Ökonomen beim Literaturfestival Berlin : Nicht mal ein Dollar pro Tag

David Graeber, Angus Deaton und andere Ökonomen diskutieren beim Internationalen Literaturfestival Berlin über Armut und Reichtum heute. Dabei kommt es eher zu Tatsachenbehauptungen als zu tiefergehenden Analysen.

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Aktivisten demonstrieren in Berlin gegen die Freihandelsabkommen TTIP und CETA.
Aktivisten demonstrieren in Berlin gegen die Freihandelsabkommen TTIP und CETA. Die kamen auch auf dem Symposium des...Foto: AFP

In seinem Filmklassiker „Gesprengte Ketten“ (The Great Escape) aus dem Jahr 1963 erzählt Regisseur John Sturges von einer Gruppe alliierter Kriegsgefangener, die 1944 einen Ausbruchsversuch aus einem Lager der Nazis unternimmt. Für den in Princeton lehrenden Wirtschaftswissenschaftler Angus Deaton liefert der Film die Idee für den Weg aus der Armut: Flucht ist möglich, behauptet er.

Der über Konsum, Armut und Wohlfahrt forschende Nobelpreisträger ist davon überzeugt, dass wir uns allzu sehr von den Problemen der Welt einfangen lassen, statt zu sehen, dass wir heute gesünder sind und länger leben oder dass Gewalt und Diskriminierung zurückgegangen sind. Indische Mädchen gehen heute zur Schule, während ihre ungebildeten Mütter zu Hause sitzen. Die Anzahl der Menschen, die heute von weniger als einem Dollar am Tag lebt, sei von zwei auf eine Milliarde zurückgegangen – und damit auf 14 Prozent gesunken. Immer noch schlimm genug, mag man sagen.

Symposium zu Ungleichheit im 21. Jahrhundert

Aber natürlich ignoriert auch Deaton, ein heftiger Kritiker der Entwicklungspolitik, nicht die weltweite Ungleichheit und das von Populismus, Lobbyismus und Korruption beförderte Demokratiedefizit. Im Rahmen eines zweitägigen Symposiums zu „Ungleichheit im 21. Jahrhundert. Fortschritt, Kapitalismus und globale Armut“ auf dem Internationalen Literaturfestival in Berlin war er aufgefordert, mit Kollegen über den „verhängnisvollen Pakt von Kapitalismus und Bürokratie“, das Unwesen der Finanzwirtschaft und Auswege aus der Ungleichheit zu diskutieren.

Michael Hudson, der sich vom Finanzanalysten der Wall Street zu einem ihrer schärfsten Kritiker entwickelte und schon 2006 auf die drohende Blase auf dem US-Immobilienmarkt und die Folgen für die Weltwirtschaft aufmerksam machte, zeichnet ein düsteres Bild von der heutigen Situation.

Hudson: "Bankenpleite wäre Chance zur Übernahme"

Wenn Vertreter des Finanzdienstleisters Goldman Sachs behaupteten, dass ein Investmentbanker mit 20 Millionen Dollar Jahreseinkommen zu den produktivsten Beschäftigten der Welt gehöre, sei nicht nur mit der Verteilung etwas aus dem Lot geraten. Auch eine fundamentale Abkehr von der klassischen Ökonomie und ihren Wertschöpfungstheorien habe stattgefunden. „Es ist, als ob mir einer das Messer vorhielte, 100 Dollar erpresse und dann behaupte, das sei produktiv.“ Das einzig Produktive, das der Finanzsektor in den letzten Jahren hervorgebracht habe, sei der Bankautomat.

Sowohl Deaton als auch Hudson kritisieren die „nihilistische Ökonomie“, wie sie sich in der Griechenland-Krise offenbart habe. Statt in das Land sind die Mittel aus den Rettungsschirmen an die Banken zurückgeflossen. Obama, ein „Mann der Wall Street“, der bei Hudson ohnehin nicht gut wegkommt, habe Angela Merkel dabei unter erheblichen Druck gesetzt. Und wenn, wie Moderatorin Ulrike Hermann fragt, die Banken pleitegegangen wären? „Es wäre die Chance zur Übernahme gewesen.“ Hudson würde ihnen am liebsten das Monopol zur Kreditvergabe entziehen.

