Kultur : Obersalzberg: Ferien beim Führer

Mirko Weber

Wunderbar ist die Welt. Wo man hinschaut, ein Stückchen Blau. Sommerfrische. Wolken ziehen dahin, Babys krabbeln im Gras. Freier Bergblick ringsum, da hinten der Watzmann. Ein Idyll - wenn die Stimmen nicht wären. Frauenstimmen. Man muss nur eine Tür öffnen, um sie zu hören.

Die Tür liegt unter der braunen Erde des Obersalzbergs, am Ende eines alten, nasskalten Bunkergangs. Die Stimmen in der "Dokumentation Obersalzberg" kommen vom Band. Die eine Stimme sagt: "Es ist grausam, wenn man anfängt zu erzählen." Die andere Stimme sagt: "Wenn wir heute die Sonne untergehen sehen, denken wir an den Kamin." Die Stimmen gehören zu zwei Frauen, die Auschwitz überlebt haben. Das hört man. Aber man hört auch, dass kein Leben mehr in ihnen ist. Man kann den Raum verlassen und die Tür schließen. Man kann Richtung Licht gehen. Es wird dann wieder warm. Doch die Stimmen vergisst man nicht. Ein "sehr sensibler Ort" sei dieser Obersalzberg. So zumindest hat es der bayerische Finanzminister Kurt Faltlhauser gesagt, als er den Grundstein legte für den Neubau eines Interconti-Hotels, das Anfang des Jahres 2005 fertiggestellt sein soll. Wo einst Adolf Hitlers Berghof stand, entsteht dannfür 95 Millionen Mark ein Vier-Sterne-Bau nebst Tennisplätzen und einem großen Golfplatz. Jene "Wiege des Tourismus" (Faltlhauser), die im Berchtesgadener Land bereits im 19. Jahrhundert in Schwung gekommen war, schaukelt also wieder. Und Adolf Hitler war einmal?

Natürlich ist genau das Gegenteil der Fall, was man schon daran sehen kann, dass auf dem Obersalzberg öfter Blumengebinde und Holzkreuze abgeräumt werden müssen, die daran erinnern sollen, dass A. H. für immer mit diesem Ort verbunden bleiben wird. "Der Führer lebt", schmierten Neonazis in grüner Farbe auf eine Säule des Rohbaus, in dem seit Ende 1999 die "Dokumentation Obersalzberg" untergebracht ist, eine ständige Ausstellung des Münchner Instituts für Zeitgeschichte. Es ist ein schlichtes Haus, fast versteckt am Hang. Demnächst, wenn es im Schatten des hufeisenförmigen Neubaus zu stehen kommt, wird es womöglich wie eine Hundehütte ausschauen. Aus der Beletage des Hotels wird man darauf herabsehen können.

"Auf der Terrasse standen wir zwanglos herum, während die Damen auf den korbgeflochtenen Liegestühlen mit den dunkelrot gewürfelten Bauernpolstern lagen", schreibt Albert Speer, Hitlers Architekt und späterer Rüstungsminister, in seinen "Spandauer Tagebüchern", als er sich in der Haft an das Leben auf dem Berghof erinnert. "Wie in einem Kurhotel sonnten sie sich, denn Braun war modern. Diener in Livree, aus der Leibstandarte Sepp Dietrichs ausgewählte SS-Leute, boten mit vollendeten, fast etwas vertraulich wirkenden Manieren Getränke an: Sekt, Vermouth-Soda oder Fruchtsäfte. Irgendwann kam dann regelmäßig Hitlers Leibdiener und meldete, dass der Führer in zehn Minuten erscheinen werde ..."

Hitler war nicht der erste, der es zwischen Königssee und Hohen Göll unwiderstehlich schön fand. Schließlich hat Gott hier bestens gewürfelt - das sahen schon die Schriftsteller Peter Rosegger, Ludwig Ganghofer und die Klaviervirtuosin Clara Schumann so, die alle gerne am Obersalzberg Ferien machten. "Pension Moritz" hieß seit 1872 das beste Haus am Platz. Hitler kam 1923 zum ersten Mal auf den Obersalzberg. Damals besuchte er den völkischen Schriftsteller Dietrich Eckart, der als Dr. Hoffmann getarnt im Gebirgskurhaus wohnte. Eckart wurde damals wegen Verunglimpfung des Reichspräsidenten gesucht. Nach seiner Festungshaft in Landsberg zog es Hitler wieder ins Gebirge. Im "Kampfhäusl" beendete er den zweiten Band von "Mein Kampf". Zuerst wohnte er zur Miete, 1933 kaufte er das Haus Wachenfeld, aus dem der Berghof hervorgehen sollte. Dazu entstanden Häuser von Bormann, Speer und Göring in der weiteren Nachbarschaft, nach einer beispiellosen Enteignungsaktion an den örtlichen Bauern. Als das "Alpenfestungs"-Ensemble soweit hergestellt war, begann die Inszenierung vom friedlichen Staatsmann und nationalen Popstar Adolf Hitler. Der Obersalzberg entwickelte sich schnell zum Wallfahrtsort, wo das Volk oft tagelang auf eine Begegnung am Zaun hoffte. Dort machte Hitlers Leibfotograf Heinrich Hoffmann jene Fotos, die sich als Zigarettenbildchen sammeln ließen: "Der Führer und sein Lieblingshund", "Führeraugen - Vateraugen", "Hitler abseits vom Alltag". Am Zaun entstand auch die Brieffreundschaft mit Bernile, dem "deutschen Mädel", ein blondes Münchner Kind, das am gleichen Tag Geburtstag hatte wie Hitler. Später stellte sich heraus, dass Bernile "Vierteljüdin" war. Und Bernile verschwand. "Krass!" So steht es einige Male im Besucherbuch des Dokumentationszentrums, das 150 000 Menschen jährlich besuchen.

