Ost-Enklave im Westen : Klein-Glienicke: Der Blinddarm der DDR

Klein-Glienicke war eine Ost-Enklave im Westen. Eine persönliche Erinnerung des Tagesspiegel-Autors Michael Zajonz zum 48. Jahrestag des Mauerbaus.

Michael Zajonz
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Verbotenes Land. 1990 war der Todesstreifen am Böttcherberg wieder zugänglich.Foto: Nicolai Verlag/C. Hoffmann

Anneken Bing kannten alle im Dorf. Selbst wir Kinder hatten Respekt vor der kleinen, verhutzelten alten Frau mit dem obligatorischen Haarnetz, die, in ihrer grünen Kittelschürze vor sich hin schimpfend, die Straßen von Klein-Glienicke fegte. Wenn man sie nach ihrem Beruf fragte, antwortete sie ohne jeden Anflug von Ironie: Ich bin Halbkreisarchitektin.

Anne Bing, die irgendwann in den späten siebziger oder frühen achtziger Jahren gestorbene Straßenfegerin, ist eine der vielen aus der Erinnerung auferstandenen Figuren in Jens Arndts Dokumentarbuch „Glienicke. Vom Schweizerdorf zum Sperrgebiet“. Es erzählt eine ganz besondere Mauergeschichte, die Geschichte vom Blinddarm und von der engsten Stelle der insgesamt ziemlich engen DDR.

Das Dorf Klein-Glienicke, südöstlich der Glienicker Brücke auf der Wannseeseite der Havel gelegen, war eine Einstülpung des Ostens im dicken Bauch von Westberlin. Zwischen dem Mauerbau 1961 und ihrem Fall 1989 war der Ort, dessen beide Schlösser im Westen lagen und für die Glienicker unzugänglich blieben, ringsherum von der Mauer umgeben. Es gab nur eine Verbindung nach draußen: die Parkbrücke über den Teltowkanal nach Babelsberg. Dort stand ein Kontrollposten der Grenztruppen mit Schlagbaum und Wachturm, und alle, die an ihm vorbei wollten, mussten einen besonderen Passierschein vorzeigen. Und den bekam meist nur, wer dort wohnte. Spontanbesuche waren in Klein-Glienicke nicht vorgesehen, Familienfeiern mussten Monate im Voraus geplant und beantragt werden.

Ich bin in dieser „Sonder-Sicherheitszone“, wie Klein-Glienicke im Jargon der DDR-Grenztruppen hieß, aufgewachsen: von 1966 bis zum Herbst 1973. Als Kind fand ich es übrigens wunderbar, den Mauerkoller habe ich erst später bekommen. Meine Großeltern liegen auf dem KleinGlienicker Friedhof begraben, mein Vater lebt immer noch dort. Ich kenne also vieles, was der Dokumentarfilmer und Neu-Glienicker Arndt in seinem Buch beschreibt – oder von Zeitzeugen beschreiben lässt –, aus eigener Anschauung.

Höchste Zeit, dass es dieses Buch endlich gibt. Es ist nicht nur interessant für die paar Leute, die an diesem ganz besonderen Ort in diesem sehr speziellen Moment deutscher Geschichte gelebt haben. Es darf Aufmerksamkeit beanspruchen, weil man sich vieles gar nicht vorstellen kann. Dass zum Beispiel die Bonzen vom freiwilligen „Grenzsicherheitsaktiv“ zu jeder Tages- und Nachtstunde bei dir klingeln konnten, um zu kontrollieren, ob du noch da bist. Oder ob deine Gartenleiter vorschriftsmäßig mit Schloss und Kette gesichert ist, damit niemand anderes auf dumme Gedanken kommt.

Im Buch werden spektakuläre Republikfluchten ebenso geschildert wie der vom Westen her verübte Bombenanschlag auf den Grenzkommandeur von Glienicke, Major Franz Pateley. Mit Pateley sprach selbst mein Großvater, der mit der DDR sonst nichts am Hut hatte. Die Wandlung vom überzeugten Kommunisten zum zurückhaltenden Befürworter des Rechtsstaats Bundesrepublik schildert Pateley im Buch selbst. Hut ab.