David Graeber attackiert Allianz von Wirtschaft und Bürokratie

Aus einer ganz anderen Perspektive beleuchtet der britische Anarchist und Occupy-Aktivist David Graeber das Wertschöpfungsproblem. Wie ein militanter Liberaler attackiert er die unselige Allianz von Wirtschaft und Bürokratie und rechnet vor, dass 6,5 Prozent des Umsatzes der Banken auf Gebühren und Strafzahlungen zurückgehen.

David Rolfe Graeber, US-amerikanischer Ethnologe und Anarchist.
David Rolfe Graeber, US-amerikanischer Ethnologe und Anarchist. Er lehrt an der London School of Economics and Political Science.Foto: Mike Wolff

Fünf bis zehn Prozent aller polizeilichen Tätigkeiten dienten der Verbrechensbekämpfung, alles Übrige der Verfolgung von Regelverstößen. Polizisten seien „bewaffnete Bürokraten“, bei deren Anblick sich „die Mittelschicht“ sicherer fühle. Der Hauptfehler sei, schreibt er der Linken ins Stammbuch, „dass sie die Kritik an der Bürokratie den Rechten überlassen haben“.

Banken haben im globalen Monopoly gegen IT-Branche verloren

Immer wieder scheint auf den Foren die Morgenröte der einstigen klassischen Ökonomie auf, insbesondere der deutschen. Ende des 19. Jahrhunderts hätten alle, Marxisten, Anarchisten, Sozialdemokraten und selbst Liberale, den Kapitalismus als finales Ereignis wahrgenommen, als Übergangspunkt zu einem wie auch immer gearteten Sozialismus. Spürbar ist bei den Ökonomen zugleich die anhaltende Fassungslosigkeit darüber, dass mit der Finanzkrise alle klassischen liberalen Wertschöpfungstheoreme über Bord gegangen sind.

In der Abschlussdiskussion zeigt sich Peter Bofinger, seit 2004 einer der deutschen „Wirtschaftsweisen“, anders als seine amerikanischen Kollegen allerdings davon überzeugt, dass die Banken aufgrund der europäischen Niedrigzinspolitik ihre zentrale Rolle im globalen Monopoly verloren haben: Sie sei an die IT-Branche übergegangen.

Regulationsgläubige profilieren sich in der Runde

Der den Gewerkschaften nahestehende Ökonom hält es nach wie vor mit dem Klassiker Keynes, der eine angekurbelte Nachfrage als umfassendes Rezept in der Wirtschaftskrise empfiehlt. Die Ungleichheit, so Bofinger, produziere vor allem Globalisierungsgegner. Und so, wie er es sagt, setzt er seine Hoffnungen doch eher in – im Gegensatz zu TTIP transparente – globale Handlungsabkommen als in die Occupy-Bewegung.

Dass von der als einzige Frau geladenen Judith Niehues vom Institut für Deutsche Wirtschaft keine Kampfreden für die Vermögenssteuer kommen würden, war zu erwarten. Mit ihrem Wissen über sinkende Haushaltsnettoeinkommen tut sich die Datenspezialistin schwer in der Männerrunde, in der sich Regulationsgläubige gegenüber denjenigen profilieren, die darin den Teufel sehen.

Ungleichheit wird eher zitiert als ausgetragen

Die versprochene Debatte über globale Ungleichheit wird in fast allen Runden dagegen eher zitiert als tatsächlich ausgetragen. Dass 99 Prozent der Bevölkerung weltweit das eine Prozent Reiche tragen und Letztere sich dadurch definieren, dass sie „die Möglichkeit haben, alle anderen arm zu halten“, wie Graeber zum Abschluss formuliert, ist eine Tatsachenbehauptung und öffnet kein Fenster zu weitgehenderen Analysen.

„Schauen Sie einfach in mein Buch“, hießt es dafür des Öfteren. Im Fall von Hudson und Graeber (und dem verhinderten Anthony Atkinson) kann sich zumindest der Verlag Klett-Cotta über die Aufforderung freuen. Er ist der Kooperationspartner des Literaturfestivals bei diesem Symposion. Und gehören Bücher etwas nicht zum „produktiven Investment“?

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