Palast der Republik : Karthago wurde auch nicht an einem Tag zerstört

Der Palast der Republik wankte, lange bevor der Bundestag 2002 den Abriss beschloss. Der Dichter Gerhard Falkner und der Videokünstler Reynold Reynolds erinnern an den Palast der Republik.

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Abrissarbeiten am Palast der Republik (2).
Abrissarbeiten am Palast der Republik (2).Fotos: Reynold Reynolds/Starfruit

Als Sabine Bergmann-Pohl, die letzte Volkskammerpräsidentin der DDR, den asbestverseuchten Bau im September 1990 mit einer Gasmaske betrat, um einige Unterlagen zu retten, sprach sie stillschweigend ein Urteil, das andere nur noch vollstrecken mussten: Was den Tod bringt, verdient den Tod.

Im Januar 2006, nach vielfältigen Versuchen, die parlamentarische Entscheidung noch einmal umzuwerfen, war es soweit. Binnen dreier Jahre wurde er bis auf den letzten Stein abgetragen. Seitdem künden rund um den Fernsehturm nur noch ein bronzener Marx und ein standhafter Engels von der ganzen Herrlichkeit des Sozialismus.

Ob die Bürger der DDR dieses Haus des Volkes, das über den von Ulbricht gesprengten Ruinen des Berliner Schlosses errichtet worden war, besonders liebten, daran lässt sich trotz respektabler Umfragewerte zweifeln. Wenn es in Ost und West jemals ein tieferes Verhältnis zum sogenannten Palazzo Prozzo gab, so hat es mit der kulturellen Zwischennutzung des entkernten Gebäudes eingesetzt: Erst im Lauf der Demontage gewann es seine wahre symbolische Kraft.

Der 1951 im mittelfränkischen Schwabach geborene Dichter Gerhard Falkner und der 13 Jahre jüngere, aus Alaska stammende Videokünstler Reynold Reynolds haben dem Palast mit dem achtminütigen Poesiefilm „Der letzte Tag der Republik“ auf ihre Weise ein Denkmal gesetzt. In Buchform, verschwenderisch ausgestattet mit farbigen Filmstills, verschiedenfarbigem Papier und einer DVD, kommt mit Moritz Holfelders Essay „Von Luftschlössern und realen Palästen“ zur affektiven Annäherung nun eine historisch-analytische hinzu.

So parteilich die Beteiligten sind: „Der letzte Tag der Republik“ ist keine Kampfschrift. Es ist ein Epitaph mit surrealistischen Zügen. Reynolds’ mit einer 16-Millimeter-Bolex gedrehte, stark beschleunigte und rhythmisierte Bilder zur elektronischen Geräuschmusik von Giuseppe Iacono zeigen alienhafte Kräne und Bagger bei ruckartigen Zerstörungs- und Ausweidungsorgien.

Es ist ein Spektakel von befremdlicher Schönheit, zu dem Falkner Verse komponiert hat, die, wie er in einem Essay auf poetenladen.de anmerkte, zugleich etwas Deutsches haben sollten und eine antike Dimension, einen „romantischen Ton“ und „seine ironische Abfuhr“.

Alles muss weg. Abrissarbeiten am Palast der Republik (1).
Alles muss weg. Abrissarbeiten am Palast der Republik (1).Fotos: Reynold Reynolds/Starfruit

„Ich bin immer noch nicht da, wo ich war, wenn ich weg bin“, heißt es da. „Ich stehe nach Abschluss der Arbeiten nun kurz vor der Beseitigung. / Es wird schwer sein, mich zu vergessen, jetzt wo ich nicht mehr da sein werde. / Meine Anwesenheit in der Abwesenheit wird nachklingen. / Ein Koloss aus Beton, Geschichte und Zeit, der geht nicht, – / ohne dass etwas bleibt, was noch verschwindet, / wenn alles längst vorbei ist.“ Und dann der Satz: „Karthago ist auch nicht an einem Tag zerstört worden.“

Falkner, der sich schon 2005 in dem Langgedicht „Gegensprechstadt – ground zero“ (kookbooks) durch die Schichten Berlins grub, ist Reynold Reynolds seit dem im selben Jahr im Künstlerhaus Bethanien entstandenen Splitscreen-Kurzfilm „Stadtplan (eine stadt, geteilt in spra und che)“ verbunden, der eine Art Vorarbeit zum Palastprojekt ist (www.vimeo.com/16743958): Falkner nimmt darin die Metapher von der Stadt als Text wörtlich.

Wo „Stadtplan“ aber einen konkreten urbanen Raum erforscht, da betreibt „Der letzte Tag der Republik“ eine Spurensuche, die längst nicht mehr nur im Sichtbaren stattfindet: „Das Schloss wird sich schließen um den versunkenen Bau / und die Zeit wird im Schloss den Schlüssel umdrehen / bis der Schlüssel (mit der Zeit) das Schloss umdreht.“ Damit dürfte auch das Gedicht über das Humboldt-Forum, das keiner jemals schreiben wird, geschrieben sein.

Gerhard Falkner / Reynold Reynolds: Der letzte Tag der Republik. The Last Day of the Republic. Mit einem Essay von Moritz Holfelder. Deutsch-englische Ausgabe mit DVD. Starfruit Publications, Nürnberg 2011. 152 Seiten, 24 €.

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