Nils Landgren im Konzerthaus : Bosporus-Beats

Posaunist Nils Landgren im Konzerthaus und zeigt mit Sopranistin Begüm Tüzemen und der Pianistin Sinem Altan ein Mix aus der Musik des Orient und des Okzident.

Tomasz Kurianowicz
Posaunist Nils Landgren.
Posaunist Nils Landgren.Foto: Mutesouvenirs/KP

Nils Landgren gehört zu den bedeutendsten Jazz-Posaunisten der Welt. Zugleich ist er jedes Jahr ein gern gesehener Gast beim Festival Young Euro Classic. Mit seinem Esprit, seiner offenen Art und Improvisationsbereitschaft passt er perfekt zum grenzüberschreitenden, agilen Anspruch des Festivals. Bei seinem diesjährigen Auftritt am Gendarmenmarkt beweist er wieder, dass er keine Berührungsängste kennt: Sein Ensemble, das aus ihm und vier herausragenden Jazz-Musikern besteht, trifft auf die anatolische Kraft des Crossover-Projekts Olivinn, das von der Sopranistin Begüm Tüzemen und der Pianistin Sinem Altan angeführt wird.

Schon beim ersten Stück, einer anatolischen Klangstudie, kommt die ganze Wucht des Experiments zum Tragen: Özgür Ersoys armenische Flöte vermischt sich mit Axel Meiers schnell getaktetem Drumset und pendelt zwischen türkischer Tradition und moderner Improvisationskunst. Hinzu kommt Nils Landgrens feiner Posaunen-Sound, der dem Abend eine melancholische Note verleiht. Landgren schafft es mit seiner tiefsinnigen Art und seinen warmen, gedehnten Soli, dass man sich an einem ganz anderen Ort glaubt: nicht im Konzerthaus, sondern in einem intimen Jazzkeller in Stockholm.

Eine verschlungene Dynamik aus Orient und Okzident

Die Reise geht weiter nach Deutschland und zu Schuberts Vokalstück „Leiermann“, das im Arrangement von Sinem Altan zu einem mittelanatolischen Volkslied mutiert. Der Mix aus Orient und Okzident verleiht der Komposition eine mysteriös verschlungene Dynamik. Die Symbiose wirkt trotzdem nicht aufgesetzt, sondern wie ein organisches Zusammenspiel aus verschiedenen Kulturen und Einflüssen, die in Tüzemens feiner Sopran-Stimme zu einem musikalischen Ganzen verschmelzen. Das Publikum geht mit und wird Zeuge einer irren Symbiose, etwa wenn Brahms’ „Ungarischer Tanz“ mit Bosporus-Beats unterlegt wird und wie ein spontaner Besuch bei einer türkischen Hochzeit klingt. Die Musiker haben sichtlich Spaß an der Jam-Session und schließen mit George Gershwins „Summertime“, das sich im Mix mit Robert Schumanns Lied „Von fremden Ländern und Menschen“ zu einer berührenden völkerverbindenden Hommage verwandelt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar