Oscar Niemeyer und die Stalinallee : Auf Stelzen in die Keramik

28.12.2012 00:00 UhrVon Maike Wetzel

Oscar Niemeyer baute im Hansaviertel, Hermann Henselmann die Stalinallee. Während ihre Bauten in Berlin so zu Kampfansagen konkurrierender Blöcke wurden, waren sich die beiden Architekten durchaus zugetan.

Zwei Männer schlendern durch Berlin. Im Osten bewundern sie die monumentale Wucht der Karl-Marx-Allee, im Westen ein hochgebocktes Betonschiff am Rande des Tiergartens. Die beiden Herren stützen sich an der Reling der Zugangsrampe ab, deuten auf die Punkte des monolithischen Aufzugsturms. Oscar, du hast die Kurve raus, könnte der Pfeifenraucher sagen. Nicht doch, Hermann, der andere grinsend entgegnen. Deine Stalinallee gehört zu den gelungensten Avenuen Europas.

So war es nicht, so wird es nicht mehr geschehen. Denn die beiden befreundeten Architekten sind tot. Hermann Henselmann starb bereits 1995, Oscar Niemeyer am 5. Dezember, zehn Tage vor seinem 105. Geburtstag. In Berlin steht das einzige seiner Gebäude, das in Deutschland errichtet wurde. Im Rahmen der Internationalen Bauausstellung 1957 entwarf er ein Scheibenhochhaus im Hansaviertel. Seine prägnantesten Merkmale hat Niemeyer sich bei der Marseiller „Wohnmaschine“ seines Lehrmeisters Le Corbusier ausgeliehen: Das Gebäude ruht auf V-Stützen, im fünften Stockwerk ist das Fensterband durchgezogen. Hier plante Niemeyer eine komplette Gemeinschaftsetage. Über die dann doch eingebauten Wohnungen war er sehr ungehalten. Obwohl der Architekt am Ende nicht zufrieden war, ist Niemeyers Interbau-Beitrag heute denkmalgeschützt. Die Wohnblocks in der ehemaligen Stalin- und heutigen Karl-Marx-Allee, für die Henselmann wesentlich verantwortlich ist, sind mit 1,7 Kilometern sogar das längste Baudenkmal Europas.

In beiden Vierteln leben bis heute viele der ersten Mieter. Das spricht für die Qualität der Wohnungen. Die Bewohner des Hansaviertels, zu denen auch die Autorin zählt, schwärmen von der idealen Raumaufteilung im „Niemeyer“, von der Helligkeit, dem weiten Blick nach Ost und West, den vielen, charmanten Details wie die geschwungene Trennwand mit Einbauelementen oder den Bullaugenfenstern. Die Lage im Park ist ein weiteres Plus des Hauses. Das Grün auf der Karl-Marx-Allee dagegen verschwindet im neunzig Meter breiten Asphalt. Zum Einkaufen fahren die Bewohner manchmal lieber zum Alexanderplatz. Das ist weniger anstrengend als der Weg zum Bäcker auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Menschen werden zu Ameisen auf der Karl-Marx-Allee – doch auch diese Monumentalität ist offenbar reizvoll. Das Viertel ist beliebt.

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Unser/e Leser/in blinder meint zum Artikel: Besuch im Reichstag bleibt umständlich:
Da von den aktuell 620 Abgeordneten bei den Sitzungen sowieso nur 20% anwesend sind, bleiben fast fünfhundert Sitze unbelegt. Hier könnte man doch die wartenden Besucher nach der obligatorischen Einlasskontrolle "zwischenparken".
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