Palazetto Bru Zane in Venedig : Das Haus der vergessenen Klänge

Mäzenatentum macht’s möglich: Wie das "Centre de musique romantique française" in einem venezianischen Palazzo die französische Musikgeschichte erforscht.

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Die Partizierfamilie Zane ließ sich den Palazzo 1697 als Casino für sommerliche Vergnügen errichten.
Die Partizierfamilie Zane ließ sich den Palazzo 1697 als Casino für sommerliche Vergnügen errichten.Foto: Palazetto Bru Zane

Als Mozarts „Zauberflöte“1801 endlich ihre Pariser Erstaufführung erleben sollte, zeigte sich die Leitung des Theatre de la République wenig pingelig: Weil die Handlung der Oper als schwer verständlich für das französische Publikum eingestuft wurde, ersetzte man sie kurzerhand durch ein neues Libretto, das in Ägypten spielte. Nach Napoleons Feldzug zu den Pyramiden war die Gegend gerade groß in Mode. Aber auch die Partitur blieb nicht verschont: Lokalen Gepflogenheiten zuliebe wurden die Dialoge durch Rezitative ersetzt, außerdem eine Balletteinlage eingefügt. Am Verrücktesten aber wirkt für heutige Hörer an diesem „Les Mystères d’Isis“ getauften Bastard, dass große Teile der originalen Melodien an anderer Stelle und in anderem Kontext erklingen als gewohnt – auf die Ouvertüre folgt hier beispielsweise sofort die Finalmusik – und dass diverse Arien aus anderen Opern Mozarts eingefügt wurden, die Königin der Nacht beispielsweise mit einer Nummer aus „Don Giovanni“ die Bühne betritt, während Tamino und Papageno ein Duett aus „La Clemenza di Tito“ singen.

Die Wiederentdeckung dieses für Mozart-Kenner absolut spannenden Hybridwerkes, das zeigt, wie Theaterpraxis von vor gut 200 Jahren funktionierte, ist Nicole Bru zu verdanken. Die märchenhaft reiche Erbin des Pharma-Unternehmens UPSA hat sich vor zehn Jahren entschlossen, neben ihrem umfangreichen sozialen Engagement auch noch die Erforschung der französischen Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts mit jährlich drei Millionen Euro aus ihrer Privatstiftung zu unterstützen. Und weil sie gerade einen venezianischen Palazzo gekauft hatte, um ihn vor dem Verfall zu retten, fand die neue Institution ihren Sitz nicht in Paris, sondern im Herzen der Lagunenstadt.

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Venedig im Karnevalsrausch
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Errichtet wurde der Palazzo für sommerliche Vergnügungen

Die Familie Zane, die seit dem 13. Jahrhundert zu den einflussreichsten venezianischen Patrizierfamilien gehörte, ließ sich 1697 im Garten ihres Stammsitzes im Viertel San Polo ein „Casino“ errichten, ein Gartenhaus, in dem man sich ungezwungen mit seinen Freunden vergnügen konnte. Aus der Perspektive Normalsterblicher ist auch diese Dependance ein beeindruckender Prachtbau, allein der zentrale Saal hat 800 Quadratmeter. Es gibt einen eigenen Zugang vom Rio-Marin-Kanal aus, die Eingangshalle beeindruckt mit vierfarbigem Marmordekor, die repräsentativen Räume sind mit fein ausgeführten Fresken und ausladendem Stuck geschmückt. Von den 14 Angestellten des Palazzetto Bru Zane arbeiten zehn in diesem herrlichen Ambiente, die übrigen in Frankreich, wo ja in den Archiven jenes Quellenmaterial lagert, das es zu erforschen gilt.

Mit dem Begriff „Das lange 19. Jahrhundert“ definieren die Forscher den Abschnitt der Weltgeschichte, der sie interessiert – und meinen damit jene geistesgeschichtliche Epoche, die mit dem Sturm auf die Bastille 1789 beginnt und mit dem Ersten Weltkrieg endet. Nicht ausschließlich französische Komponisten nehmen sie dabei in den Blick, sondern auch Musiker, die nach Paris kamen, um in der damaligen Welthauptstadt der Künste ihr Glück zu versuchen. Ebenso kann es um Werke gehen, die – siehe Mozarts „Zauberflöte“ – hier in veränderter Form aufgeführt wurden.

„Von Joseph Haydn oder Gaetano Donizetti ist mittlerweile jede Note verfügbar und aufgenommen“, sagt Alexandre Dratwicki, der künstlerische Leiter des Palazzetto Bru Zane. „Bei vielen französischen Komponisten, selbst bei den bekanntesten, klaffen dagegen noch große Lücken.“ Weil es ein erklärtes Ziel des „Centre de musique romantique française“ ist, die Partituren nicht nur zu katalogisieren und zu analysieren, sondern sie vor allem auch der Öffentlichkeit bekannt zu machen, wird ein Großteil der Finanzmittel für Konzerte und CD-Einspielungen investiert. Die Arbeit der Musikwissenschaftler im stillen Kämmerlein gilt also stets der Vorbereitung von Aufführungen. In Venedig finden sie sowohl im hauseigenen Kammermusiksaal mit seinen 75 Sitzplätzen statt, wie auch – nur ein paar Schritte über die Gasse – in der Scuola Grande San Giovanni Evangelista, der atemberaubend prachtvoll ausgeschmückten barocken Aula eines der steinreichen venezianischen Klöster. Regelmäßig präsentiert man sich außerdem bei Festivals in Paris, in der kommenden Saison beispielsweise mit Camille Saint- Saens komplett vergessener Oper „Le timbre d’argent“. Außerdem touren vom Palazzetto konzipierte Programme durch Konzertsäle in ganz Europa und Institutionen, die französische Werke spielen wollen, können Fördergelder beantragen. Die Oper in Leipzig wird im Mai 2017 Charles Gounods Oper „Cinq Mars“ szenisch zur Diskussion stellen, beim Raritäten-Festival im irischen Wexford kommt bereits im Herbst Félicien Davids „Herculaneum“ heraus, eine Antiken-Oper, die mit dem Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 nach Christus endet.

Eine zweite Chance gibt es nicht

„Wir bemühen uns darum, junge Interpreten einzubinden, damit sie bereits am Anfang ihrer Karriere mit dem unbekannten Repertoire in Berührung kommen“, erklärt Dratwicki seine Strategie. Engagierte Unterstützer findet er aber auch in so manchem französischen Dirigenten von internationalem Renommee. Marc Minkowski hat neben Wagners „Fliegendem Holländer“ auch die ein Jahr zuvor uraufgeführte Version des Stoffes von Pierre-Louis Dietsch eingespielt, Hervé Niquet und Christophe Rousset stehen regelmäßig bei Projekten am Pult. „Was wir auf CD herausbringen, muss ganz besonders gut gemacht sein“, sagt Alexandre Dratwicki. „Sonst werden wir gefragt: Warum habt ihr das denn ausgegraben? Oder es werden über Generationen eingeübte Vorurteile bestätigt.“

Ein erstaunlich vielseitiger Komponist, dessen Namen selbst Fans und Kenner der französischen Romantik kaum je gehört haben dürften, war jüngst beim „Festival Benjamin Godard“ zu entdecken: 1849 in Paris geboren und früh als Violin-Wunderkind gefeiert, avancierte Godard später zum gern gesehenen Gast in den besten Salons der Metropole und wurde bis zu seinem frühen Tod 1895 für seine zarten Melodien geschätzt sowie für einen genuin französischen Stil, der ganz auf geschmackvolle Unterhaltung setzt. Und sich immun zeigt gegenüber der damals unter den Intellektuellen grassierenden Wagner-Manie.

Die Einspielung von „Les Mystères d’Isis“ nach Mozarts „Zauberflöte“ ist beim Label Glossa erschienen. Der Palazzetto Bru Zane (San Polo 2368) kann immer am Donnerstag kostenlos besichtigt werden. Weitere Informationen dazu sowie zum musikalischen Programm unter www.bru-zane.com

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