Neues Kulturzentrum in Athen : Wie der Westen sich erfand

In Athen eröffnet die Onassis Foundation ein prächtiges Kulturzentrum – mit einer Konferenz über unsere Zivilisation. Mit seinem inspirierenden Gedankenaustausch könnte es ein Vorbild für das Berliner Humboldt-Forum sein.

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Licht in der Dunkelheit. Das neue Zentrum der Onassis Stiftung in Athen. Foto: Alexandser S. Onassis Foundation
Licht in der Dunkelheit. Das neue Zentrum der Onassis Stiftung in Athen. Foto: Alexandser S. Onassis Foundation

Anthony Papadimitriou rechnet mit langem Atem. Gewiss habe das heutige Griechenland ernste ökonomische Probleme. Aber wenn man vierzig, fünfzig Jahre zurückgeht (Militärdiktatur) oder an die zwanziger Jahre denkt (Krieg mit der Türkei, Vertreibung und Flucht der Griechen aus Kleinasien), wenn man 150 Jahre passieren lässt (chaotische Verhältnisse im jungen griechischen Staat), dann falle der Vergleich für die Gegenwart gar nicht so ungünstig aus. Und Griechenland versuche ja, die Krise zu überwinden.

Krisenfest darf sich die Alexander S. Onassis Foundation fühlen, deren Präsident Papadimitriou ist. Aristoteles Onassis hat die Stiftung zum Gedenken an seinen 1973 tödlich verunglückten Sohn gegründet. Als zwei Jahre später der Reeder und Patriarch starb, ging die Hälfte seines Milliardenvermögens auf die Stiftung über. Sicherer Besitz, beständiges Erbe, das gilt auch für die griechische Kultur – wenn man den Begriff nur weit genug fasst und angesichts der gewaltigen historischen Dimensionen schwindelfrei bleibt.

In der Syngrou Avenue, einer von hässlichen Bankgebäuden, Versicherungspalästen und Allerweltshotels gesäumten Ausfallstraße nach Piräus, hat jetzt das neue Onassis Cultural Centre eröffnet. Ein markanter Glasquader mit Lamellen aus weißem Marmor, der erst in der Dunkelheit seine Aura und Schönheit zeigt. Dann wird der von einem französischen Architektenteam entworfene Bau mit einem großen und einem kleinen Theater- und Konferenzsaal transparent und leicht, changieren Farben und Form.

Hat die Vergangenheit eine Zukunft? Wie überleben die Ideen und Errungenschaften der humanistischen Antike im 21. Jahrhundert? Bei den hoch besetzten „Athens Dialogues“ tummelten sich Gräzisten und Byzantinisten, Historiker, Naturwissenschaftler, Philosophen, Politologen in dem temporären Think-Tank (www.athensdialogues.org). Alles intellektuelle, akademische Leben geht auf die alten Griechen zurück, das ist doch mal eine feine Sache für einen gebeutelten modernen Staat. Nur, was heißt klassisch – und wie bestimmt sich überhaupt ein Anfang? Bei dynamischer Betrachtung gerät die Konstruktion der westlichen Kultur und Zivilisation schnell ins Wanken.

Der Soziologe Konstantin Tsoukalas erkennt in unseren demokratischen Gesellschaften gefährliche Auflösungstendenzen. Er spricht vom „Ende der Solidarität“, da sich das Individuum immer stärker ausdifferenziere, der soziale Zusammenhalt verloren gehe, mit einem (griechischen) Wort: Die Hybris des Einzelnen untergräbt demokratische Prinzipien. Die Globalisierung wirkt dabei noch als Verstärker, es bieten sich immer mehr Möglichkeiten der Ab- und Ausgrenzung.

