Neuer Star-Trek-Film : Endliche Weiten

Captain Kirk, Mister Spock und der interstellare Terrorismus: "Star Trek Into Darkness" ist Science-Fiction ohne Utopie.

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Ein Vulkanier und sein Chef. Zachary Quinto (links) und Chris Pine als Kapitän James T. Kirk.
Ein Vulkanier und sein Chef. Zachary Quinto (links) und Chris Pine als Kapitän James T. Kirk.Foto: dpa

Es könnte kaum besser laufen für James Tiberius Kirk (Chris Pine). Der draufgängerische Jungkapitän des Raumschiffs Enterprise hat mit seiner Crew die primitive Humanoidenkultur auf einem erdähnlichen Planeten vor der Auslöschung durch einen Supervulkan bewahrt und auch noch seinem ersten Offizier Spock (Zachary Quinto) mit riskantem Manöver das Leben gerettet. Dass er dabei mehrere Direktiven der Sternenflotte verletzt hat, kann sein Selbstbewusstsein kaum schmälern. Im Hochgefühl des Erfolgs räkelt er sich nach überstandenem Abenteuer mit zwei Alien-Schönheiten im Bett.

Seine Vorgesetzten finden Kirks Eskapaden weniger witzig und suspendieren ihn vom Amt. Doch die Degradierung wird ausgesetzt, als ein Teil des Oberkommandos der Sternenflotte bei Terroranschlägen ermordet wird. Verantwortlich ist ein abtrünniger Offizier (Benedict Cumberbatch), der auf den Heimatplaneten der verfeindeten Klingonen flieht. Zusätzlich motiviert durch den Umstand, dass sein Mentor Captain Pike bei dem Anschlag ums Leben gekommen ist, übernimmt Kirk das Kommando einer Geheimmission, um den Missetäter zur Strecke zu bringen.

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Von wegen unendliche Weiten. Vor lauter Terrorismusabwehr, Invasionen und Kriegen muss die Erforschung des Weltalls warten. Keine Zeit für Utopien, lautet die Devise des zwölften "Star Trek"-Kinofilms.
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1 von 13Foto: Paramount Pictures
04.05.2013 16:52Von wegen unendliche Weiten. Vor lauter Terrorismusabwehr, Invasionen und Kriegen muss die Erforschung des Weltalls warten. Keine...

Die in Deutschland in den Siebzigern als „Raumschiff Enterprise“ ausgestrahlte Science-Fiction-Fernsehserie lief in den USA seit 1966 unter dem Titel „Star Trek“. Ein passender Titel, handelt es sich doch um eine ins 23. Jahrhundert und in die „unendlichen Weiten“ des Weltraums verlegte Allegorie auf den Treck nach Westen, auf die Erschließung des nordamerikanischen Kontinents durch weiße Siedler. Gene Roddenberry, der geistige Vater der Serie, hatte den futuristischen Geschehnissen eine pazifistische Grundhaltung implementiert. In den meisten Folgen gab es – nicht zuletzt aus Kostengründen – mehr Fachsimpeleien und Verhandlungen als Kampfszenen und Weltraumschlachten, auch wenn der von William Shatner verkörperte erste Captain Kirk einer beherzten Prügelei nie abgeneigt war.

Von der kontemplativen Atmosphäre des Originals bleibt im zwölften Kinofilm des langlebigen Franchises nichts übrig: „Star Trek Into Darkness“ ist ein düsteres, spektakuläres Weltraum-Actionabenteuer mit allen Elementen, die man bei einem 185-Millionen-Dollar-Budget von einem Blockbuster erwarten darf: Weltraumgefechte, Verfolgungsjagden, Raumschiffabstürze, Naturkatastrophen – alles auf dem neuesten Stand der Technik in hochaufgelösten 3-D-Aufnahmen.

Eines der konstituierenden Elemente des modernen Actionfilms, der Kampf gegen die Uhr, ist allgegenwärtig. Ständig läuft irgendwo ein Ultimatum ab, öffnet sich ein Raumschiffschott nicht rechtzeitig oder muss in letzter Sekunde ein Warpkern reaktiviert werden. Regisseur J. J. Abrams erweist sich bei seinem zweiten „Star Trek“-Film durchaus als Meister der Suspense. Über zwei Stunden hält er den Spannungsbogen aufrecht. Bleibt die Frage, ob er mit seiner Action-Orgie auch den Spirit von „Star Trek“ trifft.

