Nilks Minkmar über den Wahlkampf von Peer Steinbrück : Aggressive Biederkeit

Das Wir hat anders entschieden: Nils Minkmar hat Peer Steinbrück bei dem Versuch begleitet, Kanzler von Deutschland zu werden.

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Volksbefragung. Die „Dialog-Box“ der SPD im Bundestagswahlkampf. Foto: dpa
Volksbefragung. Die „Dialog-Box“ der SPD im Bundestagswahlkampf. Foto: dpaFoto: picture alliance / dpa

Ein Buch über den Wahlkampf des Peer Steinbrück? Wahrscheinlich hätte auch Nils Minkmar, Feuilletonchef der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, lieber ein Buch über einen strahlenden Sieger geschrieben. Oder auch nicht. Jedenfalls kann man annehmen, dass Minkmar die Chancen Steinbrücks auf die Kanzlerschaft für ziemlich intakt hielt, als er sich vor etwa einem Jahr entschied, den SPD-Kandidaten im Wahlkampf zu begleiten. Darin unterschied er sich von vielen Genossen, die er traf: „Ich dachte mir, das wird die SPD schon noch hinkriegen, so einen Wahlkampf. Aber es stellte sich bald heraus, dass meine Gesprächspartner recht behielten, sie kannten den Laden einfach besser.“

Minkmar hat eine Langzeitbetrachtung mit literarischen Qualitäten geschrieben, eine kluge Beobachtung bundesrepublikanischer Politik im Zeitalter ihrer Dekonstruktion. Im Mittelpunkt steht der Kanzlerkandidat, von dem auch Angela Merkel der Meinung sei, dass er ein guter Kanzler wäre. Keine schlechten Voraussetzungen also. Minkmar allerdings vergleicht Steinbrück schon zu Beginn mit einem erfahrenen Admiral, der weder Schiff noch Mannschaft habe und der „im Landesinneren festsitzt“.

Ein Anti-SPD-Buch ist so nicht entstanden. Der „FAZ“-Journalist beschreibt „die Genossinnen und Genossen“ als „reizend, engagiert, intelligent“. Dieses Lob ist nicht einmal vergiftet gemeint. Einer Einzelnen, einem Einzelnen sei kein Vorwurf zu machen. Im Zusammenspiel jedoch entsteht das Bild einer seltsam fahrigen Organisation – bei der die linke Hand oft nicht weiß, was die rechte tut.

Minkmar ist nicht nur ein präziser, zurückgenommener und oft auch ironischer Beobachter. Seine Deutungen gehen an vielen Stellen über das hinaus, was man sonst an tagespolitischer Analyse kennt. Zum Beispiel wenn er sich in eine seitenlange Satzbau-Interpretation vertieft, an deren Ende der zentrale SPD- Wahlkampfslogan „Das Wir entscheidet“ unterbewusst die sozialdemokratische Ich-Schwäche offenbart. Eigentlich war der Spruch als kraftvolle Abgrenzung zur Agenda-Politik gedacht gewesen. Aus Sicht Minkmars aber drückt er einen Hang zu sprachlich-politischer Lieblosigkeit aus: „Eine Sache kann nichts entscheiden, eine zur Sache erklärte Gruppe wird völlig abstrakt, und das nimmt dem Satz jede Brisanz. Es ist in diesem Satz also trotz seiner exekutiven Aussagekraft unklar, wer entscheidet.“

Überhaupt die Exekutive. Folgt man Minkmars Argumentation, dann ist es kein Zufall, dass das bevorstehende Mitgliedervotum aus dem Ruder laufen könnte. Die SPD beschreibt er als einen Verbund von zwei Parteien: Die eine sei ein Organ der exekutiven Exzellenz. Deren Akteure würden es meisterhaft beherrschen, an Stellschrauben zu drehen, damit „das dysfunktionale System“ wieder so laufe, dass das Leben der Menschen mit seiner Hilfe leichter werde. Von sich selbst aber habe die Sozialdemokratie ein anderes Bild: das eines Vereins von Kameraden, die miteinander schweigen und kämpfen können und für die Loyalität der höchste Wert sei.

Vielleicht ist aus der Unvereinbarkeit dieser beiden Teile jene „aggressive Biederkeit“ zu erklären, die Minkmar bei der SPD zu erkennen glaubt. Nicht nur kann er dem Programm, das Steinbrück verpasst wurde, „keinen Stil und keine Kultur der Freude und der Zuversicht“ entnehmen. Viel schwerer wiegt für ihn, dass die Partei den erschöpften Deutschen vor allem weitere Erschöpfung habe zumuten wollen: Es werde keine Geborgenheit versprochen, es würden stattdessen immerzu noch mehr Angebote zu noch mehr Gesprächen gemacht – ein „kommunikativer Overkill“, dessen Sinnbild die „Dialogbox“ ist, die die SPD im Wahlkampf herumkarrte und die an eine zu groß geratene Cola-Dose erinnerte.

Welche Schuld jedoch trägt Steinbrück an der Niederlage, jener Mann also, der mit missmutigem Gesicht auf dem Buchcover zu sehen ist – und der während Minkmars Begleitung vom geachteten Staatsmann zum „Dödel der Nation“ mutierte? Minkmars Blick auf ihn bleibt wohltuend distanziert, von Zynismus ist er frei. Ja, er sieht in Steinbrück sogar eine Vaterfigur – nach der sich die vom gesellschaftlichen Burnout bedrohten Deutschen eigentlich sehnen müssten.

Steinbrücks pragmatische Pannenstrategie allerdings – „turn weakness into strength“ – sei nicht aufgegangen, meint Minkmar. Das liege an Steinbrücks notorischer Unberechenbarkeit, weshalb ihm auch die öffentlichen Tränen im Beisein seiner Frau Gertrud eher geschadet hätten. Es könne aber auch daran liegen, dass viele Deutsche nach dem Krieg schwache, labile Väter erlebt hätten. Erst vor dieser Folie werde Merkel zum mütterlichen Rettungsengel. Oder, wie es die Bewohnerin eines Wohnprojekts für Ältere bei einem von Steinbrücks Hausbesuchen in Nürnberg ausdrückte: „Männer meiner Generation, die können Sie zu nichts gebrauchen.“ In diesem Moment, schreibt Minkmar, habe Steinbrück erfahren, dass die jüngste der Damen 66 ist – kaum älter als er selbst.

– Nils Minkmar:

Der Zirkus. Ein Jahr im Innersten der Politik. S. Fischer, Frankfurt am Main 2013. 224 Seiten, 19,99 Euro.

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