Kultur : Oh, Piemont!

Besser essen: die Doku „Slow Food Story“.

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Das geht gleich richtig in die Vollen: Der blaue Planet windet sich im Todeskampf, und zack, nur einer kann ihn noch retten: Carlo Petrini. Sehr wahrscheinlich ist dieser Einstieg in Stefano Sardos „Slow Food Story“ ironisch gemeint, aber sicher kann sich der Zuschauer nicht sein. Denn Petrini, der charismatische Gründer der Genießer-Organisation, ist viel zu eitel, als dass nicht zumindest er selbst dieses Entree zum Teil für bare Münze nehmen würde.

Sardos Dokumentation ist ohne Zweifel aus der Fanperspektive gedreht, verzichtet auf Kommentierung, lässt aber die Ambivalenzen des Projekts zumindest durchblitzen: die Wurzeln im Eurokommunismus und dessen antiamerikanische Impulse, die Macht der Machos, die das langsame Essen mit ausschweifenden Reflexionen begleiten und mit dem derart überhöhten Genuss auch ihren gefährdeten gesellschaftlichen Status zu verteidigen suchen – während tatsächlich wie immer La Mamma in der Küche wirkt.

Verdienstvolle, kenntnisreiche Rettungsarbeit am kulinarischen Erbe Italiens – das ist die eine Seite von Slow Food. Doch dabei schwingen stets auch antimoderne Ressentiments mit, die der Film ebenfalls erwähnt: So war Gianni Alemanno von der neofaschistischen MSI, ehemaliger Landwirtschaftsminister und Bürgermeister von Rom, ein wichtiger Unterstützer von Terra Madre, dem weltweiten, von Slow Food angestoßenen Netz von Kleinproduzenten.

„Slow Food Story“ arbeitet sich chronologisch am Leben Petrinis ab, das streng katholisch begann: Messdiener, dann Vorsitzender der Diözesanjugend; später Soziologiestudent in Trient und – für die Partito di Unità Proletaria (PdUP) – Mitglied des Stadtrats im piemontesischen Bra. Doch die Krise der Linken leitete, typisch Italien, die überschüssige Energie ins Kulinarische ab, Petrini begann über Essen und Wein zu schreiben und gehörte zu den Mitgründern der Zeitschrift „Gambero Rosso“.

Das Puzzle setzte sich nach und nach zusammen: Nach dem Skandal um gepanschten Barolo kam die als mindestens ebenso skandalös empfundene Absicht, 1986 mitten in Rom eine McDonald’s-Filiale zu eröffnen. Die Protestszene organisierte sich, und im Dezember 1989 schließlich wurde – in Paris – Slow Food gegründet, die internationale Bewegung, die sich in unzählige Länder ausbreitete und schrittweise ökologische Aspekte in ihre Arbeit aufnahm. Der Salone del Gusto, der alle zwei Jahre in Turin stattfindet, gehört ebenso zum Imperium wie die gastronomische Universität in Pollenzo; 2004 fand auf Petrinis Initiative in Turin eine Konferenz des Bauernnetzwerks Terra Madre statt, ein Welttreffen von rund 5000 Bauern.

Sardo hat einen instruktiven Film vor allem für Insider gedreht, er unterschlägt nicht die Kuriositäten und Widersprüche des Projekts. Die Frage, welche Perspektive es nach dem Abtreten der Gründergeneration noch haben könnte, bleibt allerdings offen. Bernd Matthies

Hackesche Höfe, Kant, Moviemento

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