Abrams gilt seit der TV-Robinsonade „Lost“ als eines der großen Regietalente Hollywoods. Ein Blockbuster-Budget durfte er erstmals bei „Mission Impossible III“ (2006) in die Hand nehmen. Mittlerweile ist seine Reputation so gut, dass er sogar für die ab 2014 geplante Kinofortsetzung der anderen großen Science- Fiction-Saga gebucht ist, für „Star Wars“.

Mit dem 2009 angelaufenen Prequel hat er wiederum „Star Trek“ seinen Stempel aufgedrückt. Die damals kontrovers diskutierte Entscheidung, die ikonischen Charaktere der Multikulti-Crew – Kirk, Spock, Bordarzt „Pille“ (Karl Urban), Maschinist „Scotty“ (Simon Pegg), Kommunikationsoffizierin Uhura (Zoë Saldana) – mit jungen, relativ unbekannten Schauspielern zu besetzen, erwies sich als goldrichtig, zumal deren Darbietungen mit Verweisen auf die Originalserie gespickt waren. Der Film endete mit der Etablierung einer veränderten Zeitlinie – ein dramaturgischer Kniff, mit dem sich Abrams die künstlerische Freiheit für den Reboot verschaffte, bei dem vieles ähnlich, aber doch alles anders ist, als man es kannte.

Das neue „Star Trek“-Universum spiegelt eine Entwicklung, die der Science- Fiction-Film generell durchlaufen hat. Zwar haben interstellare Konflikte in dem Genre schon immer eine wichtige Rolle gespielt, doch im letzten Jahrzehnt fand eine thematische Eskalation statt, mit Invasionen, Kriegen, Massenmord, Terrorismus. Martialischer denn je zuvor lässt der heutige Science-Fiction-Film wenig Raum für positive Utopien. Dabei ist das ursprüngliche Konzept der Space Opera, die staunende Erforschung des Weltalls, immer mehr in den Hintergrund getreten.

Findet man sich damit ab, dass dieser naive Sense of Wonder vielleicht erst in künftigen Episoden von „Star Trek“ wieder eine Rolle spielt (das Ende des Films deutet darauf hin), lässt sich „Into Darkness“ als gelungene Fortsetzung ansehen. Der verschachtelte Plot steckt voller Bezüge zum Serienkontinuum. Déjà-vu-Momente begeistern den Fan, aber auch Zuschauer, die nur den Vorgänger kennen, werden nicht überfordert.

Zudem funktioniert „Star Trek Into Darkness“ dank eines pointenreichen Drehbuchs als Ensemblefilm mit herausragendem Schurkendarsteller. Dass Benedict Cumberbatch einen hinreißenden Weltraumbösewicht abgeben würde, ahnt jeder, der ihn als misanthropen Detektiv aus der BBC-Serie „Sherlock Holmes“ kennt. Hier gibt er den skrupellosen, aber aus nachvollziehbaren Motiven handelnden Terroristen mit Lust am zähnefletschenden

Overacting, wobei sein theatertrainierter Bariton fast noch imposanter erscheint als seine physische Präsenz.

Chris Pine hingegen hat für seine Kirk-Verkörperung die darstellerischen Manierismen seines Vorgängers offenbar genau studiert. Vom gockelhaften Gang mit durchgedrücktem Hohlkreuz bis zum augenrollenden Grimassieren wirkt sein Spiel gelegentlich wie eine Parodie auf den jungen William Shatner. Deutlich schwerer gegen ein kultisch verehrtes Vorbild hat es Spock-Darsteller Zachary Quinto. Sein „neuer“, durchaus zu heftigen Gefühlsausbrüchen fähiger Vulkanier erreicht selten die minimalistische Präzision von Leonard Nimoy, der mit einem sarkastischen Einzeiler oder dem Heben einer Augenbraue seine Missbilligung der niederen menschlichen Emotionen auszudrücken vermochte.

Der symbiotische Dualismus zwischen dem Bauchmenschen Kirk und dem Rationalisten Spock steht im Zentrum des Geschehens: zwei antagonistische Charaktere, die ihre anfängliche Abneigung überwinden müssen, damit ihre Freundschaft zur Antriebsfeder eines großen Kollektivs wird. Sie sind der Kern einer Ersatzfamilie, zu der die Raumschiffcrew der „Enterprise“ in der Einsamkeit des Weltalls zusammenwächst.

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