Kultur : Operettung naht

Klaus Völker schreibt die Geschichte des Berliner Kabaretts der Komiker

Hannes Schwenger
Trio familiale. Lia Dahms, Curt Bois und Käthe Haack (v.l.) in „Trautes Heim, Glück allein“ im KadeKo 1932. Foto: Ullstein
Trio familiale. Lia Dahms, Curt Bois und Käthe Haack (v.l.) in „Trautes Heim, Glück allein“ im KadeKo 1932. Foto: UllsteinFoto: ullstein bild - Rene Fosshag

Das KaDeWe kennt jeder Berliner, seit über 100 Jahren. Aber wer kennt noch das vor 60 Jahren geschlossene KadeKo, das Kabarett der Komiker? 1924 von Kurt Robitschek in den „goldenen“ Jahren der Weimarer Republik gegründet, von Hanns Schindler und Willi Schaeffers über die Jahre des Nationalsozialismus gerettet, wurde es von Schaeffers 1950 als Schatten seiner Legende eingestellt. Wenn man so will, war auch das KadeKO ein Konsumtempel: ein riesiger Gemischtwarenladen der Unterhaltungskunst, eine geniale Kombination von Revuetheater, Kabarett und Varieté, das „alle ,darstellenden’ Genres zusammenführte“.

So charakterisiert Klaus Völker das schillernde Objekt seiner Monografie, die Geschichte und Geschicke des KadeKo nachzeichnet. Die Anregung dazu verdankt er dem 90-jährigen Curt Bois, dem letzten unter den nun verstorbenen Veteranen des KadeKo, die – von Bois’ Schwester Ilse bis Rudolf Nelson und Claire Waldoff – hier nicht alle genannt werden können.

Wenn Völkers Buch über viele Seiten name dropping betreibt, liegt das nicht nur an der Erfolgsgeschichte des KadeKo und seiner Künstler, sondern an der wichtigsten Materialquelle Völkers, seiner Sammlung der mit „Die Frechheit“ und „Eulenspiegel“ betitelten Programmhefte. Jetzt blättert er sie chronologisch auf und kommentiert sie mit Briefen, Akten und Dokumenten aus dem Nachlass von Willi Schaeffers.

Der 1962 Verstorbene hat das Haus – in wechselnden Quartieren des Berliner Westens, die längste Zeit am Kurfürstendamm (im „Palmenhaus“ und am Lehniner Platz) – als Prinzipal zwölf Jahre geführt, von 1938 bis 1950. Das waren nicht nur Hitlers Jahre, die das Kabarett zu politischer Enthaltsamkeit verurteilten, ohne ihm doch alle Zähne ziehen zu können, sondern auch die Trümmerjahre Berlins, denen er mit dem Programm „Melodie der Straße“ eine unvergessene Revue widmete. Mit 500 Aufführungen schaffte sie einen Rekord. Auch Günter Neumann, der in den Fünfzigern mit seinen „Insulanern“ die Melodie der geteilten Stadt intonierte, hat im KadeKo der dreißiger Jahre begonnen.

Es waren, trotz Hitler, nicht die schlechtesten Zeiten des KadeKo, das mindestens zwei Blüteperioden hatte, die letzten Jahre der Weimarer Republik und die ersten Jahre des Nationalsozialismus bis zur Olympiade 1936. Legendär wurden beide auf ihre Art: erst das KadeKo Kurt Robitscheks, der vor 1933 „die Traditionen jüdischen Humors, den sinnlichen Schwung und erotischen Esprit französisch-wienerischen Operettentreibens und die Beinartistik amerikanischer Revuen varietéartig mit der Angriffslust literarisch-politischer Kabarettistik wirkungsvoll zu vermischen verstand“ (Klaus Völker) und 1933 emigrieren musste; dann das KadeKo Hanns Schindlers und Schaeffers’, das in der gleichgeschalteten Kulturwüste zur letzten Oase für Scherz, Satire und Ironie wurden, als selbst Werner Fincks „Katakombe“ von Goebbels geschlossen wurde.

Schaeffers, der zeitweise die Protektion des Generalsekretärs der Reichskulturkammer Hans Hinkel genoss, bot Finck nach seiner Entlassung aus dem KZ sogar Zuflucht im KadeKo, bis ihn Goebbels 1939 zu sich zitierte. In dessen Tagebuch liest man am 1. Februar 1939 von einem „Kampf um das Kabarett der Komiker. Ich stauche Schaeffers zurecht. Er weint mir etwas vor. Aber ich bleibe bei meinem Standpunkt. Der politische Witz wird ausgerottet. Und zwar mit Stumpf und Stiel.“

Für einen von Schaeffers Leuten wurde daraus wenig später blutiger Ernst: Robert Dorsay, den Goebbels als „singenden Tanzteufel“ bewundert hatte, wurde nach seinem Ausscheiden aus dem KadeKo beim Fronttheater eingesetzt, von Kollegen denunziert und wegen „Zersetzung der deutschen Wehrkraft“ 1943 hingerichtet. Schaeffers gelang es indessen mit List, Tücke und „Überdosen an optimistischer Unterhaltung“ seine Truppe zusammenzuhalten, auch wenn er nicht jeden – wie das Jungtalent Peter Frankenfeld – vor der Einberufung zur kämpfenden Truppe bewahren konnte.

Der Preis waren personelle und politische Zugeständnisse wie das Engagement des notorischen Nazi-Humoristen Jupp Hussels und ein beschwörender Brief an das jüngste Ensemblemitglied Alexander Geimer: „Ich bitte nur inständigst mir zu glauben, machen Sie keine politischen Witze...Lassen Sie sich nicht durch Lachen der Zuschauer verleiten. Das hat drei der Besten unseres Berufs vor einem Jahr den Hals gebrochen.“ Georg Thomalla, als wichtigster Schauspieler des KadeKo noch 1943 vom Wehrdienst freigestellt, erinnerte sich 1988 in seinen Memoiren aus dieser Zeit nur an „belanglose Harmlosigkeit. Die Theater operetteten sich durch...“

So war es nach dem Krieg zwar als Rechtfertigung, aber durchaus zutreffend gemeint, wenn Willi Schaeffers 1949 in einem Programmzettel erklärte: „Wir waren nie ein politisches oder literarisches Kabarett.“ Er gedachte zwar der „nicht mehr am Leben weilenden Mitglieder“, aber ohne die Opfer von KZ und NS-Justiz als solche zu nennen.

Kurt Robitschek hat das vermutlich etwas anders gesehen, ohne Schaeffers das Lavieren unter Hitler zu verübeln. Schließlich hatte er ihm 1933 selbst die Übernahme der Leitung vorgeschlagen. Zum Jubiläum 1949 gratulierte er aus New York, veranstalte aber in der Carnegie Hall eine eigene Gedenkrevue. Über sein Berliner Kabarett, glaubt Klaus Völker, „grämte er sich schon lange nicht mehr, aber einfach das Geschehene vergessen und sich als Gründer und ,einer’ der Direktoren feiern zu lassen, dem andere und nun gleichberechtigt neben ihm zu ehrende gefolgt waren, spürte er keine Neigung“. Er war – anders als Willi Schaeffers, der seinem letzten Programm vergebens den Titel gab „Wir sind übern Berg“ – längst darüber hinweg.

Klaus Völker: Kabarett der Komiker. Berlin 1924 bis 1950. Edition Text + Kritik, München 2010. 280 Seiten, 39,80 €.

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