Kultur : Neuschwanstein aus Blech

Kerle auf High-Heels: Detlev Buck dreht seine Verwechslungskomödie „Rubbeldiekatz“ in Friedrichshain – ein Setbesuch

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Die Lady und der Proll. Schweighöfer und Buck auf der Fashion Week. Foto: ALIVEpress
Die Lady und der Proll. Schweighöfer und Buck auf der Fashion Week. Foto: ALIVEpressFoto: ALIVEpress / Panckow

Kater Charlie langweilt sich. Er zerrt an der Leine, maunzt ein bisschen, hopst über allerlei Equipment-Taschen und findet schließlich auf dem Fensterbrett eine zufriedenstellende Aussichtsplattform. Charlie spielt Rubbel, die Hauskatze der Brüder Honk in Detlev Bucks neuer Komödie „Rubbeldiekatz“.

In Szene 86/1 werden seine Dienste gerade nicht benötigt. Dafür darf Hund Honk mitspielen. Er liegt in der Mitte des Wohnzimmers und schaut Matthias Schweighöfer an, der im blauen Bademantel hereingeschlappt kommt. „Was is denn das hier?“, fragt er entgeistert und starrt durch ein rechteckiges Loch, das in der Titelseite der Tageszeitung klafft. „Das war der Hund“, kommt es von vorn. Seit wann der Hund rechte Winkel beißen könne, fragt Schweighöfer. Und schon fliegt das ungeschickte Täuschungmanöver seiner Brüder auf, die nicht wollten, dass er eine Klatschmeldung über das „neue Paar am Promi-Himmel“ liest.

Matthias Schweighöfer verkörpert den Schauspieler Alexander, der sich mangels Rollenangeboten als Frau ausgibt und für eine Hollywood-Produktion gecastet wird. „Alexandra“ bekommt sogar die Hauptrolle in dem während der Nazizeit spielenden Film. Bei den Dreharbeiten verfallen ihr sowohl der Hauptdarsteller als auch Regisseur John, der in ihr das Idealbild einer nordischen Frau sieht.

Die Handlung erinnert ein wenig an Sydney Pollacks „Tootsie“. Und tatsächlich hat Matthias Schweighöfer sich die wunderbare Komödie von 1982 noch einmal angesehen – wegen Dustin Hoffmans ernsthaften, unklamaukigen Spiels. „Zur Vorbereitung hat mir ein Model gezeigt, welche Bewegungen eine Frau zum Beispiel beim Hinsetzen, Trinken und Stehen macht – sozusagen mein weibliches Vokabular. Außerdem habe ich meine Freundin ein bisschen beobachtet,“ erzählt er in einer Umbaupause.

Die Frauenkleidung, die künstlichen Brüste und die Hinterteil-Prothese seien eine große Hilfe bei der Verwandlung. Und auch das Laufen auf High Heels, das am Anfang „mächtig wehgetan“ habe, beherrscht der 29-Jährige mittlerweile ziemlich gut. Wie gut, das zeigte sich kürzlich bei einem kleinen Ausflug im Kostüm: Bei der Fashion- Week-Modenshow von Guido Maria Kretschmer, dem Kostümdesigner von „Rubbeldiekatz“, hielten ihn einige tatsächlich für eine Frau. Kollege Maximilian Brückner, der den Bruder Basti spielt, kann das nachvollziehen. Als Schweighöfer zum ersten Mal im Lady-Look neben ihm stand, hat er ihn nicht erkannt.

Kollege Denis Moschitto – er spielt Alexanders Kumpel Jan – war zunächst ein wenig skeptisch, ob das funktioniert mit Schweighöfer als Frau. „Er hat ja schon ein ziemlich breites Kreuz. Aber als ich die ersten Aufnahmen gesehen habe, war ich wirklich begeistert,“ sagt er und fügt lächelnd hinzu: „Matthias Schweighöfer ist die beste deutsche Schauspielerin, die wir im Moment haben.“

