerverein des LCB – weitere Mitglieder werden nur auf einstimmigen Beschluss zugelassen – müsste einen solchen Verdacht gar nicht erst von sich weisen, wenn es eine öffentliche Ausschreibung gegeben hätte. Zur Abstimmung mit 16 anwesenden Migliedern am letzten Freitag waren aber nur drei von einer internen Berufungskommission eingesetzte Gegenkandidaten, darunter zwei Frauen, eingeladen. Alles Logenartige über Bord zu werfen, auch dafür könnte Florian Höllerer künftig Sorge tragen.

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