Neuköllner Oper spielt WG : Geister haben laute Stimmen

Peter Lunds „Kopfkino“ in der Neuköllner Oper – eine Abschlussproduktion mit UdK-Studenten.

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Späte Stunde. In der „Kopfkino“-WG ist alles möglich. Aber man ist nie wirklich allein.
Späte Stunde. In der „Kopfkino“-WG ist alles möglich. Aber man ist nie wirklich allein.Foto: Barbara Braun/drama-berlin.de

Fahrrad oder U-Bahn? Mit Sophie oder mit Lea? Mieten oder kaufen? Geht es um Entscheidungen, banale oder existenzielle, spüren wir: Wir sind nicht allein. Sondern, glaubt man Freud, mindestens zu dritt: Es und Über-Ich schwirren als ständige Begleiter um uns herum wie die Gehilfen in Kafkas „Schloss“, vom berühmten Bauchgefühl gar nicht zu sprechen. In uns ringen zahlreiche Stimmen miteinander, meistens ziehen alle an einem Strang – nur nicht am gleichen Ende. Ein Wunder, dass dabei dann doch eine einigermaßen homogene Identität herauskommt, die natürlich in Wahrheit ein Flickenteppich ist, schwankend und labil. Was zu kaschieren dem einen mehr, dem anderen weniger gut gelingt. Unser Geist ruht auf Brüchen, und die können sich krankhaft auswachsen. Mit fließenden Übergängen.

Für die Abgründe der Psyche hat sich UdK-Professor Peter Lund schon einmal interessiert, im Musical „Stimmen im Kopf“ von 2013. Das war auf einer psychiatrischen Station angesiedelt, die Protagonistin musste sich aber nur mit einem eingebildeten Begleiter herumschlagen. Bei „Kopfkino“, der diesjährigen Abschlussproduktion seines Studiengangs, die in bewährter Tradition wieder an der Neuköllner Oper gezeigt wird, ist die Zahl der Quälgeister im Kopf auf sechs angewachsen. Alle werden verkörpert durch eigene Darsteller, was den schönen Nebeneffekt hat, dass die Bühne selten leer bleibt. Lund als Autor und Regisseur entwickelt die Stücke immer mit seinen Studierenden gemeinsam. Die verschränken nun den einen Stoffkreis, das Psycho-Thema, mit einem anderen, in Berlin brennend aktuellen: der Mietenexplosion. In den Trendbezirken kann man nur noch in WGs wohnen.

Sind die Typen echt - oder nur eingebildet?

Protagonist Lennard ist seiner badischen Familie entflohen und sucht nun in Berlin ein Zimmer. Markus Fetter spielt ihn als eine Art männliche Alice im Wunderland, dem sich mit jedem Schritt eine neue Welt öffnet. Zauberhaft, würde ihn nur nicht sein Gewissen in sechsfacher Ausfertigung plagen. Zum Beispiel in Gestalt von Sophia (Jasmin Eberl). Die heißt nicht zufällig „Die Weise“, repräsentiert sie doch die mahnende Vernunft und damit auch die Langeweile. Da darf sie schon mal seufzend „Ich hasse meine Rolle“ rufen, dafür aber auch toll tanzen. Nico Went spielt das immer ein bisschen unheimliche Kind in Lennard, Helge Mark Lodder kommt die undankbare Aufgabe zu, Lennards Ängste zu symbolisieren. Und das sind erst drei von sechs Einflüsterern! Kein Wunder, dass sich Ben (Jonathan Francke) wundert, warum sein neuer Mitbewohner immer so lange Pausen beim Sprechen macht.

Der ist der Kindheit gerade erst entwachsen und, obwohl schon 18, offenbar in sexuellen Dingen noch unerfahren. Problematisch, dass Ben gern mal nackt durch die Küche schlurft und auch sonst viel zu Hause ist, weil er von Arbeit eher weniger zu halten scheint („Um 14 Uhr hab ich Antifa-Demo“). Mitbewohnerin Fine (Linda Hartmann) fährt dafür, drogenbasiert, ständig auf Hochtouren, vor ihren unkalkulierbaren Ausbrüchen muss man sich in Acht nehmen. Und dann ist da noch Mona (Lisa Maria Hörl), Lennards Schwester aus der Heimat, die den verlorenen Bruder suchen kommt. Lange bleibt unklar, ob sie überhaupt real oder noch ein weiterer Kopfgeist ist, behauptet Lennard doch, Mona hätte sich einst mit einem Sprung vom Sparkassenhochhaus, Pforzheims höchstem Gebäude, „vertschüsst“.

Obwohl „Kopfkino“ sich streckenweise nicht die Mühe macht, Klischees (Schwabenhass, dreckige WG-Küche) aus dem Weg zu gehen, beweist die Produktion erneut, dass Peter Lunds Arbeiten zum Professionellsten und Erfreulichsten gehören, was an der Neuköllner Oper zu sehen ist. Das liegt an Thomas Zaufkes zwischen Ballade und Rockmusical changierender Musik (Leitung: Hans-Peter Kirchberg), und es liegt natürlich wie immer auch an Lunds quicklebendigen Texten, an Zeilen wie diesen: „Lennard würde sich sogar für den Bau der Mauer entschuldigen – der Chinesischen“. Gegen Ende hin verliert die Story etwas an Bodenhaftung, so wie Lennard selbst, der irgendwann zum Amphetamin nicht mehr nein sagen kann und seine Stimmen im Kopf reihenweise abknallt. Aber ob er sie damit zum Schweigen bringt?

Aufführungstermine: „Kopfkino“, Neuköllner Oper, wieder 17. und vom 21. bis 23. April, zahlreiche Vorstellungen bis 14. Mai.

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