NHK Orchestra in der Philharmonie : Eine Frage der Ehre

Besuch aus Tokio: Paavo Järvi und das japanische NHK Symphony Orchestra spielen Mozart und Mahler in der Philharmonie. Mit Janine Jansen als Solo-Violinistin.

Paavo Järvi, Leiter des NHK Orchestra
Paavo Järvi, Leiter des NHK OrchestraFoto: dpa / picture-alliance

Es ist die erste Tournee ins Herzland der Klassik, zu der das in Tokio beheimatete NHK Orchestra mit seinem Chefdirigenten Paavo Järvi aufbricht. Die zweite Saison arbeitet man nun zusammen – und versteht sich auf eine absolut geräuschlose Art und Weise. Der estnische Dirigent schätzt an seinen japanischen Musikern ihren Respekt vor der Musik und ein Engagement, dass man sich als Ehre anrechnet. Das Orchester wiederum zeigt sich still beeindruckt von der aufrechten Haltung seines Chefs, der nie ins Schwitzen gerät und Musik aufräumen kann wie wenige neben ihm. Eine Fähigkeit, die Järvi bei Mahlers Sechster glänzend einzusetzen vermag, jenem gewaltigen musikalischen Sog, der 110 Musiker und 85 Minuten Lebenszeit unter Hammerhieben regelrecht verschlingt.

Da das allein als Visitenkarte auf Tournee nicht ausreicht, gibt es zuvor Mozarts 3. Violinkonzert mit Janine Jansen. Sie nimmt es auf sich, den von Järvi kühl gefassten und von seinen Musikern recht bedächtig ausgeschrittenen Rahmen vom ersten Ton an aufzusprengen. Leidenschaftlich legt sich Jansen in die Musik, verzichtet auf schwereloses Gleiten, tritt auch mal mit dem Fuß auf. Dabei reißt ihr erstaunlicherweise nie der musikalische Faden, obwohl die Geduld doch strapaziert wird.

Die Wärme der Streicher fehlt

Jansen und Järvi kennen sich gut, gemeinsam sind sie mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen wunderbar abgehoben. Doch darf man sich von Järvis sachlich-sportlichem Stil nicht täuschen lassen: Dieser Dirigent, der es gewohnt ist, unterschiedlichsten Orchestern als Chef vorzustehen, weiß sehr genau, wo er gerade den Taktstock hebt. Und so bleibt sein japanischer Mozart konzentriert auf die Form und dem ruhelosen Glück fern.

Bei Mahler hingegen können Orchester und Dirigent das Maximum ihre Verbindung abrufen: Straffe Organisation des Riesenapparates, dem Kollektiv verpflichtete Solisten. Und da technische Beherrschung schon viel Mahler bedeutet, darf man staunen über exzellentes Schlagwerk und klar gestaffelte Klangräume. Doch eines fehlt an diesem Abend. Es ist die Wärme, die nur Streicher schenken können – und hier bleibt das NHK Orchestra fahl und hölzern. Der Mut, sich mit Järvi in emotionale Tiefen zu werfen, kann noch wachsen.

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