Neues Album von Kendrick Lamar : Unmastered - wörtlich genommen

Ist es ein Album? Ist es eine EP? Etwas ganz Anderes? Kendrick Lamar bricht mit „untitled unmastered“ Konventionen auf - und stellt eine These Killer Mikes infrage.

Fabian Wolff
Kendrick unchaining. Bei der Grammy-Verleihung im Februar hatte Kendrick Lamar einen hochpolitischen Auftritt.
Kendrick unchaining. Bei der Grammy-Verleihung im Februar hatte Kendrick Lamar einen hochpolitischen Auftritt.Foto: REUTERS

Auf die Wurzeln schwarzer Musik, auf Gospel und Spirituals, bezieht sich jeder gerne. Wenn es denn aber ernst wird und ein Musiker anfängt, über Gott oder Jesus zu reden, empört sich das Pop-Publikum oder hört einfach weg. So gilt Kendrick Lamar zwar als „Erlöser“ des Hip-Hop, der ihn aus dem Tal der Dekadenz führen soll. Dass dieser Erlöser aber tatsächlich auch ein gläubiger Christ ist, dessen Musik das ziemlich eindeutig wiederspiegelt, wird zumindest im europäischen Pop- und Rap-Diskurs selten thematisiert.

Dass „Sünde“ und „Erlösung“ für Lamar keine leeren Worte, sondern zentrale Konzepte sind, hat er schon auf seinen letzten beiden Alben „Good Kid m.A.A.d City“ und „To Pimp A Butterfly“ gezeigt. Ersteres gilt als „Illmatic“ (Nas’ epochales Debüt von 1994) des 21. Jahrhunderts, letzteres war das vielleicht beste Album des vergangenen Jahres und soll David Bowie zu „Blackstar“ inspiriert haben.

Über Nacht, wie sich das heute gehört, hat Lamar jetzt ein neues Album veröffentlicht, vielleicht ist es auch eine EP, oder ein Mixtape. So rätselhaft wie das Format ist auch der Name – „untitled unmastered“ lautet der Titel. Die acht Songs sind ebenfalls nur mit „untitled“ und dem Tag ihrer Entstehung gekennzeichnet. Manche scheinen Outtakes zu sein, manche sind nach „To Pimp A Butterfly“ entstanden und reflektieren seinen wachsenden Unmut, als schwarzer Star gefeiert zu werden, während seine Worte verhallen und die Welt untergeht.

Diese Veröffentlichungsform wirft die Frage auf, ob das Album als Kunstform noch lebt oder nur noch zuckt. Die laut Rap-Star Kanye West größte Platte unserer Tage – sein eigenes Album „The Life Of Pablo“ – gibt es nicht als CD, nicht im Onlinestore als Download, sondern nur als Playlist beim Streamingdienst Tidal. Und auch Lamars Überraschungswerk gab es zuerst nur auf Spotify und Tidal zu hören. Die deutsche iTunes-Filiale war wohl selbst überrumpelt worden; legal erwerben konnte man „untitled unmastered“ am Veröffentlichungstag Freitag noch nicht. Drei der Songs waren vorher von Fernsehauftritten, zuletzt bei der Grammy-Verleihung, bekannt.

Schwarze sind Sklaven, auch mit Millionenvertrag. Stimmt das?

Die Studiofassungen sind flächiger und luftiger, nicht so klaustrophobisch wie Lamars letztes Album. Das teilte sich in Funk-getriebene Hits wie „King Kunta“ und „i“ sowie suchende Jazz-Nummern auf. Auch „untitled unmastered“ reitet auf mehreren Grooves und ist dabei bewusst inkohärent. „Wir jammen hier nur“ lacht Lamar während einer verrauschten Passage, die angeblich vom fünfjährigen Sohn von Alicia Keys und Produzent Swizz Beatz aufgenommen wurde. „Unmastered“ im Sinne einer unvollständigen Abmischung sind die Songs nicht. Der Titel ist abgründiger. Der Rapper Killer Mike, gerade als Sprecher für Bernie Sanders unterwegs, verkündete vor drei Jahren sinngemäß, dass Schwarze „auch mit Millionenvertrag noch Sklaven sind“, also einem „master“ unterstehen. Das musste Nas feststellen, als er ein Album „Nigger“ nennen wollte. Nach öffentlichen Protesten erschien das Album ohne Titel; auf dem Cover war Nas mit vernarbtem Rücken zu sehen.

Sklaverei und Freiheit, Gewalt und Erlösung, ich und du, wir und sie: das sind die großen Themen, denen sich Kendrick Lamar stellt. Immer wieder beschwört er die Verdorbenheit der Welt – das Album beginnt mit einer apokalyptischen Vision. Die Hatz nach immer mehr Besitz und leerem Sex führen die Menschen in die Finsternis. Musik und Gott führen sie wieder ans Licht.Kurzum: er ist ein Konservativer, vielleicht sogar ein politischer. Sein Ethos basiert auf Selbstrespekt. Musikalisch kann das Hymnen wie „i“ mit dem Refrain „I love myself“ hervor bringen – von Lamar als Therapiegesang für von Gewalt traumatisierte Compton-Bewohner geschrieben. Politisch kann das zu gefährlichen Verknappungen führen. So geschehen bei einem umstrittenen Interview, in dem Lamar auf die Frage nach Polizeigewalt und Rassismus antwortet, dass die Schwarzen so lange nicht respektiert werden, bis sie sich selber respektieren.

Der positive Kendrick Lamar, der Selbstheilung propagiert, kann vom pessimistischen, moralisierenden Kendrick Lamar nicht getrennt werden. Er verkündet beides mit der gleichen Ernsthaftigkeit. Der 28-Jährige ist der wohl technisch beste Rapper seiner Generation, aber seine Strahlkraft geht weit über diese Fähigkeiten hinaus. Er ist da zu Hause, wo Überzeugung fast in den Wahnsinn kippt, wo Beseelheit zur Besessenheit wird. Noch hat er die Grenze nicht überschritten, noch ist seine Musik allen zugänglich. Und so fangen selbst härteste Nichtgläubige kurz zu glauben an, wenn Lamar „Levitate!“, Schwebt!, psalmodiert. Sie sollten nur nicht vergessen, dass „Schweben“ hier keine Metapher ist.