Neuer Roman von Andreas Stichmann : Spöttelnd nach unten

Erstaunlich egal: Andreas Stichmanns neuer Roman „Die Entführung des Optimisten Sydney Seapunk“ bleibt trotz witzig-anrührendem Personal leblos.

Tilman Strasser
Bisher vielgelobt. Der Autor Andreas Stichmann, Jahrgang 1983.
Bisher vielgelobt. Der Autor Andreas Stichmann, Jahrgang 1983.Foto: dpa / picture alliance

David will die Welt retten. Doch der 40-Jährige braucht Komplizen. Die findet er auf dem Sonnenhof, einem maroden Wohnprojekt. Zwar haben dessen Bewohner eigene Probleme. Doch David erfindet die Seapunks, eine genauso naive wie hippe Aktivistengruppe, ernennt sich zum Oberseapunk Sydney, bestellt vegane Pizza, und damit ist die Sache fast schon geritzt. Bleibt nur die Frage nach Startkapital. Doch auch dafür hat der Konzernerbe einen Plan: Er will Lösegeld erpressen, indem er seine Entführung vortäuscht.

„Die Entführung des Optimisten Sydney Seapunk“ erzählt eine derart beknackte Geschichte, dass es schon wieder charmant ist. Der 34-jährige Andreas Stichmann wurde für sein Romandebüt „Das große Leuchten“ vielfach gelobt. Zuvor veröffentlichte er mit „Jackie in Silber“ Erzählungen, die einerseits ein realistisches Setting haben, andererseits mit abstrusen Einfällen glänzen. In seinem neuen Roman funktioniert diese Kombination nicht, trotz witzig-anrührendem Personal.

Stichmann misstraut seiner Romansubstanz

Die Figuren analysieren einander ständig, klingen alle gleich und überfrachten die Szenen mit unbeholfenen Dialogen. Die Sprache nervt mit krampfhafter, aber inkonsequenter Einfältigkeit. Das größte Problem aber ist: Stichmann misstraut seiner Romansubstanz und flüchtet sich in spöttelndes Heruntererzählen. Das führt im Großen dazu, dass die vorgetäuschte Entführung samt Eskalation leblos vorbeizieht. Im Kleinen zu lustlosen Kapitelanfängen: „Ramafalene und Bibi finden sich an der Reifenfabrik im Gewerbegebiet. Es gibt Abstimmungsschwierigkeiten.“

Gespickt ist das Buch mit Collagen, die Sydney für seinen Werbefeldzug verwendet. Darauf ist mal ein Lama zu sehen, mal ein Wal, mal Schriftzüge wie „das hier könnte erstaunlich werden“. Erstaunlich ist das Buch des talentierten Erzählers Stichmann geworden, leider so wie die Bilder: erstaunlich egal.

Andreas Stichmann: Die Entführung des Optimisten Sydney Seapunk. Roman. Rowohlt, Reinbek 2017. 238 Seiten, 19, 95 €.

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