Nobelpreisträger Bob Dylan : Wort für Wort

Gibt es den einen Song, der Bob Dylans literarische Qualitäten zeigt? In „Tangled Up In Blue“ demonstrierte er 1974, was Popsongs leisten können.

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Bob Dylan in den 70er Jahren, in denen er mit "Blood on the Tracks" wieder ein großartiges Album aufnahm. Es mit Dylans epochalen Arbeiten aus den 60ern zu vergleichen, sei unmöglich, meinte Rockkritiker Jon Landau. Man können ihm nicht mehr so tief und für so lange Dauer verbunden sein. Foto: Imago / United Archives International
Bob Dylan in den 70er Jahren, in denen er mit "Blood on the Tracks" wieder ein großartiges Album aufnahm. Es mit Dylans epochalen...Foto: Imago / United Archives International

Es gibt so viele Songs. So viele großartige Songs, die Bob Dylan geschrieben hat. Und den einen gibt es nicht in dieser Masse, das Meisterwerk, bei dem sich der Sänger selbst übertroffen und ein literarisches Niveau erreicht hat, das seine Kunst des Songwritings über jeden Zweifel erhaben macht und die Entscheidung des Nobelpreiskomitees nun vielleicht ein bisschen weniger überraschend aussehen lassen könnte. Zumal Songs mit einem gewissen kunstvollen Anspruch zu schreiben, eine noch relativ junge Kunst.

Dylan blieb nie stehen, bei dem, was er konnte, sondern probierte immer wieder neue erzählerische Ansätze aus, übte sich in Perspektivenwechseln, Vor- und Rückblenden, verwarf das Erreichte schließlich, um doch wieder bei der simplen Struktur eines Folk-Songs zu landen, bei der er sich von jeher, von 1962 an, bedient hat. Eine Liste alter amerikanischer Volkslieder in der Tasche ließ ihn einmal mit Blick auf sein eigenes Werk sagen: "All diese Songs sind miteinander verbunden. Ich habe nur einen neuen Ausgang gefunden und ihn auf eine etwas andere Weise benutzt."

Die Welt muss besser werden

Es ist diese spezielle "andere Weise", woher sie auch stammen mag, die ihn die Bedürfnisse, Träume, Ängste und Enttäuschungen der Nachkriegsgeneration ausdrücken ließ, als wären sie direkt aus dem Herz amerikanischer Traditionen entsprungen - und nicht das Ergebnis eines wirtschaftlichen Aufschwungs, den die USA in den sechziger Jahren erlebten.

Da sind zuallererst die Protestsongs, mit denen er "die Welt veränderte", wie manche meinen: "Blowin' In The Wind", "A Hard Rain's A-Gonna Fall", "The Times They Are A-Changing", "Masters of War" oder - der beste von ihnen - "Like A Rolling Stone". In ihnen verschmolz die Position des Sängers und Verkünders neue Zeiten mit dem allgemeinen Gefühl, dass die Welt eine bessere werden müsse. Schönes Gefühl, große Emphase. Zu Dylans Leidwesen maß eine ihm ergebene Rockkritiker-Schar ihn fortan an dieser Periode, die er zu allem Überfluss auch noch damit krönte, dass er sich vom Folk-Barden zum Rockmusiker wandelte und seinen Protestgesten eine neue Heftigkeit verlieh. Als er Mitte der 70er Jahre mit "Blood on the Tracks" wieder ein großartiges Album aufnahm, da zählte das wenig. Es mit den epochalen Arbeiten aus den 60ern zu vergleichen, verbat sich, meinte "Rolling Stone"-Kritiker Jon Landau. Man könne ihm nicht mehr so tief und für so lange Dauer verbunden sein.

Dylan vermied es, private Erlebnisse in seinen Songs zu verarbeiten - bis er es musste.

Von Beginn an ließ Dylans Lust an ausschweifenden Erzählungen ihn brillante Balladen schreiben, Boxer-Geschichten, Landarbeiter-Tragödien und letzte Bekenntnisse von Mördern, bevor sie abgeurteilt wurden. John Brown, Hollis Brown, Donald White und William Zanziger haben den Status historischer Figuren, und die Funktion des Sängers ist, Bericht zu erstatten und die Dinge aus dem grellen Licht der Tagesnachrichten zu rücken.

Würden Reportagen gesungen, wäre Dylan der erste gewesen. Allerdings hat er Romane gesungen. Und da wird es nun interessant.

