Neuer Deutscher Film : Heimat in der Lüge

Nach wahren Begebenheiten: Georg Maas’ „Zwei Leben“ geht für Deutschland ins Oscar-Rennen und verknüpft die NS- mit der Stasi-Geschichte.

Franziska Kronthaler
Vesteckte Identität. Anwalt Sven Solbach (Ken Duken) ist dem Geheimnis von Katrin Evensen (Juliane Köhler) auf der Spur.
Vesteckte Identität. Anwalt Sven Solbach (Ken Duken) ist dem Geheimnis von Katrin Evensen (Juliane Köhler) auf der Spur.Foto: Farbfilm Verleih

Schier endlos scheint die Reihe deutscher Filme zu den Themen DDR und Holocaust, den historischen deutschen Wunden, die nicht aufhören zu bluten. Was Georg Maas’ zweiten Spielfilm aber von vielen Vorgängern abhebt, ist der Schritt aus dem bewährtem Bildungskino für Schulklassen heraus – in die provokative Frage nach einer konkreten, individuellen Schuld. In „Zwei Leben“, Deutschlands Kandidat für die Oscars (die eigentlichen Nominierungen werden später bekannt gegeben), geht es, nach einem überlieferten Schicksal, unmittelbar um die Verknüpfung von Nazi- und Stasi-Geschichte.

Katrine Evensen (Juliane Köhler) lebt mit Mann, Tochter und Enkelkind glücklich in einem Haus an der See in Norwegen. Eines Tages, nach dem Mauerfall, taucht der deutsche Anwalt Sven Solbach (Ken Duken) bei ihr auf und will sie als Zeugin für einen Wiedergutmachungsprozess vor dem Europäischen Gerichtshof gewinnen. Als Tochter einer Norwegerin und eines deutschen Soldaten wurde sie einst von den Nazis nach Sachsen verschleppt und wuchs dort in einem Kinderheim auf. Mit Mitte Zwanzig floh sie aus der DDR nach Norwegen, um dort ihre leibliche Mutter Ase (Liv Ullmann) zu finden.

Doch Katrine will keine Wiedergutmachung, lügt und wird mit dem Tod bedroht. Was sie versteckt, ist eine von der Stasi für sie gestohlene Identität, die Leben forderte. Was sie bewahren will, ist ihre Familie, deren Liebe ihr half, die Schuld zu tragen. Als der Anwalt diese Verhältnisse entdeckt, überlässt er es Katrines Tochter, ob die Wahrheit an die Öffentlichkeit soll – und damit dem Zuschauer die Entscheidung, was mehr zählt: historische Aufklärung oder privates Familienglück?

Nach wahren Begebenheiten verbindet Maas im Doppelleben seiner Protagonistin klug die beiden großen deutschen Themen. Tatsächlich wurden im Rahmen des „Lebensborn“-Vereins der SS Kinder deutscher Soldaten und norwegischer Frauen im Zweiten Weltkrieg nach Deutschland entführt, da sie als „rassisch wertvoll“ galten. Zwei Jahrzehnte später schlug die DDR aus der Nazi-Hinterlassenschaft Kapital. Als unter den erwachsen Gewordenen ein wahres Ausreise-Begehren um sich griff, um die leiblichen Mütter zu finden, begann die Stasi, den Lebensborn-Kindern ihre Biografie zu rauben, und schickte statt ihrer Agenten in den Westen.

Am Ende der Geschichte – seines Films wie der historischen – verweist Maas auf die unsaubere Rolle, die die Bundesrepublik dabei spielte, und fragt, wie überhaupt gerichtet werden kann, wenn Opfer und Täter eins sind. Und: Sollte man die Vergangenheit nicht manchmal lieber ruhen lassen?.

Derlei ist heikel, und für diese Lust aufs Risiko gebührt dem Regisseur Anerkennung. Gäbe der soeben zu den Oscars eingereichte „Zwei Leben“ auch filmisch her, was er thematisch anlegt, wäre er eine der Entdeckungen des Jahres. Mit nüchtern-graublauen Farben allerdings, pathetischem Streicher-Score, arg körnigen Rückblenden und eher dröhnenden Informationsmonologen aber schlingert „Zwei Leben“ zwischen deutschem Betroffenheitskino, Hollywood und Arthaus hin und her. Am stärksten ist der Film dort, wo er sich vehement als Thriller zu erkennen gibt. Schnipselweise, mit Sprüngen quer durch die Zeitebenen, streut er Hinweise zu Katrines Vergangenheit, um den Zuschauer schließlich doch zu überraschen.

So berührt die faszinierend doppelbödige Geschichte am Ende unmittelbar. Denn zwei Leben lebt im Grunde jeder – das, was wir uns erschaffen, und das, was die Vorfahren uns mit auf den Weg geben. Franziska Kronthaler

Ab Donnerstag im Capitol, Cinemaxx, Colosseum, Delphi, Eva, Filmkunst 66,

International, Kulturbrauerei, Toni, Yorck

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