Omnibusfilm "7 Tage in Havanna" : Glückssucherträume

Sinnlich und übersinnlich: Sieben Viertelstundenfilme erzählen in "7 Tage in Havanna" mal lüstern, mal belustig, mal müde und mal still von der kubanischen Hauptstadt.

von
Sehnsüchtig. Die Sängerin Cecilia (Melvis Estevez) in Julio Medems Kurzfilm „Cecilias Versuchung“.
Sehnsüchtig. Die Sängerin Cecilia (Melvis Estevez) in Julio Medems Kurzfilm „Cecilias Versuchung“.Foto: alamode

Omnibusfilme haben den Vorteil, dass man in ihnen schön abwechslungsreich unterwegs sein kann. Die Landschaft der kurzen Geschichten treibt auf dem Leinwandfenster vorüber, und ist mal eine eher fad geraten, dann lockt schon die nächstschönere hinter der nächsten Wegbiegung. Und der Nachteil? Man kann nicht aussteigen und in einer der liebgewonnenen Gegenden länger verweilen. Eben noch steht man auf der Schwelle, da fährt der Bus wieder an – und sie schimmern einem vor den Augen davon.

So wie einst „Paris, je t’aime“ (2006) und „New York, I love you“ (2008) ihr – auch emotionales – Ziel überdeutlich im Titel trugen, so führt nun „7 Tage in Havanna“ in die kubanische Hauptstadt, und ein bisschen verlieben darf man sich auch. Denn dieses Havanna hier ist nicht schmutzig und grau und die schwer ramponierte Ruine, als die es sich bei näherem Hinsehen live und in 3-D entpuppt. Sondern bunt und voller Musik und zudem durchpulst vom Durcheinanderreden glücklicher oder zumindest glückssuchender und nebenbei meist unerhört schöner Menschen. Nur dass die Kubaner unbegreiflicherweise weg wollen aus einer Welt, in die man doch gerade, höchst verzaubert, aussteigen will.

Ja, der Touri-Blick. Er prägt die ersten vier der sieben Viertelstundenfilme, mal lüstern, mal belustigt, mal müde, mal still. In „El Yuma“, dem Regiedebüt von Benicio del Toro, wird ein junger US-Traveller (Josh Hutcherson) nach einer wirr angesexten Irrfahrt durch die Nacht auf kuriose Weise sein „NYC“-Basecap los. „Jam Session“ des Argentiniers Pablo Trapero erweist sich als blasser Cameo-Auftritt Emir Kusturicas, der ein zu seinen Ehren ausgerichtetes Filmfestival-Dinner verschmäht und stattdessen lieber volltrunken durch Musikkneipen tapert. Und Daniel Brühl darf sich, in „Cecilias Versuchung“ von Julio Medem, ebenso verständlicherweise wie nahezu unsterblich in Melvis Estevez verlieben.

Da führt der befremdete Blick des Fremden schon näher an Kuba heran. Die Klischees in Elia Suleimans wunderfeinem „Tagebuch eines Neuankömmlings“ erscheinen nur mehr ironisch gespiegelt, und der stumme, vom Regisseur selbst gespielte Flaneur erschließt sich aus purer Betrachtung eine groteske und todtraurige Welt. Warum stehen alle diese Menschen alleine am Meer und starren hinaus? Warum sehe ich, Suleiman, auf all diese aufs Meer starrenden Menschen – so still wie sie? Keinerlei Rede ist vom bunten Knast unter freiem Himmel, den Kuba für seine Bewohner darstellt, und doch sind die Gitter in jedem der perfekt kadrierten Bilder zu spüren.

So unmerklich reist es sich, von Haltestelle zu Haltestelle, immer tiefer in ein anderes, eigentliches Havanna hinein. In die lärmende Telenovela des Alltags, wie sie der Kubaner Juan Carlos Tabío mit eher schmalem Nachgeschmack in „Bittersüß“ anrichtet, oder auch in die Santería, jene afrokubanische Religion, für die der Katholizismus nur ein Deckmäntelchen ist wie für die Voodoo-Welt auf Haiti oder den brasilianischen Candomblé. Laurent Cantet, der große französische Regisseur, kommt diesem Kosmos bescheiden und beiläufig nahe, indem er ein burleskes Geschehen, dessen Zufallszeuge er wurde, einfach mit dessen eigenen Laien-Helden nachverfilmt: Eine resolute Alte will der Flussgöttin Ochún zu Ehren mal eben einen prächtigen Brunnen in ihrer Kammer bauen, und alle Nachbarn bauen begeistert mit.

Ist das Aberglaube? Oder ein verschworen kollektives Spielen, wo schon der Ernst nicht taugt? Fehlt unter den Omnibusfilmern nur noch Gaspar Noé, der umstrittene Cheferotiker des französischen Kinos: Er verzichtet so entschieden aufs Reden wie Elia Suleiman und aufs Erzählen gleich ganz. Zeigt nur, sehr sinnlich, einen Tanz unter jungen Mädchen, der in einen zarten Kuss mündet. Und eine herbeifantasierte übersinnliche Santería-Zeremonie, für die das Christentum wohl das Wort Exorzismus anwenden würde. Nur dass hier der nackte Körper in der Nacht über alles triumphiert, gebadet, getauft, unzähmbar.

FT Friedrichshain, Kant; OmU im

Babylon Kreuzberg und Babylon Mitte

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben