Ost- und westdeutsche Malerei der 80er : Die Mauer hatte Risse

Das Verbindende im getrennten Land: Das Potsdam Museum vergleicht die wilden 80er Jahre in der ost- und westdeutschen Malerei. Mit Stars wie Baselitz und Neo Rauch.

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Barbara Quandts "My sister in New York" (1983)
Barbara Quandts "My sister in New York" (1983)Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2016, Peter Adamik

Berlin war eine Insel. Ein zweigeteiltes Biotop, in dem sich während der achtziger Jahre stilistische Mutationen entwickeln konnten. Dank Künstlern wie Maina-Miriam Munsky, Johannes Grützke, Barbara Quandt oder Gisela Breitling blühte im Westteil der Stadt eine figürliche Malerei mit unverhohlenem Interesse an der Realität. Hier knipste Munsky das Neonlicht an und blickte mit sezierendem Interesse auf die OP-Tische im Krankenhaus und die aufgeschnittenen Körper der Patienten. Breitling platzierte einen weiblichen Halbakt in ihr Gemälde wie in ein Fenster, aus dem die Figur ernst auf den Betrachter schaut. Die Haut schimmert wie mattes Porzellan, und alles Übrige ist so detailliert dargestellt, als käme das Porträt direkt aus der Renaissance. Daneben hängt nun im Potsdam Museum ein Bild von Doris Ziegler. „Paar am Fenster (Leipziger Liebespaar)“ heißt es, und die nackte weibliche Figur darauf ähnelt im Ausdruck wie in ihrem Verismus verblüffend der von Breitling.

Deutlicher lässt sich kaum formulieren, worum es der aktuellen Ausstellung „Die wilden 80er Jahre in der deutsch-deutschen Malerei“ im Potsdamer Stadtmuseum geht. Sie vergleicht unmittelbar zwei subkulturelle Szenen, die sich geografisch ganz nahe waren und dennoch unheimlich fremd. Im Westteil der Stadt verwarfen junge Künstler die dominierenden internationalen Strömungen wie Minimalismus und Konzeptkunst. Im Osten opponierte eine ebenfalls junge Generation von Berlin bis nach Leipzig und Dresden gegen den Sozialistischen Realismus und jede politische Instrumentalisierung. Knapp 90 Werke aus dem Bestand des Museums und diverser Leihgeber dokumentieren die Ergebnisse dieser Auseinandersetzungen. Dass man die Bilder blind für ihre Herkunft gehängt und sich stattdessen für thematische Gruppierungen mit Titeln wie „Figurativ erzählerisch“ oder „Figurativ und ekstatisch“ entschieden hat, macht den Reiz dieser Schau aus.

Es gibt mehr Gemeinsamkeiten als gedacht

Jutta Grötzmann, Direktorin des Hauses, setzt die Malerei der DDR in einen Dialog mit den figürlichen Positionen des Westens. Elvira Bach, Rainer Fetting, Angela Hampel, Werner Tübke, Georg Baselitz: Allein bei den vertretenen Namen sind Kollisionen programmiert. Politisch wie künstlerisch strebten die Haltungen bereits in jedem Land für sich auseinander. Und doch: Wer die Frauenbildnisse der 1949 in Weimar geborenen Doris Ziegler und der zehn Jahre älteren Berlinerin Gisela Breitling nebeneinander sieht, der ahnt, dass es weit mehr Gemeinsamkeiten gibt als gedacht. Eigentlich kann es gar nicht anders sein, denn die Parallelen beginnen mit der selbst verordneten Verunsicherung.

Wer den offiziellen Kanon nicht anerkennt und seinen Standpunkt sucht, wird erst einmal auf sich selbst zurückgeworfen. Das erklärt die zahlreichen Selbstporträts. Und ebenso die Sympathie für Kostümierungen als Clown oder Narr – beide sind Außenseiter, dürfen dafür aber Wahrheiten sagen. Eine zweiter Aspekt sind die doppelten Sozialisationen: Wenn einer wie Baselitz 1958 als Student nach einem Verweis von der Kunsthochschule Weißensee in den Westen geht, nimmt er seine DDR-Biografie mit. Genau wie Hans-Hendrik Grimmling oder Volker Stelzmann, der sich erst Mitte der 80er Jahre nach einer Reise aus der DDR absetzte. Als ihn die Kunstakademie in Berlin zum Professor berief, ließ Baselitz seine dortige Tätigkeit ruhen. Keinesfalls wollte er in derselben Institution arbeiten wie der hoch dekorierte „Staatskünstler“. Die Händel, Antipathien und ideologischen Scharmützel diffundierten so und wurden auf beiden Seiten der Mauer ausgetragen. Sie selbst war ein Symbol, an dem sich alle gleichermaßen abarbeiteten. Fetting aus Kreuzberger Perspektive mit seinen neoexpressiven Stadtlandschaften, die jäh vor grünen oder lila Farbflächen enden. Wolfgang Mattheuer in Leipzig mit Gemälden, auf denen seine Figur 1988 einen großen Schritt nach vorne macht. In die Freiheit? Oder doch ins Ungewisse?

Das Politische klingt immer mit

In einer Ausstellung, die das Verbindende im getrennten Land zum Thema macht, sind den Interpretationen kaum Grenzen gesetzt. Fast muss man aufpassen, um nicht jede vertikale Fläche als Mauer und jeden engen Raum als Zeichen der Isolation zu lesen. Gleichzeitig wird jedoch der Facettenreichtum dieser Bilder sichtbar: Sie sind stets auf mehreren Ebenen zu verstehen, und immer klingt Politisches mit.

Das Potsdam Museum positioniert sich so schon einmal, bevor nächste Woche schräg gegenüber das Palais Barberini mit Hasso Plattners Kunstsammlung eröffnet. Was den Besuch noch lohnend macht: Neben Stars wie Baselitz, Heisig oder Neo Rauch tauchen Künstler auf, deren Namen man heute selten hört. Nicht jedem ist wie Mattheuers „Mann mit Maske“ der Schritt in die Gegenwart geglückt. Auch dafür sensibilisiert die Schau.

Potsdam Museum, Am Alten Markt 9, Potsdam, bis 12. März, Di/Mi/Fr 10–17 Uhr, Do 10–19 Uhr, Sa/So 10–18 Uhr

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