Shireen Hunter vom Center for Strategic and International Studies, Washington, hat in Athen eine Eule zu rupfen. Die Amerikanerin mit iranischen Wurzeln hält wenig vom traditionellen westlichen Geschichtsbild, zu dem die Griechenlandbegeisterung des 19. Jahrhunderts viel beigetragen hat. Ihr starkes Argument: Damals schon sah man nur die „hellen Elemente“, wurde alles Gute und Schöne den Griechen zugeschlagen, alles Böse und Gefährliche in den Osten verwiesen. Bereits in der Antike entsteht diese Perspektive. Der Kalte Krieg, die feindselige Scheidung von West und Ost, das manifestiert sich in den Perserkriegen und der Vorstellung: hier das gebildete Volk, dort die Barbaren. Griechenland wurde zur Bastion gegen das Fremde ausgebaut, während sich die griechische Kultur entscheidend aus persischen und ägyptischen Quellen speist. Zivilisation wandert, sie sucht sich immer wieder ein neues „Hauptquartier“. Nach dem Untergang des römischen Weltreichs waren erst die Perser und dann die Araber Träger der griechischen Kultur und Philosophie. Also sprach Shireen Hunter: George W. Bushs nach wie vor virulente Idee vom Kampf gegen das Böse in der Welt (wir sind die Guten) stamme im Grunde aus der altpersisch-zoroastrischen Tradition.

Die Trennschärfe fremder Welten ist letztlich doch nicht so groß. Metropolit Kallistos Ware aus England (die Angloamerikaner dominieren die Byzantinistik) glaubt zu wissen, dass Religionen sich im Spirituellen berühren, während sie sich in dogmatischen Fragen heftig abstoßen. Sufis, Yogis, hesychastische Mönche benutzen verwandte Techniken der Meditation und Ekstase: Körperhaltung, Atemkontrolle, Konzentration auf psychosomatische Zentren. Die Historikerin Himanshu Prabha Ray brachte zweitausend Jahre alte Münzen nach Athen: auf der einen Seite mit buddhistischen Symbolen, auf der anderen mit griechischer Inschrift. Ein Relikt Alexanders des Großen und seiner Nachfolger; nur dass diese Funde viel weiter östlich gemacht wurden, als die Makedonen je vorgedrungen waren auf ihrem atemlosen Feldzug.

Geschichten und Geschichte: Die Runde leitete Hans-Joachim Gehrke, Präsident des Deutschen Archäologischen Instituts. Hier verschwimmen nicht allein die Grenzen, die von politischen Interessen und dem Zeitgeist geleitete Geschichtsschreibung stets zieht. Hier wird es auch schwer oder unmöglich, zwischen Historie und Poesie zu unterscheiden. Edhem Elden, Historiker aus der Türkei, demonstriert am Beispiel eines türkischen Pashas mit (vermutlich) griechischem Hintergrund bestsellerreif, dass eine gute Story mehr historischen Gehalt hat als trockene Wissenschaft.

Als die Philhellenen in den europäischen Machtzentren den Befreiungskampf griechischer Bauern, Piraten und Händler unterstützten und ihnen zum Sieg gegen die türkische Herrschaft verhalfen, war der Mythos am Werk – und Griechenland von griechischer Zivilisation, wie wir sie uns vorstellen und erträumen, Äonen entfernt. Ein frühes Beispiel von nation building.

Mythen wirken politisch, weil sie wiederholt werden – wie Poesie, Gesang, ein Drama auf der Bühne. Die Masken im antiken griechischen Theater hatten Augen. Sie schauen uns an, fordern uns auf, mit den „Klassikern zu schlafen“, wie einst das Orakel einem Philosophen verhieß. Dieses Prinzip künstlerischer Aneignung und Fortentwicklung gehört zu den kostbarsten und haltbarsten Erbstücken der hellenistischen Kultur. Das Christentum fußt darauf, aber auch die kritische Einstellung zur Religion, zu den Göttern. Wie sich der freie Wille, über den wir heute so kontrovers diskutieren, in der Abfolge der klassischen Dramatiker Bahn bricht, führt die Naturwissenschaftlerin Susan Greenfield (Oxford) vor. Die Macht des Schicksals bei Aischylos, die Entscheidungsmöglichkeit des Individuums bei Euripides – diese Geschichte ist nicht vorüber. Ein fertiges Europa gibt es nicht, auch kein Ende der Krise, die sich neue Zentren sucht; Irland, Spanien, Portugal. Krisen gehen vorüber, Kultur ist das, was in Erinnerung bleibt.

In den nächsten Wochen will Bernd Neumann, der Bundesbeauftragte für Kultur und Medien, eine Vierer-Kommission vorstellen, die sich mit der Ausgestaltung des künftigen Berliner Humboldt-Forums beschäftigen soll. Wie ein frei schwingender, inspirierender, universaler Gedankenaustausch funktioniert, das war exemplarisch in der griechischen Hauptstadt zu erleben.

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