Neuordnung der Berliner Museumslandschaft : Meister und Masterplan

Berlins Staatliche Museen stehen vor einer großen Rochade: Viele Werke ziehen um, eine neue Gemäldegalerie soll kommen. Mit zehn Millionen Euro aus dem Nachtragshaushalt des Bundes beginnt das Projekt

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Botticelli zieht um. Noch hängt die Renaissance in der Gemäldegalerie. Eines Tages sollen hier Surrealisten glänzen. Foto: dpa
Botticelli zieht um. Noch hängt die Renaissance in der Gemäldegalerie. Eines Tages sollen hier Surrealisten glänzen. Foto: dpaFoto: picture alliance / dpa

Sensationen verbergen sich manchmal im Kleingedruckten. Etwa in einer Pressemitteilung, die am Dienstag aus dem Haus des Kulturstaatsministers verschickt wurde. Es ging um die Extra-Millionen, die das Ministerium im Nachtragshaushalt des Bundes verankern konnte: 10 Millionen Euro, um die Sammlung Pietzsch innerhalb der Staatlichen Museen Berlin angemessen unterbringen zu können. Als sie ihre erlesene Sammlung von rund 150 vorwiegend surrealistischen Kunstwerken anboten, hatten Heinz und Ulla Pietzsch im Schenkungsvertrag eine öffentliche Präsentation der Stücke zur Bedingung gemacht.

Doch dies ist erst der Anfang. „Die nun mit 10 Mio. Euro aus dem Nachtragshaushalt ermöglichte Umgestaltung der Gemäldegalerie ist der erste Schritt einer geplanten Neuordnung der Berliner Museumslandschaft“, heißt es in der Mitteilung des BKM weiter: „Im Zuge der vorgesehenen Museums-Rochade sollen die Alten Meister aus der Gemäldegalerie vorübergehend ins Bode-Museum ziehen und hier zusammen mit den Skulpturen präsentiert werden.“ Und auch das ist noch nicht alles, denn: „langfristig (deutlich nach 2018) soll in einem Galerieneubau auf den Museumshöfen neben dem Bode-Museum neuer Raum geschaffen werden, um die Werke der Alten Meister im bisherigen Umfang zu präsentieren.“

Wenig später meldete sich auch die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK), unter deren Dach die Staatlichen Museen Berlin angesiedelt sind, zu Wort. Ihr Präsident, Hermann Parzinger, sekundiert: „Ich bin über die Entscheidung des Bundestages, den Umbau der Gemäldegalerie im Nachtragshaushalt für 2012 zu berücksichtigen, glücklich und danke Kulturstaatsminister Bernd Neumann für seinen Einsatz. Das ist der entscheidende Durchbruch für eine zukunftsweisende Neuordnung der Berliner Kunstsammlungen. Die großartige Sammlung Pietzsch wird im Kontext einer Galerie des 20. Jahrhunderts der Staatlichen Museen zu Berlin einen hervorragenden Ort erhalten. Und das Kulturforum am Potsdamer Platz wird damit von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zu einem Forum der Moderne ausgebaut.“

Der entscheidende Durchbruch – genau das ist es, was gestern in Parallelaktion von Bundesregierung und Preußen-Stiftung verkündet wurde. Die jahrzehntelang verfolgte Planung aus West-Berliner Zeiten, am Kulturforum die Museen europäischer Kunst zu konzentrieren, zuletzt 1996 gekrönt mit dem Neubau der Gemäldegalerie, wird als historisch beerdigt. Stattdessen wird der seinerzeit als Luftnummer bespöttelte „Masterplan 3“ des 2008 in den Ruhestand verabschiedeten Generaldirektors der Staatlichen Museen, Peter-Klaus Schuster, zur Leitlinie der immerwährenden Bautätigkeit der Stiftung. Schuster, Visionär und brillanter Rhetoriker, hat sie alle überzeugt: dass die Gemälde mit den Skulpturen, die 2006 im grundsanierten Bode-Museum ihre Heimstatt gefunden hatten, dann aber wegen ausbleibenden Publikumszuspruchs mit Gemälden Alter Meister angereichert wurden, ganz und gar zusammengehören.

Und zwar an einem Ort: Der aber kann das Bode-Museum nicht sein. So hatte Schuster einen weiteren Museumsneubau gegenüber dem Bode-Museum ins Auge gefasst, auf dem Gelände der so genannten Museumshöfe; dort, wo gerade das Archäologische Zentrum in dunkler Backsteinhülle seiner Vollendung entgegengeht. Zugleich – daher der Begriff Rochade – soll die bisherige Gemäldegalerie zum Museum des 20. Jahrhunderts umgestaltet werden. Dazu sind besagte 10 Millionen Euro aus dem Nachtragshaushalt angesetzt – ohne dass die SPK jetzt schon sagen könnte oder wollte, für welche Einzelmaßnahmen und in welcher zeitlichen Folge das Geld abgerufen werden soll. Vorstellbar ist, dass zunächst einzelne Säle aus dem jetzigen Rundgang durch die europäische Malerei bis 1800 umgewidmet werden, vorrangig für die Sammlung Pietzsch, dann aber sukzessive auch für die ständige Sammlung der Kunst des 20. Jahrhunderts im Untergeschoss der Neuen Nationalgalerie.

