Norbert Bolz : Die Liebe zur Einsamkeit

Norbert Bolz singt der Freiheit ein Lied und versucht, sich als konservativer Meisterdenker zu etablieren.

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Freiheit, was war das noch mal? Wurde sie nicht längst durch Philosophie, Soziologie und Neurobiologie als Illusion entlarvt – ein Pathos-Begriff, der allenfalls noch für Sonntagsreden und Werbeauftritte taugt? Freiheit, das war die Hohlformel im Kalten Krieg, der oft missbrauchte Wert des Westens, die Tarnkappe des Neoliberalismus. Es fällt schwer, ein unbefangenes Verhältnis zu diesem – wie Norbert Bolz im Titel formuliert – „ungeliebten“ Begriff zu gewinnen.

Das neue Buch des Medienphilosophen will ein Erkundungsgang durch das moderne Schicksal der Freiheit sein und die „historische Flugbahn“ des Begriffs vermessen. Diverse „anspruchsvolle Freiheitsbegriffe“ werden vorgestellt: Luther, Kierkegaard, Kant, Nietzsche, Hans Blumenberg, Odo Marquard. Bei den großen Denkern des Antiliberalismus sucht Bolz die Einwände gegen die Freiheit. Der Begriff des Politischen von Carl Schmitt, die Systemtheorie von Niklas Luhmann und Arnold Gehlens Lehre von den Institutionen können von einer zeitgemäßen Philosophie der Freiheit nicht hintergangen werden. Und auch nicht die professorale Gelehrsamkeit, die sich hier allerdings essayistisch locker macht.

„Nur wer die Freiheit liebt, kann ihren Begriff denken“, schreibt Bolz emphatisch. Freiheit habe etwas mit „Stolz, Herz, Hingabe, Leidenschaft“ zu tun. Auf die langwierige Debatte um Willensfreiheit oder Determinismus lässt sich der Autor kaum ein. Freiheit sei nicht wissenschaftlich zu begründen; und sie lasse sich durch „natürliche Ursachen“ (Kausalität) oder „unsichtbare Mächte“ (Verschwörungstheorie) nicht wegerklären. Freiheit sei vielmehr eine Erfahrung: „Wer einen Wunsch hat, ihm aber nicht nachgibt, weil er einsieht, dass er eigentlich etwas anderes wollen sollte, macht die einfache Erfahrung der Willensfreiheit.“ Das klingt einfach – aber lässt sich die motivierende Einsicht so beiläufig aus allen Kausalketten herausnehmen?

Bei seinen Talkshow-Auftritten positioniert sich Bolz als konservativ-liberaler Meisterdenker. Sein Name fällt, wenn von den Köpfen und Kandidaten für eine ominöse Partei der Korrektheitsverdrossenen rechts der CDU die Rede ist, deren Gründung neuerdings beschworen wird. Wer deshalb die Lektüre in Erwartung einer scharfen neoliberalen Polemik aufnimmt, merkt schnell, dass es hier nicht darum geht, sich kräftige Meinungen abzuholen. Sondern um ein Denken in den Ambivalenzen der Moderne.

Bolz argumentiert komplex und mit dialektischen Kniffen. So gehöre es zu den Paradoxien der Freiheit, dass es sie nur gebe, indem man sie beschränke. Freie Entscheidung bedeute gerade keine beliebige Fülle von Optionen, sondern die Reduktion der Willkür. Also doch Freiheit als Einsicht in die Notwendigkeit?

Zwischenzeitlich feuert der Universitätsbeamte dann doch Breitseiten ab gegen das „soziale Gefängnis“ des „vorsorgenden Sozialstaats“. Der mache „letzte Menschen“ im Sinn Nietzsches aus uns allen. Ein geradezu zarathustrahafter „Glücksekel“ stellt sich beim Anblick „konsumierender Gutmenschen“ ein. Die Polemik gegen die „Ersatzreligion“ der politischen Korrektheit wirkt erfrischend in den oft abstrakten Ausführungen. Freiheitsverhindernd sei der neue Tugendterror in den Universitäten, Redaktionen und „Antidiskriminierungsämtern“. Öffentliche Meinung sei nicht das, was die Leute meinen, sondern das, was die Leute meinen, „was die Leute meinen“. Nichts als ein Druckmittel zur Erzeugung unfreier Geister.

Voraussetzung für Freiheit sei die Einsamkeitsfähigkeit. Überall aber wüchsen die soziale Zwänge: Die neuen digitalen Netzwerke sind für Bolz Mechanismen der Kontrolle und Anpassung. Brisant ist das Kapitel über die geschwisterlichen Werte der Aufklärung. Im Namen der Gleichheit werde die Freiheit zunehmend beschränkt. „Die meisten Deutschen neigen zum Sozialismus, weil sie die gleiche Verteilung des Unglücks der ungleichen Verteilung des Glücks vorziehen“, behauptet der Autor. „Wir haben es mit Bürgern zu tun, die den Politikern zutiefst misstrauen und zugleich vom Staat alles erwarten.“ Gegen diesen „Kult der Sicherheit“ und das Hauptlaster des Sozialstaats, die Mutlosigkeit, macht er die Risikobereitschaft des Liberalen als letztmögliche männliche Tugend geltend.

In diesem Zusammenhang kommt dann sogar Thomas Buddenbrook zu neuen Ehren. Es ist ja auch nicht leicht, in späteren Jahrzehnten noch idealisierte Darstellungen des Bürgersinns zu finden. So verklärt Bolz die tragisch scheiternde Romanfigur Thomas Manns, diesen heroisch-verkniffenen Leistungsethiker zum altneuen Ideal der Selbstdisziplin und Pflichterfüllung. „Der Bürger ersetzt die supererogatorische Leistung des Helden durch die innerweltliche Askese der Bewährung im Beruf“, schreibt Bolz (er liebt das Wort „supererogatorisch“). Dann wieder preist er den „refraktären“ Einzelnen, den Sozialfeind auf den Spuren von Jüngers „Waldgänger“. Aber auch die Institutionen und die verwaltete Welt werden als Bedingungen der modernen Existenz durchaus nicht nur verworfen. Mit liberalen Appellen nach „weniger Staat“ begnügt sich Norbert Bolz jedenfalls nicht; dazu sind die Dinge zu kompliziert in der ausdifferenzierten Gesellschaft. Freiheit heißt für ihn auch: sich selbst transzendieren, einer Aufgabe verpflichten, den eigenen Platz in der Ordnung finden.

So laviert der Autor zwischen romantischem Individualismus, rationaler Systemtheorie und neuem Bürgersinn, solange nur schöne Zitate zur Hand sind. Eine klare Linie sieht anders aus. Bolz beschwört zwar die männliche Entschlossenheit, praktiziert dann aber doch eher die weibliche Tugend der Vermittlung – als Moderator seines vielstimmigen philosophisch-soziologischen Zettelkastens. Stilistisch pflegt er das Hochgereckte. Er liebt die geschliffene Formulierung, die Spannkraft aphoristischer Sätze, die oft etwas überpointiert oder wie Kalendersprüche für „Leistungsträger“ wirken: „Charakter heißt: Verantwortung übernehmen für das, was man will.“ Oder: „Der Charakter ist eine robuste Willensstruktur, in der Neigungen, Vorlieben und Entscheidungen wohl geordnet sind.“ Solche robuste Wohlgeordnetheit kann man diesem Buch gerade nicht bescheinigen. Es beweist einen etwas charakterlosen Gedankenreichtum.

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