Insgesamt 12 Zeitzeugen erzählen aus ihrem Leben: von Lonny von Schleicher, der 1919 geborenen Stieftochter des Generals und Reichskanzlers Kurt von Schleicher, den die Nazis 1934 in seiner Glienicker Villa zusammen mit seiner Frau erschossen, bis zum ehemaligen Kirchendiener Eckart Bootz. Er lebte über 60 Jahre in Glienicke, 40 davon direkt an der Grenze, bis eine Erbengemeinschaft ihn 1996 aus dem Haus trieb.

Klein-Glienicke ist nie ein Paradies gewesen, auch wenn es auf historischen Fotografien zuweilen so aussieht. Aber ein schönes Fleckchen, das inzwischen zum Unesco-Weltkulturerbe der Berlin-Potsdamer Schlösserlandschaft gehört, war und ist es allemal. Prinz Carl von Preußen, der jüngere Bruder König Friedrich Wilhelms IV. und Kaiser Wilhelms I., kaufte Gut und Dorf 1824 und ließ erst das Schloss (von Schinkel) und den Park (von Lenné und später unter Beratung von Fürst Pückler) umgestalten, ehe er sich dem Umbau des Jagdschlosses und der Verschönerung des Dorfes widmete.

„Sir Charles Glienicke“ unterschrieb der anglophile Italien- und Schweiz-Liebhaber gern seine Privatpost. Auch im Dorf finden sich – trotz immenser Abrisse zu Mauerzeiten – bis heute architektonische Spuren aller drei Sehnsuchtsziele, allen voran das nur zum Teil erhaltene großartige Ensemble der Schweizerhäuser. Auf den im Buch reproduzierten Schwarz-Weiß-Fotos des Potsdamer Malers Peter Rohn, im Winter 1989/90 entstanden, erkennt man nur zu gut, wie verächtlich das Grenzregiment mit den Resten dieser Pracht dann umgegangen ist.

Jens Arndt und seine Frau Manuela zeigen, wie der einst ärmliche Flecken erst zum prinzlichen Kunstdorf, später zur Sommerfrische von Berlinern und Potsdamern, zum Wohnort der Schönen (Lilian Harvey!) und Reichen und schließlich zum grenzpolitischen Kuriosum wurde. In Klein-Glienicke fokussiert sich wie in einem Brennglas das deutsche 20. Jahrhundert: vom mondänen Leben der Oberschicht und kleinbürgerlichem Ausflugsbetrieb über die Gewalt gegen politisch Andersdenkende sowie jüdische Mitbürger, den Wahnsinn der Mauer bis hin zu den Turbulenzen, die mit der Rückübertragung von Immobilien nach 1990 verbunden waren.

Das Haus Wannseestraße 12 zum Beispiel, direkt am Ufer des Griebnitzsees gelegen, war 1908 von der jüdischen Familie Meyerstein gebaut worden. Während der Nazizeit musste sie es verkaufen. Die zweite Erwerberfamilie nach dem Zwangsverkauf hat die Villa unter großen persönlichen Opfern durch die DDR-Zeit gebracht. Ich erinnere mich noch gut an die alte Frau Severin, der als Alleinlebender im eigenen, von der DDR später enteigneten Haus nur noch ein Zimmer zustand. Sie lebte dort als feine Dame mit Flügel und großen bemalten KPM-Vasen. Nach der Wiedervereinigung wurde das Haus an die Tochter der Meyersteins restituiert und gleich weiterverkauft. Heute gehört es zu den vielen kitschigen, ohne Sinn für den Charakter des Ortes aufgehübschten Luxusobjekten.

Das Buch liest sich wie ein Krimi, wenn es um persönliche Schicksale geht. Beim historischen Teil sind den Arndts ein paar ärgerliche Fehler unterlaufen. Es ist kein Drama, dass der Große Kurfürst 1688 und nicht erst 1713 gestorben ist, dass Kaiser Wilhelm I. statt König Friedrich Wilhelm IV. im Schloss Babelsberg residierte oder dass nicht Schinkel, sondern Persius die Sacrower Heilandskirche entworfen hat. Die Geschichte der Glienicker Kulturlandschaft liest man anderswo besser, doch den Irrwitz der Zeitgeschichte so nur hier. Man wünscht diesem trotz allem wunderbaren deutschdeutschen Lese- und Bilderbuch bald eine zweite, verbesserte Auflage.

Jens Arndt: Glienicke. Vom Schweizerdorf zum Sperrgebiet. Nicolai Verlag, Berlin 2009. 191 S., zahlreiche Abb., 29,95 €.

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