Neuer Roman von Hannah Dübgen : Wie blaue Veilchen im Sand

Zwischen Berlin und Bagdad: In dem Roman „Über Land“ beschreibt Hannah Dübgen einfühlsam den Zustand des Fremdseins, erzählt von Freundschaft und der Sehnsucht nach Selbstbestimmung.

Friederike Oertel
Die Schriftstellerin Hannah Dübgen. 2013 erschien ihr Debütroman „Strom“.
Die Schriftstellerin Hannah Dübgen. 2013 erschien ihr Debütroman „Strom“.Foto: dtv

Wer schon einmal im Berliner Pergamon-Museum das wiederaufgebaute Ischtar-Tor aus Babylon, dem heutigen Irak gesehen hat, dem mag aufgefallen sein, wie grotesk deplatziert die babylonische Baukunst im märkischen Sand erscheint. Die blauen Steine „wirken hier drinnen wie eingesperrt“, findet Clara, eine der zwei Hauptfiguren in Hannah Dübgens Roman „Über Land“. Ziegel für Ziegel wurde es in Kisten gepackt und auf Schiffen bis nach Deutschland gebracht. Nun ist es aus seinem kulturellen Kontext gelöst, denkt Clara, weiß aber, dass in Berlin Expertise und Mittel zur Verfügung standen, es aufwendig zu restaurieren und vor dem Zerfall zu schützen.

Clara ist mit Amal im Museum, einer aus dem Irak geflohenen Archäologie-Studentin. Es ist der Sommer 2013. Amal hat in Deutschland Asyl beantragt. Kennengelernt haben sich die Frauen erst kürzlich, bei einem Fahrradunfall. Der Zusammenstoß ist zugleich ein plötzliches Zusammentreffen, auf das keine der beiden vorbereitet war. Vorsichtig freunden sie sich an und lernen einander, ihre Kulturen und ihre Geschichten kennen.

Nach dem spurlosen Verschwinden ihres Vaters nahmen in Amals Familie Unsicherheit, Angst vor Gewalt und die Wut über staatliche Willkür zu. Über die türkische Grenze, Bulgarien, Serbien und Österreich führte die Flucht, in Autos und Zügen, oft zu Fuß durch Kälte und abgelegene Wälder. Amals Mut und ihre Energie beeindrucken Clara, die wesentlich vorsichtiger ist, wenn auch ebenso entschlossen. Die junge Ärztin ist mit Tarun, einem Architekten aus dem westbengalischen Kolkata zusammen, der ein ähnliches Schicksal hat wie Amal: Heimatverlust, Flucht nach Deutschland, das Gefühl der Verantwortung gegenüber der zurückgelassenen Familie. In Berlin sind sie in Sicherheit, doch der Preis ist hoch: Sie sind fremd und entwurzelt, so wie das Ischtar-Tor im Pergamon-Museum.

Literarische Empathie

Hannah Dübgen nimmt abwechselnd die Perspektive von Clara und Amal ein und beschreibt in Gesprächen, Erinnerungen und Gedanken gut ausgeleuchtete Szenen. Dabei beweist sie Sensibilität, Empathie und das Talent, das Handeln und Denken ihrer Figuren gleichermaßen verständlich zu machen. Ihre Dialoge dagegen sind schwach: Sie dienen oft nur der Faktenvermittlung, lesen sich stellenweise wie Wikipedia-Einträge und passen nicht zu den hoch emotional angelegten Figuren. Dübgen schreibt glatt und präzise, findet aber in der konkreten Beschreibung zu starken Bildern. So baut Tarun in seiner Heimatstadt einen runden Turm, der von vielen Seiten und für alle Kasten zugänglich ist. Der entstehende Raum und die Baustelle, auf der es immer wieder zu kulturellen Diskrepanzen mit den lokalen Bauherren kommt, wird zum Symbol des Zusammenlebens der verschiedenen Kulturen.

„Alles hängt mit allem zusammen, das am Ende Sichtbare mit dem Unsichtbaren“, sagt Tarun an einer Stelle über das Bauen. Auch Dübgen verbindet ihre Erzählstränge zu einer leisen, durchkomponierten Partitur, zu einem Geflecht aus Hoffnungen, Wünschen und bitterer Realität. Wie ihr 2013 erschienener Debütroman „Strom“ ist auch „Über Land“ kosmopolitisch angelegt. Die Protagonisten bewegen sich zwischen Berlin, Bagdad und Kolkata. Dübgen greift aktuelle gesellschaftspolitische Fragen auf und schlägt einen Bogen von den Auswirkungen staatlicher Repression im Irak zur Situation Geflüchteter in Deutschland. Letztlich sind es jedoch die konkreten zwischenmenschlichen Beziehungen und Einzelschicksale, die berühren. Wenn Amal ihre Flucht beschreibt, das nervenaufreibende Warten, die Enge im Flüchtlingsheim, macht Dübgen die Situation von Geflüchteten erfahrbar. Man könnte dazu literarische Empathie sagen.

Manchmal zu schnell im Klischee

Bisweilen ist ihre Absicht spürbar, sich in den aktuellen Diskurs einzuschreiben, dann driften ihre Beschreibungen schnell ins Klischeehafte. So werden die Deutschen in übervorsichtige Helfer, die es doch nur gut meinen, und Nazis „mit breiten Nacken, kahl geschorenen Köpfen und schwarzen Bomberjacken“ eingeteilt. Wäre schön, wenn Letztere derart leicht zu erkennen wären. Auch bei den Figuren wünscht man sich manchmal ein bisschen mehr Unzugänglichkeit. Über weite Strecken läuft das Geschehen in vorhersehbaren Bahnen ab. Erst am Ende des Romans überschlagen sich die Ereignisse: Als Amals Großmutter stirbt, beschließt Clara für ihre Freundin in den Irak zu reisen, um ein blaues Veilchen auf das frische Grab zu pflanzen. Nun ist Clara die Fremde, und das Blümchen wirkt im staubigen Boden so fehl am Platz wie das türkisblaue Tor im Pergamon-Museum.

Ihre Reise hat schwerwiegende Konsequenzen, am Ende steht für alle drei – Clara, Amal und Tarun – ein Neuanfang. Dübgen erzählt bewegend vom Ankommen in der Fremde, von Nähe und Ferne, von Freundschaft, Verantwortung und der Suche nach einem selbstbestimmten Leben. Trotz mancher Schwäche ist ihr ein ruhig und genau erzählter, sensibler und lesenswerter Roman gelungen. Beide Frauen finden schließlich jenseits von bipolaren Kategorien wie Heimat und Fremde ihre Identität – und in der Fremde ein Zuhause. So wie das Ischtar-Tor in Berlin.

Hannah Dübgen: Über Land. Roman. dtv, München 2016. 272 Seiten, 20 €.

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