Kultur : Nur sein Pferd war bei der SA

Österreichischer Opfermythos: Die Waldheim-Affäre hat die Lebenslüge des Landes entlarvt.

Nicolas Stockhammer

Kaum ein politischer Skandal hat das beschauliche Österreich derart in Mark und Knochen erschüttert wie die Affäre um ihren ehemaligen Bundespräsidenten Kurt Waldheim. Die jüngst erschienene, hervorragende Studie „Waldheim und die Folgen“ von Cornelius Lehnguth nimmt den Fall Waldheim zum Anlass, um das vergangenheitspolitische Narrativ Österreichs und seinen, wie der Untertitel verspricht, „parteipolitischen Umgang mit dem Nationalsozialismus“ gründlich zu analysieren. Dies ist vortrefflich gelungen.

Der erfahrene Diplomat Waldheim galt gemeinhin als kompromissfähige Integrationsfigur, weltgewandter Kosmopolit und staatstragender Politiker von Format. Er hatte es immerhin bis zum Generalsekretär der Vereinten Nationen gebracht und war in Diplomatenkreisen hoch angesehen. Eine integre Figur also, war das Gros der österreichischen Wähler überzeugt, als sie 1986 zu den Urnen schritten, um Kurt Waldheim zum neunten Bundespräsidenten der Republik Österreich zu wählen. Doch schon kurz darauf überrollte eine politische Lawine den Amtsinhaber. Der Verlauf der Causa Waldheim ist weithin bekannt. Der World Jewish Congress startete unter Federführung von Edgar Bronfman eine fast brutale Kampagne gegen den Diplomaten mit NS-Vergangenheit. Schließlich hat man Waldheim 1987 als amtierendes Staatsoberhaupt einer parlamentarischen Demokratie auf die „Watch List“ gesetzt, was mit einem Einreiseverbot in die USA verbunden war und zu seiner weltpolitischen Isolierung beigetragen hat. Waldheim hat die volle Amtszeit von sechs Jahren ausgesessen, jedoch 1992 auf eine Kandidatur verzichtet.

Wie konnte es dazu kommen? Bereits während des Präsidentschaftswahlkampfes hatte sich ein düsterer Schatten über Leben und politischer Karriere des bis dahin parteilosen Kurt Waldheim aufgetan. Ursprünglich beabsichtigten die sozialdemokratische SPÖ und die christdemokratische Volkspartei ÖVP Waldheim als gemeinsamen Kandidaten ins Rennen um das höchste Repräsentationsamt zu schicken. Doch die Parteispitze der in den Umfragen stagnierenden Oppositionsfraktion ÖVP witterte ihre große Chance, innenpolitisch verlorenes Terrain wieder gutzumachen, indem sie den nahezu konkurrenzlos erscheinenden Waldheim dazu überreden konnte, für das bürgerliche Lager anzutreten. Dieser Schachzug traf die SPÖ völlig unvorbereitet und der eilig aufgestellte Gegenkandidat Kurt Steyrer, ein Politiker ohne außenpolitische Erfahrung, erwies sich als blass und wenig zugkräftig. Folgerichtig hat die damalige SPÖ-Strategieabteilung rund um ihren Parteivorsitzenden und Bundeskanzler Fred Sinowatz in ihrer Zwangslage reflexartig darüber räsoniert, wie man die Person Waldheim öffentlich diskreditieren könnte. Man müsse bloß „zur rechten Zeit vor der Präsidentenwahl in einer großangelegten Kampagne die österreichische Bevölkerung über Waldheims braune Vergangenheit informieren“, soll Sinowatz parteiintern proklamiert haben. Was liegt gedanklich näher als die Annahme, dass es für Waldheims politische Kontrahenten verlockend gewesen sein muss, Historiker und Medien für diesen Zweck zu instrumentalisieren?

Ob die nahezu „watergatesk“ anmutenden Intrigen und massiven Interventionen durch die politische Konkurrenz, die stets ihre Unschuld an der Kampagne gegen Waldheim beteuert hatte, in dieser Form stattgefunden haben, ist nicht gesichert. Die Mobilisierung einer breiten medialen Gegnerschaft und einer Anti- Waldheim-Lobby war jedoch Realität. Innerhalb kürzester Zeit entfachte sich um seine Kriegsvergangenheit, verdeckt durch ein Geflecht aus Waldheim’schem Opportunismus und seinem Hang zu Verheimlichung und Schutzbehauptung, ein Skandal von weltweiter Publizität.

Die historischen Fakten belegen indes, dass Kurt Waldheim während des Krieges zwar ein politischer Mitläufer, aber kein Kriegsverbrecher gewesen ist. Waldheim war zuerst Mitglied des Reitersturms der SA und ein unbedeutender Wehrmachtleutnant, der vorwiegend auf Nebenschauplätzen des Krieges (Heeresgruppe E am Balkan) operierte und dem, anders als seinem Verband und einigen seiner vorgesetzten Offiziere, keine persönliche Verstrickung in Kriegsverbrechen nachgewiesen werden konnte. Allenfalls eine Mitwisserschaft. Insoweit deckt sich die Kriegsbiografie Waldheims mit jener von abertausenden Österreichern im Zweiten Weltkrieg. Er war ein kleines Rädchen in der NS-Kriegsmaschinerie, so das übereinstimmende Urteil der Historiker.

Der Bundespräsident verwies stets darauf, er habe bloß seine Pflicht getan. „Der SPÖ ist es völlig egal, ob Waldheim bei der SA war. Nehmen wir also zur Kenntnis, dass nicht Waldheim bei der SA war, sondern nur sein Pferd“, hat Sinowatz die wiederholten Versuche Waldheims, seine Rolle während des Krieges herunterzuspielen vor dem versammelten Parlament ins Lächerliche gezogen. Die Kombination aus Verschweigen, Verharmlosung und dem nachgestellten Rekurs auf die Pflichterfüllung war ein hochexplosives Gemisch, wie sich herausstellen sollte.

Lehnguth bohrt den Finger in eine alte Wunde. Die Causa Waldheim ist symptomatisch für das vergangenheitspolitische Narrativ und die über viele Jahre zurechtgezimmerte Erinnerungskultur Österreichs. Wie kein anderer verkörpert Waldheim den pathologischen Opfermythos und die historische Lebenslüge der Alpenrepublik, meint der Autor. Allzu lange habe man sich dort als erstes Opfer Adolf Hitlers und völkerrechtlich argumentierend als okkupiertes Land begriffen. Die jubelnden Menschenmassen auf dem Heldenplatz im März 1938 wurden ebenso ausgeblendet wie die Heerscharen von Mitläufern, Unterstützern und Fanatikern, die den Aufstieg der NSDAP auch beim kleinen Nachbarn erst ermöglicht hätten. All dies arbeitet Cornelius Lehnguth bis in die Gegenwart konsequent ab. Ausgehend von der detailliert beschriebenen Waldheim-Affäre spannt er auch den Bogen der nationalen österreichischen Aufarbeitung der eigenen NS-Vergangenheit zu ersten offiziellen Bekenntnissen der Mitverantwortung unter Kanzler Franz Vranitzky, über das bedeutende Gedenkjahr 1995, die Diskussion um die Wehrmachtausstellung in Österreich, bis hin zu Restitution und Wiedergutmachung. Die jeweiligen parteipolitischen Zugänge behält Lehnguth dabei souverän im Blick. Ein anregendes, kathartisches Buch.



– Cornelius Lehnguth:

Waldheim und die Folgen. Der parteipolitische Umgang mit dem Nationalsozialismus in Österreich. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2013. 529 Seiten, 45 Euro.

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