Neuer Verlag "Das kulturelle Gedächtnis" : Mit Herz und Kalkül

Vergessene Schriften, die auf überraschende Weise einen Bezug zur Gegenwart aufweisen: Ein Porträt des neuen Berliner Verlags "Das kulturelle Gedächtnis".

Tobias Lehmkuhl
Schöne, bibliophile Bücher.
Schöne, bibliophile Bücher.Foto: Verlag Das kulturelle Gedächtnis

Wer von der S-Bahn-Station Neukölln aus links in die Lahnstraße einbiegt, könnte meinen, den Verlagssitz schon vor Augen zu haben. „Absätze sofort!“, steht da. Wer hier allerdings Hilfe bei der Textstrukturierung sucht, wird enttäuscht. Die „Absatzbar“ widmet sich allein der Ausbesserung alter Schuhe. „Das kulturelle Gedächtnis“, der neue Verlag mit dem ungewöhnlichen Namen, folgt erst ein paar Schritte weiter.

Peter Graf sitzt in einem erfrischend unsanierten Altbau, der geradezu Teil des Verlagskonzepts ist. Mit einer Miete, wie sie in Charlottenburg oder Mitte fällig wäre, könnte eine solche Unternehmung, wie er sie mit vier Gesellschaftern und einigen stillen Teilhabern auf die Beine gestellt hat, nicht funktionieren. Das kulturelle Gedächtnis widmet sich mit acht Titeln pro Jahr ausschließlich vergessenen Schriften, Preziosen, die auf stets überraschende Weise einen Bezug zur Gegenwart aufweisen sollen.

Das gilt für sämtliche des im März ausgelieferten ersten Titels in hohem Maße. „Die neuesten Berichte vom Cap der guten Hoffnung“ aus der Feder eines gewissen Richard Adams Locke bieten in Form der ersten Zeitungsente der Geschichte, wie Graf sagt, einen klaren Fall von Fake News. Locke, Journalist in New York, benutzt die Reise des damals berühmten Astronomen John Herschel nach Südafrika, um über Entdeckungen zu fantasieren, die der Forscher dort angeblich mittels neuer Teleskope machte. Es gibt Fledermausmenschen auf dem Mond!

Voltaires „Der Fanatismus oder Mohammed“ erstmals vollständig übersetzt

Eine andere Reise unternahm 1750 Gottlieb Mittelberger. Als Wirtschaftsflüchtling reiste er nach Amerika und bekam es nicht nur mit Schleppern zu tun, sondern auch mit den Unbilden der Überfahrt: überladene Kähne, Mitreisende, die ersticken, ertrinken, verhungern. In Amerika dann schlägt ihm Fremdenfeindlichkeit entgegen. Benjamin Franklin beklagt sich gar über die „schwarze“ Hautfarbe der einwandernden Deutschen. „Reise in ein neues Leben“ heißt der Band. Außerdem wurde Voltaires Drama „Der Fanatismus oder Mohammed“ erstmals vollständig übersetzt, eine Kritik nicht allein am Islam, sondern der Buchreligionen im Allgemeinen.

Und dann ist da noch „Gegenschuss“. Liest man den Band von der einen Seite her, bekommt man von Jules Cambon, dem letzten französischen Botschafter in Berlin vor dem Ersten Weltkrieg, „Der Diplomat“ zu lesen. Von der anderen Seite her erfährt man in Franz von Bolgárs „Die Regeln des Duells“ von einer zweiten möglichen Art der Konfliktlösung.

Der im Herbst erscheinende „Gegenschuss“ stellt, nicht minder aktuell, einer Schrift über den „Ehrbaren Kaufmann“ aus dem Jahr 1906 einen Text über die Psychologie der Hochstapelei von 1923 gegenüber.

Alle Beteiligten verdienen ihr Geld in anderen Jobs

Schöne, bibliophile Bücher sind das. Die Gestalter sitzen mit im Haus. Aber trägt sich das auch? Alle Beteiligten verdienen ihr Geld in anderen Jobs. Mitgesellschafter Thomas Böhm ist Literaturvermittler. Carsten Pfeiffer verdient sein Geld als Vertriebsleiter bei Cornelsen, andere unterstützen hier und da mit kleinen Summen oder Sachleistungen wie kostenlosem Korrekturlesen dieses Projekt, das man nicht Liebhaberprojekt nennen möchte, weil das der Ernsthaftigkeit und Professionalität des Ganzen nicht gerecht würde. Eine Herzensangelegenheit ist es für alle Beteiligten ohnehin, allen voran für Peter Graf. Er leitet zugleich einen weiteren Verlag, Walde und Graf, der als Verlagsagentur nicht nur eigene Titel veröffentlicht, sondern auch Bücher für andere Verlage oder Zeitungseditionen konzipiert.

Angefangen hat Graf vor fast 25 Jahren, als er mit einem Kommilitonen eine Literaturzeitschrift herausgab, dann bei Alexander Fest und Rogner und Bernhard volontierte, später zu Kein und Aber nach Zürich ging. Schließlich kehrte er nach Berlin zurück, leitete unter dem Dach von Aufbau den kurzlebigen, aber höchst lebendigen Verlag Metrolit und zeigte schon hier sein Gespür für Wiederentdeckungen. Der bei Metrolit erschienene Roman „Blutsbrüder“ von Ernst Haffner wurde zu einem Bestseller und zeigt das Berlin der frühen dreißiger Jahre aus ungewohnter Perspektive: aus der der Straßenjungen.

Das wäre sicher auch ein Titel für Das kulturelle Gedächtnis gewesen. Dafür hat Graf einen anderen Großstadtroman im Programm, den kürzlich aufgetauchten Debütroman des amerikanischen Schriftstellers Walt Whitman, „Das abenteuerliche Leben des Jack Engle“, eine Aufstiegsgeschichte im New York der 1830er Jahre.

Mo, 22. Mai, 20 Uhr, Kulturküche der SPI-Stiftung, Hallesches Ufer 32: Verlagspräsentation und Vorstellung von Gottlieb Mittelbergers  „Reise in ein neues Leben“

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