Das Ehedrama "Tangled Up In Blue" findet sich "Blood on the Tracks", das in eine schwierige Lebensphase des Musikers fiel. Er habe zehn Jahre gebraucht, um diesen Song zu leben, und zwei Jahre, um ihn zu schreiben, hat Dylan gesagt. Seine Ehe brach zu der Zeit, 1974, gerade auseinander. Auf der Suche nach einer Antwort für dieses Scheitern hat er die Vorstellung davon, was ein Song von etwa vier Minuten an Wahrhaftigkeit und Fantasie transportieren kann, für immer geprägt. Alles fließt in diesem nur von einer Gitarre begleiteten Wortstrom ineinander, die Zeiten, du, ich, wir, Schuld und Schicksal. „Ich wollte der Zeit trotzen“, so Dylan, „beim Betrachten eines Gemäldes ist jedes Detail für sich zu erkennen und alle gemeinsam. Ich wollte, dass der Song zum Gemälde wird.“

Schuldgefühle verhindern Erzählungen

Er beginnt so konventionell wie viele Liebeslieder, in der Stimmung allmählichen Erwachens, die Sonne scheint, und der Erzähler ordnet seine Gedanken, indem er sich fragt, ob die Frau sich je verändert hätte. Man muss hier schon genau hinhören, um zu kapieren, dass der Mann auf seinem Lager einen Ausweg sucht. Er ist fortgegangen, weil er es aufgegeben hatte. Aber was, wenn sie sich mit der Zeit doch gewandelt hätte?

Da es keine Antwort auf diese Frage gibt, wie Dylan sehr wohl weiß, sucht er auch nicht nach ihr. Stattdessen greift er zum Mittel des Zeitsprungs, aber nicht, weil er ihn nur raffiniert findet, sondern weil das Gehirn nun zwangsläufig seine Erinnerung nach Momenten durchsucht, die den Entschluss des Erzählers nachträglich plausibel machen. Das geschieht nicht wohl geordnet, allenfalls in Schleifen und Spiralen, gehetzt von einem schuldtrunkenen Gemüt.

Schuldgefühle verhindern Erzählungen, sie verbarrikadieren die Erinnerung. Dylan ist sich dessen bewusst und offenbar kennt er auch die Gefahr der Rechthaberei, jener schwafelnden Erinnerungslosigkeit, so dass er sich in diesem persönlichsten seiner Songs in aphoristische Splitter rettet, die er hart gegeneinander setzt, als handelte es sich um Begründungen, die eigentlich nur Kurzschlüsse sind. "Ihre Verwandten hatten gesagt, dass unser Leben zusammen bestimmt rau werden würde", singt Dylan, bevor er sich gedanklich an die Straße stellt, um wegzukommen.

"I just kept looking on the side of her face." Bob Dylan (links) konnte die Augen nicht von dem Model und Playboy-Bunny Sara Lowndes (rechts) lassen. Das Paar war zwölf Jahre verheiratet. Gegen Ende schrieb Dylan mit "Tangled Up In Blue" einen Song über die Beziehung. Foto: dpa
"I just kept looking on the side of her face." Bob Dylan (links) konnte die Augen nicht von dem Model und Playboy-Bunny Sara...Foto: dpa

Nach einem Triumph der Liebe klingt das nicht

Das lineare Narrativ aufzuheben, ist ein Wagnis. Ziemlich verwirrend fanden denn auch viele Hörer diesen Song, nachdem er herausgekommen war. Dabei ist die Sache eigentlich ganz einfach: Als der Mann die rothaarige Frau kennengelernt hatte, war diese noch verheiratet gewesen und sollte bald geschieden werden. Er half ihr aus der Klemme, wie es weiter heißt, "aber wandte dabei ein bisschen zu viel Gewalt an", wie er sagt. Was dem einen Trennungstrauma, nämlich ihrem, nur ein weiteres - gemeinsames - hinzufügen sollte. Sie machten Schluss in einer "dunklen, traurigen Nacht", aber sie drehte sich noch einmal zu ihm um mit der Botschaft, dass sie sich auf irgendeiner Straße wieder begegnen würden.

Logisch, dass Dylan den Song angesichts dieses Versprechens als Schicksalsbogen anlegt, der zu der Frau zurückführt. "So now I'm going back again", heißt es denn auch in der letzten Strophe. Doch nach einem Triumph der Liebe klingt das nicht. Vielmehr malt Dylan die Silhouette eines Hippies, der nach allerlei Gelegenheitsjobs nicht runterkommt von seinem Trip und daran festhält, dass alle Menschen dasselbe fühlen müssten, "wenn sie es auch von unterschiedlichen Standpunkten aus betrachten".

Die Euphorie der Sechziger ("revolution in the air") war vorüber. Dylan verschränkte das Ende einer Ära mit dem Ende seiner Ehe, und er hatte die Mittel, es nicht sentimental wirken zu lassen. Denn das Herz dieses Songs schlägt zwischen den Zeilen. Da ist so viel ungesagt.

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