Neues belgisches Kino: "Hinter den Wolken" : Liebe vergeht nicht

Der Mann der Großmutter ist gestorben. Eine sehr frühe Liebe beginnt von neuem. Cecilia Verheyden schaut in ihrem Debütfilm "Hinter den Wolken" auf drei Frauengenerationen einer Familie.

Julia Dettke
Innig verbunden. Gerard (Jo De Meyere) und Emma (Chris Lomme). Foto: Pandora Filmverleih
Innig verbunden. Gerard (Jo De Meyere) und Emma (Chris Lomme).Foto: Pandora Filmverleih

Was hat es bloß mit diesen Wolken auf sich? Schon in „Wolke 9“ erzählte Andreas Dresen von Menschen jenseits der Siebzig, die sich verlieben. Und jetzt geht es in „Hinter den Wolken“, dem Debüt der Belgierin Cecilia Verheyden, wieder um eine späte Liebe. Schweben Menschen, die schon über sechzig, siebzig Jahre Lebenserfahrung mit sich herumtragen, auf anderen Wolken?

Ja. Und nein. Erst mal sind die Wolken in „Hinter den Wolken“ nicht rosarot, sondern tiefschwarz. Und das nicht nur, weil es bei der ersten Verabredung der Liebenden heftig regnet. Sondern, weil ihre Geschichte mit einer Beerdigung beginnt. Emmas (Chris Lomme) Mann ist gestorben. Er war ein erfolgreicher, angesehener Geschäftsmann, sagen die Trauerredner, die Arbeit war alles für ihn. Doch, seine Frau war ihm auch wichtig, sagt dann noch jemand. Diese Frau, Emma, sitzt dort mit ihrer Tochter und ihrer Enkelin, sorgfältig zurechtgemacht, trauernd, würdevoll. Wie sie das erlebt haben, mit ihrer Wichtigkeit für ihn, das sieht man ihr nicht an. Dass da zwischen den drei Frauen aus drei Generationen eine sehr enge Beziehung ist, eine große Solidarität, das schon.

„Man muss alles so machen, als sei es das erste Mal!“ Dieser Lieblingssatz von Emmas verstorbenem Mann kann auch als Emmas Lebensmotto gelten. Bei der Beerdigung wirkt sie abwesend und staunend zugleich: So ist das also, wenn der eigene Mann stirbt, scheint sie zu denken. So ist das also, wenn einem kondoliert wird. So ist das also, wenn man dann nach Hause kommt und allein ist. So ist das also.

Und als dann Gerard (Jo de Meyere) sich bei ihr meldet, der bei der Beerdigung war, Gerard, den sie seit mehr als fünfzig Jahren nicht mehr gesehen hat, und als er ihr direkt ein Treffen vorschlägt, lässt sie sich mit eben dieser Haltung auf die neue Erfahrung ein: offen wie ein Kind, weise wie eine ältere Frau. Gerard war der beste Freund ihres Mannes. Erst war Emma mit ihm zusammen, dann entschied sie sich gegen ihn, den Schriftsteller, den Verträumten, der ihr stapelweise Briefe schrieb. Ihr Mann dagegen war der, der die Wettrennen gewann, der früh beruflichen Erfolg hatte. Und der dann viel weg war.

Die erwachsene Tochter hat keinerlei Verständnis

Trotzdem gibt „Hinter den Wolken“ keinen Hinweis, dass Emma ihre Entscheidung bereut. Sie ist eine starke Person, eine, die zu dem steht, was sie tut. Dennoch versteckt sie Gerard zunächst vor ihrer Familie. Sie ahnt, dass gerade ihre Tochter kein Verständnis dafür haben wird, dass da so schnell ein neuer Mann in ihrem Leben ist. Auch die Enkelin (sehr stark: Charlotte de Bruyne) ist erst schockiert, akzeptiert dann aber schneller, dass Emma nicht nur Oma und Mutter ist, sondern eine Frau. Eine Frau, deren Sinnlichkeit mit Gerard neu erwacht – ohne dass deshalb zwischen ihnen alles einfach wäre, ohne dass es ihr auch nur annähernd leichtfiele, loszulassen und neu anzufangen. Diese wiederbelebte Liebe hat nur etwas Unausweichliches; wie eine Aufgabe, der es sich nun zu stellen gilt.

Neuerdings kommen häufiger aus Belgien Filme, die ein bisschen anders sind als das übrige europäische Arthousekino. Alles ist ein bisschen echter, die Dialoge, die Mimik, die Schwierigkeiten. Rauer und sensibler zugleich. Da macht es kaum etwas, dass die Bilder und die Musik, mit denen dieses Debüt anfangs von Abschied und Abwesenheit erzählt, ein bisschen behäbig, prätentiös wirken. Mit seiner Hauptfigur erwacht er ja zum Leben. Diese Hauptdarstellerin! Chris Lomme hat eine Karriere am Theater hinter sich, das ist jederzeit spürbar.

So ist „Hinter den Wolken“ vor allem ein Film über eine faszinierende Frau. Und ein Nachsatz wie „trotz ihres Alters“ verbietet sich ganz von selbst, wenn die Wolken am Ende doch in sehr kräftigen Farben leuchten.

In Berlin in den Kinos Blauer Stern Pankow, Capitol, Cinema Paris, FT Friedrichshain, Kino Kiste und Spreehöfe

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