Die ist ohnehin bereits seit Jahren nicht mehr „ständig“, sondern wird für begrenzte Zeiträume in jeweils neuer Zusammenstellung präsentiert. Derzeit ist unter dem Motto „Der geteilte Himmel“ die deutsch-deutsche Nachkriegszeit das Thema, wie übrigens bereits einmal im Jahr 1993. Die Klagen nicht zuletzt auswärtiger Besucher, dass die großartige Sammlung des 20. Jahrhunderts kaum noch im Überblick zu betrachten ist, dauern seit langem an.Da kommt nun auch noch die Generalsanierung der Neuen Nationalgalerie ins Spiel. Der Mies-Bau, 1968 eröffnet, muss nach knapp einem halben Jahrhundert grundlegend ertüchtigt und den gewandelten Anforderungen an den Museumsbetrieb angepasst werden. Für die Sanierung ist ein Zeitraum von mindestens drei Jahren ab Baubeginn 2015 vorgesehen. Beauftragt ist das Büro von David Chipperfield, das sich mit dem sorgsamen Um- und Neubau des Neuen Museums auf der Insel weltweite Anerkennung erarbeitet hat und nach dessen Plänen das Eingangsgebäude zur Museumsinsel, genannt James-Simon-Galerie, derzeit so langsam aus der Fundamentierung wächst oder doch wachsen soll.

Selbstverständlich muss der denkmalgeschützte Mies-Bau, eine der Architekturikonen des 20. Jahrhunderts, in seinem Erscheinungsbild vollständig erhalten werden. Idealerweise würde das Bauwerk 2018 wiedereröffnet werden. Dann aber, so die Planung des vor Tatendrang sprühenden Nationalgalerie-Direktors Udo Kittelmann, als reines Wechselausstellungshaus. Für Präsentationen wie die zum Oeuvre Gerhard Richters, die mit ihren 380 000 Besuchern zugleich ein Riesenerfolg war wie auch die Grenzen der Belastbarkeit aufgezeigt hat.

Alles ist mit allem verbunden, wie sich zeigt: Wird auf dem Spielfeld der Museumslandschaft ein Stein gezogen, müssen andere folgen. Der geistige Ausgangspunkt für die nun anstehende und von der Politik akzeptierte Rochade ist nicht die Unterbringung einer geschlossenen Sammlung wie die der Eheleute Pietzsch. Es ist die Überzeugung, die ältere Kunst, die vor 1800, im Zusammenhang zu zeigen, Malerei und Skulptur gemeinsam zu präsentieren, wie es ansatzweise im Bode-Museum der Fall ist. Nomen est omen: Denn es war Wilhelm von Bode, der legendäre Museums-General, der dies im 1904 als Kaiser-Friedrich-Museum eröffneten Haus auf der Spitze der Museumsinsel glanzvoll vorgeführt hatte. Allerdings spielte auch das Kunsthandwerk mit: Truhen und Türfüllungen, nicht zuletzt auch die von Bode mit gleichem Eifer angekauften historischen Bilderrahmen gaben zusammen mit der nach Epochen geformten Innenarchitektur Ernst von Ihnes den passenden Rahmen. Heute würde man von Kontextualisierung sprechen.

Die Probe aufs Exempel hat das Bode-Museum bereits erlebt - und bestanden: Die Ausstellung der Superlative im vergangenen Herbst, „Gesichter der Renaissance“, die weniger der kunsthistorischen Forschung diente als vielmehr eine Leistungsschau der veranstaltenden Häuser aus Berlin und New York darstellte, bewies mit ihrem enormen Besucherzuspruch, dass allein eine solche Zusammenführung der künstlerischen Gattungen – idealerweise bis hin zu Buchkunst oder Numismatik – die Chance bietet, die Öffentlichkeit für alte Kunst zu begeistern.

Bleibt noch festzuhalten, dass die Haushälter des Deutschen Bundestages mit ihrer Absegnung der 10-Millionen-Spritze des Kulturstaatsministers den Einstieg in eine weitere, zudem noch kaum abzuschätzende Großinvestition der Stiftung Preußischer Kulturbesitz vollzogen haben. Ein weiteres Kunstmuseum, nun schon außerhalb der voll besetzten Insel? Zwei-, dreihundert Millionen Euro dürften eines Tages errechnet werden. Noch vorher aber muss das Museum des 20. Jahrhunderts in der jetzigen Gemäldegalerie ausgestaltet und zudem in einem attraktiven Umfeld verankert werden - 10 Millionen sind auch da nur ein Einstieg. Wer einen ersten Zug macht, sollte die folgenden schon im Kopf haben.

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