Heute kann er allerdings als Mann agieren. Auf dem Drehplan steht eine Szene in der „Honk-Bude“. Diese WG der Brüder haben die Setdesigner mit viel Liebe zum Detail im Ambulatorium aufgebaut, einem Backsteingebäude auf dem Gelände des Friedrichshainer RAW-Tempels. In der Mitte der Veranstaltungshalle stehen ein paar zusammengewürfelte Sessel plus Tisch, daneben eine steinalte Stereoanlage, Platten, Kassetten, CDs. Geschirr stapelt sich in zwei Einkaufswagen. Es gibt eine Bar und eine imposante Neuschwanstein-Nachbildung aus leeren Bierdosen. Liebevoll überwacht wird dieser Traum einer Männer-Wohngemeinschaft von einer brünetten Schaufensterpuppe, die auf einem Barhocker sitzt.

Perfekt integriert in das Gewusel von Mitarbeitern, Kabeln, Scheinwerfern und Requisiten ist Regisseur Detlev Buck, der zudem den ältesten Honk-Bruder Jürgen spielt. Gerade ist er falsch ins Bild gelaufen und verdeckt seinen Hauptdarsteller. Also, noch mal, ja, ja, kein Problem. Bei der nächsten Klappe stimmt etwas anderes nicht. Wieder muss alles zurück auf Anfang. Buck fröstelt, er reibt sich die Arme, denn er trägt zur Jogginghose nur ein enges T-Shirt mit Hundeaufdruck. Das sehe irgendwie unsexy aus, sagt jemand. „Unsexy?!“, schreit Buck, „Jetzt bin ich total verunsichert. Das führt ja gleich zum Drehabbruch hier!“ Alle lachen. So ist er die ganze Zeit. Eher einer von den Jungs als der große Boss. Gerade schlägt Schweighöfer vor, dass Denis Moschitto eine seiner Textzeilen übernehmen könnte, damit das Ganze besser fließt – Buck stimmt sofort zu.

Und, na klar, für ein kurzes Gespräch hat er auch Zeit. Immer rein in den Kontrollraum und rauf auf den Regisseursklappstuhl. Eingepackt in eine dicke Jacke wechselt der 48-Jährige, der zuletzt das kambodschanisch-deutsche Liebesdrama „Same Same But Different“ inszenierte und in den Neunzigern mit Komödien wie „Karniggels“ oder „Wir können auch anders“ bekannt wurde, in einen etwas brummigeren Ton. Erklärt, dass „Rubbel die Katz“ ein alter jüdischer Kaufmannsausdruck für „schnell“ ist und sein Film eine Art „Tootsie“-trifft-„Hang Over“.

„Es geht um clevere Unterhaltung. Ich mache keine Comedy, sondern eine Komödie. Da besteht für mich ein Riesenunterschied. Denn wir lachen nicht auf Kosten der Figuren. Die haben alle ihre Würde. Genau wie Charlie Chaplin und Buster Keaton ja immer ihre Würde hatten.“ Spricht’s und springt schon wieder aus dem Stuhl – mal schauen, wie sich der Brückner da hinten mit der Espressomaschine anstellt.

Noch bis Anfang nächster Woche dreht das Team in Berlin, danach geht es weiter nach St. Peter Ording und Hamburg. Ende des Jahres soll „Rubbeldiekatz“, der mit 650 000 Euro vom Medienboard Berlin Brandenburg gefördert wird, in die Kinos kommen. Das Drehbuch hat Detlev Buck zusammen mit Anika Decker geschrieben, die zuvor die Scripts für die Til-Schweiger-Komödien „Keinohrhasen“ und „Zweiohrküken“ mitverfasst hat. In diesen beiden Blockbustern war Matthias Schweighöfer als Fotoreporter Moritz ebenfalls mit von der Partie. Weitere Ähnlichkeiten sind wohl eher nicht zu erwarten. Dafür ist Buck zu eigen – und vielleicht auch zu eigenartig.

Wie er da zwischen zwei Takes plötzlich kopfüber an zwei Turnringen von der Decke baumelt, das ist schon ganz großer Sport. Das Gesicht knallrot, die Adern schwellen an – und trotzdem kann er noch Witze reißen. Wenn er diese Atmosphäre vom Set auf den Film übertragen kann, gibt es nächsten Winter im Kino einiges zu lachen.

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