Kultur : Nichts dreht mehr

Doppel in Neuhardenberg: Meese stellt aus – und Wuttke spielt Rolf Dieter Brinkmann

Jan Oberländer

„Da, wo die Scheiße fällt, stehen die Intellektuellen.“ So brachte Heiner Müller die Situation des Geistes im Reich des Preußenkönigs Friedrich II. auf den Punkt. Noch heute steht in Berlin Unter den Linden Christian Daniel Rauchs Reiterstandbild des „Alten Fritz“, das Dichter und Denker wie Kant und Lessing unterm Pferdeschweif versammelt, wo sonst.

Eine großformatige Abbildung dieses Machtgefälles eröffnet denn auch die Ausstellung „Gundling Meese Erzstaat“ auf Schloss Neuhardenberg, in der Jonathan Meese und seine Kuratoren Carsten Ahrens und Gerhard Ahrens das damals wie heute prekäre Verhältnis von Geist und Macht, von Kunst und Staat reflektieren.

Jakob Paul von Gundling (1673-1731), informiert der Ausstellungskatalog, steht für die „eigentümliche Einheit von Abwertung und Anerkennung“ von Gelehrten am preußischen Hof. Als Präsident der Preußischen Akademie der Wissenschaften und Zeitungsreferent im Tabakskollegium des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I spielte der Historiker einerseits eine intellektuelle Rolle bei Hofe. Andererseits wurde er zur Witzfigur gemacht, musste als Oberzeremonienmeister eine entwürdigende Uniform samt Ziegenhaarperücke tragen und wurde regelmäßig bis aufs Blut gefoppt. Heiner Müller beschreibt in seinem für Meese grundlegenden Stück „Leben Gundlings Friedrich von Preußen Lessings Schlaf Traum Schrei“ die Szene, in der zum Gaudium der Tabaksrunde ein Bär auf den Unglücklichen losgelassen wird.

Mit krudem Pinselstrich, mit Collagen und Videos verwandelt Meese sich dem armen Gundling an, nähert sich aber auch den beiden geistfeindlichen Preußenkönigen. Auf einem Bildschirm schüttelt Meese stumm die Herrscherfaust, auf einem anderen rührt er sinnend in der Entengrütze. Einer Reihe Offiziersporträts stellt er eine Kompanie Brustbilder entgegen – düster-knollennasige Hauptleute seines eigenen „Erzstaats“.

Die beiden Mittelräume, um die herum Meeses Bilder hängen, sind das intellektuelle Herz der Ausstellung. Wenn der 37-jährige Künstler hier in einem Schnörkelschreibschriftmanifest gegen ein „zweckgebundenes Korsett“ und ein „Versklavungsdekorationssystem“ wettert, dann bekommt die über eine Treppe erreichbare zweite Ebene der Ausstellung ein beeindruckendes Gewicht. Als krönende Utopie hat Meese hier seinen autonomen Staat errichtet.

Auf Video spielt Meese als Kunstgottkönig mit sich selbst: zwei kleine bemalte Finger-Kinder mit Pieps-, Papa Meese mit Donnerstimme. „Ich werde euch bewachen, ein Hagen von Tronje der Kunst!“ Am Ende hüpft er, hopp, über die Grenzlinie des „rechtsfreien Raums“ – eine radikale Vision einer erst in der Hermetik wahrhaft freien Kunst. Und eine große, schlaue Selbstironie, eingesperrt in den Fernsehkasten, ausgestellt im Regierungsklausurtagungsschloss Neuhardenberg.

Im Park gibt es noch mehr Meese. Das Stück „Sacer Lokus“ ist nach "Zarathustra" von 2006 die zweite Sommertheaterzusammenarbeit des Künstlers mit Martin Wuttke. Der Open-Air-Spielort wirkt tatsächlich fast sakral: goldenes Abendlicht, wunderblauer Himmel, berückend weiter Blick. Mittendrin ein wunderliches Schloss, eine Meese-Bretterbude auf der grünen Wiese. Das Haus der Kunst vielleicht, aus dem es raucht und röchelt und bisweilen rockt.

Meese schleppt ständig Bilder heraus - ist das die Grenzüberschreitung? „Erkundungen für die Präzisierungen des Gefühls für einen Aufstand“ hat der Popliterat Rolf Dieter Brinkmann seine Tagebuchnotizen genannt, auf denen die knapp zweistündige Inszenierung beruht. Unter Wuttkes Regie wird daraus ein Aufstand gegen die Bedeutung – und das Theater so mit Meeses Ausstellung enggeführt. Brinkmann war ein Dichter des Jetzt, darum hat der Abend vor allem: Momente. Wuttke mit Cowboyhut und Kippe, wie er quer über die Szene sprintet, Lilith Stangenberg im Skelettkostüm. Kinder und Hunde. Bernhard Schütz und Kathrin Angerer in der Sprachkrise: „Wie geht's?“ „Gar nicht!“. Brinkmann-O-Ton aus den Lautsprechern: „Ich will immer was ganz anderes sagen, aber ich schaffe das andere nicht.“ Später, als es dunkel wird und die Live-Videoprojektionen losgehen, so dass der tiefe Grund plötzlich zu einer Volksbühnen-Oberfläche wird, hat Volker Spengler eine berührende Abschiedsszene: „Ich verlasse diese Wörter“. Unter Meeses schwarzen Pinselstrichen verschwindet er nach und nach im Nichts.

Ausstellung bis 18. November. „Sacer Lokus“ wieder vom 17. bis 19. und 24. bis 26. August.

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