Und es stimmt: Dies ist ein krasser Ort, ein Täterort, wie ihn Volker Dahm beschreibt, der die Ausstellung konzipiert hat: "Ein Macht- und Regierungszentrum des Reiches, wo alle politischen Themen besprochen und verhandelt und in vielen Fällen auch entschieden wurden." Albert Speer erzählt von einem Spaziergang zum unter dem Berghof gelegenen Teehaus im Winter 1942, bei dem der "Führer" die Entourage bittet zurückzubleiben. Sie sind allein: "Nie habe ich so deutlich wie in diesem Augenblick empfunden, wie unbedingt notwendig die Figur des Juden für Hitler war - Hassobjekt und Fluchtpunkt zugleich", schreibt Speer. Es bricht aus Hitler heraus: "Was weiß dieses Pack vom Führer des nationalsozialistischen Deutschlands! Wir werden ihrer habhaft werden! Dann wird abgerechnet! Sie sollen mich kennenlernen! Diesmal kommt keiner davon! Ich bin immer zu milde gewesen! Jetzt nicht mehr! Jetzt wird abgerechnet!"

Zwölf Jahre Nazi-Herrschaft. Faltlhauser meint, sie dürften der Bevölkerung auf Dauer nicht das Recht nehmen, den Obersalzberg touristisch zu nutzen, und der Berchtesgadener Bürgermeister, Rudolf Schaupp, hofft durch das Hotel auf eine "neue, glückliche Ära für den Obersalzberg". Aber kann hier jemand als Urlauber wirklich glücklich sein? Faltlhauser rechnet für die Zukunft mit der wohlhabenden Klientel der Interconti-Gruppe, von der man annimmt, sie sei neonazistischer Umtriebe unverdächtig - und für die Vergangenheitsbewältigung gibt es das von Faltlhauser mit ins Leben gerufene Dokumentationszentrum. Der Staatsminister spricht gelegentlich gerne von "zwei tragenden Säulen", wobei eine ja noch nicht steht, zudem wird das Hotel unvergleichlich groß sein neben dem Zentrum. Bauherr des Projekts ist eine Tochtergesellschaft der Bayerischen Landesbank. Sie hat ein Erbbaurecht bekommen, das dem Land Bayern die Möglichkeit zum Eingreifen lässt, sollten sich die Dinge nicht so günstig entwickeln.

Eigentümer der 106 Hektar am Obersalzberg ist das Land freilich erst seit Mai 1996. Damals erhielt der Freistaat das Gelände von den Amerikanern, die den Obersalzberg am 4. Mai 1945 erobert hattenund für sich nutzten, was nicht durch Bombardements zerstört worden war. Zum "Armed Forces Recreation Center" gehörten ebenfalls schon Tennisplätze, Skilifte und ein Golfplatz. Den mittlerweile abgerissenen "Platterhof" funktionierte man 1953 zum "General Walker Hotel" um. Mehr als fünf Millionen amerikanischer Soldaten machten dort bis 1995 Urlaub. Ein lohnendes Ausflugsziel für die ganze Familie also, wie es in den einschlägigen Prospekten heißt, ein Ort, in dem es grundsätzlich an Hotels nicht mangelt? Bayerische und internationale Spezialitäten, Kinderspielplatz, Bäder, Wellness etc. pp.? Man darf seine Zweifel haben, und Michel Friedman, der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, hat sie formuliert: "Die Nutzung als Hotel verschleiert die historische Realität des Obersalzbergs."

Was die Amerikaner mit dem Obersalzberg gemacht haben, ist eine Sache, was die Deutschen damit anstellen, eine andere. Viele zucken nur mit den Schultern, wenn man sie danach fragt, ob es unbedingt ein Golfhotel sein muss auf dem Obersalzberg. Irgendwie ist es ihnen egal. Sollen die doch bauen. 95 Millionen Mark sind eine Menge Geld. Schließlich geht es um Arbeitsplätze, und irgendwann, ja irgendwann muss ja vielleicht auch mal Schluss sein mit ... Was richtig ist: Es wurde keiner gefoltert auf dem Obersalzberg, und keiner wurde in die Gaskammer geschickt. All das war weit weg, aber was heißt weit. In Dachau, oder in Flossenbürg, oder eben in Auschwitz war das, und wenn man nicht ganz taub ist, hört man die Opfer der Täter von ganz nah. Man hört zum Beispiel die Stimmen der beiden Frauen aus dem Bunker unter dem Obersalzberg. Und man hört auch schon die Stimme des Gastes an der Bar des Interconti, der gerade von seinen Greens kommt. Es wird über fast alles Gras wachsen am Obersalzberg, und der Mann wird sich vielleicht ein wenig zurücklehnen, an seinem Longdrink nippen, und in etwa sagen, dass man schon verstehen könne, was Hitler hier so fasziniert habe, es sei ja doch verdammt schön da draußen.

Vielleicht sagt er das. Vielleicht sagt er es aber auch nicht, weil man so etwas in einem Golfhotel nicht sagt, nicht in diesem jedenfalls. Vielleicht denkt er es dann. Vielleicht schläft der Mann gut. Vielleicht nicht. Vielleicht hört er die Stimmen.

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