Nir Barams Roman "Weltschatten" : Das System ist überall

Neues im Bücherherbst: Der israelische Schriftsteller Nir Baram lädt in seinem Roman "Weltschatten" zur Tour de Force durch den internationalen Finanzkapitalismus.

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Der israelische Schriftsteller Nir Baram, Jahrgang 1976.
Der israelische Schriftsteller Nir Baram, Jahrgang 1976.Foto: Natan Dvir/Verlag

Der Casinokapitalismus der 90er Jahre hat den Typus des Hochstaplers wieder salonfähig gemacht. Als obsessiver Spieler bedient er kein einfaches Rollenfach, sein Kennzeichen ist es, Rolle schlechthin zu sein: Entkernung ist sein Markenzeichen und Unernst die durchgängige Haltung. Er schließt Wetten ab auf die Ernährungsgrundlage ganzer Völker, setzt die Altersversorgung ganzer Generationen aufs Spiel, kurz er dealt, womit sich dealen lässt, insbesondere mit der nicht empfundenen Skrupellosigkeit.

Michael Brookman ist ein solcher Spieler. Er verwaltet einen großen amerikanischen Hedgefonds, und um seine Tentakel in den Nahen Osten, insbesondere in die finanzkräftigen Gefilde Israels auszudehnen, benötigt er einen Mann, der unter dem Deckmantel der „jüdischen Frage“ das Geschäft zum Laufen bringt. Er findet ihn in dem mutterlos aufgewachsenen, aus bescheidenen Verhältnissen stammenden Gavriel Manzur, der keine besondere Begabungen hat außer der, gut zuhören und sich anpassen zu können. In seinem Willen aufzusteigen, sieht er sich plötzlich in ein globales Spiel verwickelt, dessen Regeln er nicht überblickt.

Gavriel Manzur ist einer der titelgebenden „Weltschatten“ in Nir Barams zweitem auf Deutsch erschienenen Roman. Der israelische Autor, 1976 in Jerusalem geboren, will die Tour de Force durch einen entgrenzten Kapitalismus am liebsten als „Abenteuerroman“ verstanden wissen.

Im fernen London findet sich zum Zeitpunkt, als Manzur in eine immer schwierigere Lage gerät, eine wild zusammengewürfelte Gruppe von Künstlern, Aussteigern und Mittellosen zusammen, die beschließt, das Spiel der Etablierten einfach nicht mehr mitzuspielen. Sie beginnen, nicht etwa Politiker oder Industrielle anzugreifen, sondern Kultureinrichtungen, die sie als besonders infam erleben, weil sie dem herrschenden System die liberale Tünche verschaffen. Ihre Aktionen verselbstständigen sich, werden unkontrolliert übers Netz weitergetragen und global aufgenommen bis zu dem Punkt, an dem die Gruppe für den 11.11. des laufenden Jahres einen weltweiten Streik von einer Milliarde Menschen ausruft.

Während der in Israel handelnde Strang als traditionelle Familiengeschichte aus der Perspektive Gavriels erzählt wird, berichtet von den Ereignissen in Großbritannien ein nicht weiter benannter Chronist im Rückblick und aus einer distanziert wirkenden Wir-Perspektive. Es ist ein Bericht „aus der Erstarrung heraus“, wie es am Ende heißt, eine Reverenz an die Toten.

Nir Baram ist bekannt für seine Reportagen aus den besetzten Gebieten

Im dritten Komplex geht es um die amerikanische Politikberatungsfirma MSV, die ursprünglich angetreten war, der Demokratie überall auf der Welt zum Durchbruch zu verhelfen, mit ihrem Aufstieg aber von dubiosen Geldgebern abhängig geworden ist. Die mit „teuflischer Energie“ arbeitenden Campaigner überblicken nicht mehr, welche Kandidaten sie eigentlich unterstützen. Einer von ihnen, Daniel Kaye, empfindet zunehmend Skrupel und entschließt sich, den Laden zu verlassen. Die Geschehnisse, die teils auf tatsächliche Ereignisse zurückgehen, und die unterschiedlichen Identitäten der für die MSV tätigen Mitarbeiter erschließen sich nur über einen mehrere Wochen umspannenden E-Mail-Verkehr. Ein Puzzle, das der Leser selbst zusammensetzen muss.

Mit „Weltschatten“ hat der für seine Reportagen aus den besetzten Gebieten hochgelobte Autor ein monumentales Generationenbild geschaffen. Es zeigt, dass in einer umfassend vernetzten Welt, in der alle Akteure undurchschaubar miteinander verstrickt sind, Handlungsfolgen nicht mehr abzusehen sind. Während Gavriel sich immer mehr an die Werte seiner korrupten Geschäftspartner anschmiegt und in den Sog des internationalen Finanzbusiness gerät, warten die hasserfüllten jungen Leute darauf, Christophers Traum von einer „großen Tat" umzusetzen. Ohne ideologischen Kern oder eine Vorstellung, was nach dem Streik kommen soll, setzen sie eine Bewegung in Gang, die deutlich machen soll: „Wir sind raus, wir machen nicht mehr mit.“ Sie sind angetreten, „den Heuchlern die Maske vom Gesicht zu reißen“.

Für den demokratischen Think Tank in Barams Roman wird Geld zum Problem

Doch wie bei der MSV, wo „von Geld nie die Rede“ ist, wird Geld irgendwann auch für sie zum Problem, sei es, weil sie irgendwie leben müssen, sei es, weil manche Mitglieder beginnen, ihre Aktionen zu vermarkten. Es bilden sich informelle Hierarchien, Misstrauen kommt auf. Und wie in linken Bewegungen üblich, wird die Gewaltanwendung auch hier zur Gretchenfrage. Die Crux dieser jungen Leute ist, dass alles schon gedacht wurde, alle Theorien durchdekliniert sind und sie selbst nur noch als Zitat in Erscheinung treten. Allerdings mit der neuen Erkenntnis, „dass es uns nicht wirklich gelang, außerhalb des Systems zu stehen, das wir zerstören wollten“, ja dass es „einen solchen Ort vielleicht überhaupt nicht gab“.

Das Cover von "Weltschatten".
Das Cover von "Weltschatten".Foto: Verlag

Bringt Baram dieser Gruppe viel Sympathie entgegen, stellt er die MSV-Mitarbeiter, die glauben, ihr Geschäft im Dienst der Demokratie zu betreiben, gnadenlos aus. In einem schmerzhaften Selbstaufklärungsprozess müssen die Gutwilligen einsehen, dass die von ihnen unterstützten Politiker im Kongo oder in Bolivien korrupt sind und ihr Volk verraten. Wie kann man dem Zynismus entgehen und anständig bleiben in einer Welt, in der selbst das Gute vom Miserablen vereinnahmt wird?

Nir Baram zeigt die Widersprüchlichkeit politischen Widerstands in einer globalisierten Welt

Gavriel, der Durchschnittsmensch, der mitspielen wollte, ist der eigentlich tragische Held der Geschichte. Er wird bestraft für eine „kleine Überstrapazierung der Regeln, die dieser Ordnung zugrunde liegen und die im Prinzip die Wurzel der ganzen perversen Ordnung darstellen“. Es sind solche, mitunter auch schlampig übersetzten thesenhaften Sentenzen, die den rasant erzählten, stilistisch differenzierten Roman mit seiner überbordenden Materialfülle und seiner schwindelerregenden Konstruktion stören. Am Ende bemüht Baram auch noch Kälte-Wärme-Metaphern, um die Opfer des am „Trafalgar“ endenden Streiks – sozusagen das Waterloo der Gruppe – zu betrauern.

Einen scharfen Blick beweist Nir Baram allerdings für die paradoxen Seiten politischen Widerstands in einer globalisierten Welt. „Früher“, heißt es einmal, „haben junge Leute, die etwas verändern wollten, eine politische Bewegung auf die Beine gestellt. Heutzutage sitzen sie bei irgendeiner Menschenrechtsorganisation oder Stiftung, die sich mit einem winzig kleinen Ausschnitt der Welt befassen und beziehen ein nettes Gehalt.“ Wie sagte doch Gavriel: „Unsere Art, wie wir das Spiel gespielt haben, hat euch ein sehr angenehmes Leben beschert.“

Nir Baram: Weltschatten. Roman. Aus dem Hebräischen von Markus Lemke. Hanser Verlag, München 2016. 510 Seiten, 26 €.

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